"Für jedermann, auch Frauen": Plakat zu einem politischen Vortrag als interessantes Zeugnis aus den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs


Mit dem Plakat, dass in der Druckerei R. Voigtländer Nachf. angefertigt wurde, lud Landrat Erwin von Nasse am 10. Oktober für Sonntag, 20. Oktober 1918, nachmittags um 15 Uhr zu einem Vortrag in das evangelische Gemeindehaus in der Rossstraße ein. Der Reichstagsabgeordnete Gustav Trittel (1865-1929), der für die nationalliberale Partei im Deutschen Reichstag saß, sollte Interessierte über die innere und äußere Lage Deutschlands informieren, worauf ab dem 12. Oktober Anzeigen in der Lokalpresse hinwiesen.

Nachdem Max von Baden am 3. Oktober Reichskanzler geworden war und die erste parlamentarische Regierung Deutschlands gebildet hatte, wurde dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson am 4. Oktober auf Betreiben der Oberen Heeresleitung ein Waffenstillstandsangebot überreicht. Mitte Oktober 1918 spitzte sich die Kriegssituation zu, angesichts des militärisch-politischen Zusammenbruchs des verbündeten Österreich-Ungarns befand man sich in der Endphase des Krieges. Nur wenige Tage, nachdem erstmals in der lokalen Presse für den Vortrag geworben worden war, wurde der Termin abgesagt – angeblich wegen einer ungünstigen Eisenbahnverbindung.

Beschwörung "deutscher Tugenden" - obwohl Krieg längst verloren ist

Auf dem im Stadtarchiv überlieferten Plakat ist handschriftlich verzeichnet, dass der Vortrag mit „Rücksicht auf die politische Lage“ nicht stattgefunden hat. In der Lokalpresse standen täglich Berichte über die aktuelle politische Situation, insbesondere über die Waffenstillstandsverhandlungen und die Möglichkeit eines bevorstehenden Friedens, wie Überschriften beweisen: 11. Oktober: Nach Wilsons vorläufiger Antwort Friedensverhandlungen erwartet; 12. Oktober: Die Antwort an Wilson; 15. Oktober: Die Bemühungen um Waffenstillstand; 16. Oktober: Wilsons zweite Antwort; 17. Oktober: Enttäuschung über Wilsons Antwort; 18. Oktober: Warum weicht Wilson aus?; 19. Oktober: Neue Erklärung an Wilson (…).

Das Plakat aus der umfangreichen Materialsammlung des Stadtarchivs zum Ersten Weltkrieg ist ein interessantes Zeugnis aus den letzten Tagen des Krieges in Bad Kreuznach. Bemerkenswert an dem Werbeträger ist, dass immerhin wenige Wochen vor der Geburtsstunde des Frauenwahlrechts zu dem Vortrag nicht nur „jedermann“ sondern explizit auch „Frauen“ angesprochen wurden, und auch das Deklamieren von Durchhalteparolen und die Beschwörung „deutscher Tugenden“ wie Tapferkeit, Treue und Pflichtbewusstsein – und dies, obwohl längst klar war, dass der Krieg verloren war.

Jetzt noch im Stadtarchiv unter MS „Erster Weltkrieg“

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