Oktober 1914: Zwischen Kreuznach und Kiautschou tobt der Krieg

© Stadrarchiv: Lehrerin Therese Ludewig (*1870, †1947)Am 15. Oktober 1914 feierte die Lehrerin Therese Ludewig (*1870, †1947) ihr 25 jähriges Dienstjubiläum in Kreuznach. Frau Ludewig, Künstlernamen Ludwig, stammte aus Algermissen, Kreis Hildesheim, und hatte nach ihrer Ausbildung in Duderstadt und Trier 15 Jahre in Braunschweig gearbeitet und sich in ihrer Heimat mit plattdeutschen Gedichten und „humoristischen Soldaten- und Dorfgeschichten“ einen Namen gemacht.

Ihr Buch „Jut Dörp un Heimoat“ bot sie zusammen mit ihren selbstverfassten Liedern „O Deutschland du mein Vaterland. Wie ist mein Herz dir zugewandt“, „Kaiserhymne 1914“, „Deutsches Kronprinzenlied 1914“ und „Deutsches Kriegslied 1914“ zum Kauf an. Die Liedertexte wurden auf einzelnen Blättern gedruckt.

© Stadrarchiv: „Deutsches Kriegslied 1914“ schwarz/weiß/rot umrahmt, DIN A 5 Format - StAKH MS Erster Weltkrieg

Ein Blatt davon, „Deutsches Kriegslied 1914“ schwarz/weiß/rot umrahmt, in DIN A 5 Format ausgeführt und gedruckt in der Gutenberg - Buchdruckerei von Anton Welter in Kreuznach, befindet sich in der Materialsammlung zum Ersten Weltkrieg im Stadtarchiv. Der Verkaufserlös der drei sogenannten Kriegslieder, das Blatt kostete 10 Pf., wurde „zum Besten unserer tapferen Krieger und Hinterbliebenen“ an den „Vaterländischen Frauenverein“ überwiesen. Frau Ludewig engagierte sich damit, wie viele Andere in Kreuznach, in der Kriegsnothilfe. So fertigten Kreuznacher Fortbildungsschüler 2 Broschen an, die „zum Besten der Aufgaben des Roten Kreuzes“ von Interessierten gekauft werden konnten. Die gesetzlich geschützten Entwürfe stammten vom Bildhauer Paul Nobis (1887-1966) und dem Fortbildungsschuldirektor Josef Krischer (1863-1946). Die Ausführungen in Eisen konnten für 4 Mark (Nobis) und 5 Mark (Krischer) in  der Sammelstelle Schulhaus Mainzer Straße oder im Geschäftszimmer des Roten Kreuzes im Landratsamt erworben oder gegen echten Goldschmuck umgetauscht werden. Der „Verband der privaten Wohltätigkeitsbestrebungen e.V.“ in Kreuznach half Familien, die durch den Krieg in Bedrängnis gekommen waren, staatliche und städtische Unterstützung jedoch nicht in Anspruch nahmen oder nehmen wollten. Die Vorsitzenden des Frauenbildungs- und Lehrerinnenvereins Kreuznach, Lina Hilger und Elsbeth Krukenberg, wandten sich mit einem Aufruf an ihre Mitglieder, ihnen mitzuteilen, wenn sie selbst oder andere, gerne auch Nichtmitglieder, durch die Kriegslage in Not oder Bedrängnis gekommen sind, um sich dieser Personen anzunehmen zu können. Seit Beginn des Krieges wurden ständig Spenden für das Rote Kreuz gesammelt und allein zwischen dem 3. und 15. Oktober waren 37 Spenden zwischen 1000 und 7 Mark zusammengekommen. Auch der Evangelische Kirchenchor, der eine Wohltätigkeitsfeier zur Linderung der Kriegsnot ausrichtete und sich dafür an alle Konfessionen wandte, konnte über 1000 Mark einnehmen. Notwendig für den Wohlfahrtsausschuss war die Bitte des Bürgermeisteramtes, die sich an die wohlhabenden Bürger der Stadt richtete, in den Fonds zur Unterstützung bedrängter Arbeitsloser einzuzahlen. Der Nationale Frauendienst Kreuznach ging einen anderen Weg, den greifbaren Veränderungen im Wirtschafts- und Lebensgefüge der Frauen zu begegnen. Er versuchte, das Praktische mit dem Nützlichen zu verbinden. Frauen und Mädchen sollten sich in kostenlosen Kursen Fertigkeiten im Stricken, Nähen und Flicken aneignen, um sich in die Lage zu versetzten, später bezahlte Näh-, Flick und Strickarbeit zu übernehmen. Damit sollte insbesondere arbeitslosen Frauen die Möglichkeit eröffnet werden, eigenes Geld zu verdienen, was sich deutlich in späteren Aufrufen des nationalen Frauendienstes „Gebt arbeitslosen Frauen bezahlte Strickarbeit“ zeigte. Dass diese Kurse nicht nur mildtätige sondern auch moralisch-sittliche und wirtschaftliche Zwecke verfolgte, zeigt die Begründung des Kursangebotes an die Frauen, die „jetzt durch die Abwesenheit ihrer Männer mehr freie Zeit haben als sonst“ bzw. als  „Verkäuferinnen, kaufmännisch Angestellte, Arbeiterinnen durch Schliessen der Geschäfte und Fabriken zurzeit frei sind“. Überhaupt waren selbst angefertigte Handarbeiten, insbesondere Strick- und Näharbeiten in Form von Liebesgaben stark gefragt und so war es nicht verwunderlich, dass sich Therese Ludewig, zu Ihrem Jubiläum auch Strickwolle „für unsere Krieger“ wünschte. Das Herstellen von Strickwaren durch Mädchen und Frauen wurde als Liebesdienst am deutschen Volk und insbesondere an den im Feld stehenden Soldaten angesehen.

© Stadtarchiv: Liebesgaben in Form von selbstangefertigten Strümpfen, Kopf-, Ohr- und Pulswärmern - StAKH MS Erster Weltkrieg

In der Presse wurde ständig aufgefordert, neben Zigarren, Zigaretten, Schokolade und Verbandszeug etc. auch Liebesgaben in Form von selbstangefertigten Strümpfen, Kopf-, Ohr- und Pulswärmern an den entsprechenden Sammelstellen des Roten Kreuzes in der Stadt abzugeben. „Turnerinnen“ des Kreuznacher Turnvereins strickten an Vereinsabenden für ihre im Feld stehenden Kameraden und fertigten Stricksachen an. Unfertige Strümpfe, die beim Arzt auslagen und von Patientinnen während ihrer Wartezeit weitergestrickt wurden, deuten wie der umfangreiche Handarbeitsteil der „Deutsche Moden Zeitung“, der den Bedürfnissen der Kriegszeit durch zahlreiche Vorlagen von Gegenständen entsprach, die für den Gebrauch im Felde und im Lazarett geeignet waren, darauf hin, wie bereitwillig die Forderung nach selbstgestrickten Liebesgaben aufgenommen wurde und im Alltag Widerhall fand. So brachte Landrat von Nasse Mitte Oktober zusammen mit anderen Herren in drei Automobilen Liebesgaben zum Reserve Infanterie Reg. Nr. 60 und dem Landwehr Infanterie Reg. 60. Die überreichten Liebesgaben waren 50 Pfd. Schokolade, 10 Pfd. Kakao, 200 Pakete Tabak, 20 Pfd. Seife, 142 Leibbinden, 145 Hemden, 226 St. Fußlappen, 152 Paar Strümpfe, 16 Unterjacken, 73 Unterhosen, 220 Pulswärmer, 92 Brustwärme, 150 Taschentücher, 30 Paar Kniewärmer, 2200 Zigarren und 75 Einzelpakete. Daraufhin baten das Ersatz-Bataillon des Landwehr Infanterie Reg. 17 und das 8. Jägerbataillon im 15. Armeekorps Straßburg, mit dem Hinweis, dass die Jäger seit dem 30. Juli nicht

© Stadrarchiv: Am 27. Oktober ging vom Kreuznacher Bahnhof ein Eisenbahnwaggon voller Liebesgaben an das Reserve Infanterie Regiment Nr. 17 ab - StAKH MS Erster Weltkrieg

mehr aus den Uniformen gekommen seien, ebenfalls um Liebesgaben. Am 27. Oktober ging vom Kreuznacher Bahnhof ein Eisenbahnwaggon voller Liebesgaben an das Reserve Infanterie Regiment Nr. 17 ab, der von Herrn Jacob begleitet wurde.

Aufgrund des hohen Bedarfes an Strickwolle kam es im Verlauf des Oktobers offenbar zu Engpässen insbesondere von feldgrauer Strickwolle. Die Bevölkerung wurde aufgefordert auch andersfarbige Melangen wie braun und Naturelle für Socken zu verwenden, bei Kopfwärmern, Puls- und Ohrenklappen jedoch darauf zu achten, dass diese passend zur Uniform in Feldgrau ausgeführt sind. Überhaupt machen nun Meldungen von knapp werdenden Rohstoffen z.B. bei Rohjute die Runde. Es folgen Preisfestschreibungen bei Nahrungsmitteln, etwa bei den Kartoffeln.

© Stadrarchiv: Ein pragmatisch anmutender Umgang mit Ressourcen zeigt die Spende eines Bauern von drei kleinen Schweinen an das Vereinslazarett und die Feldküche in Kreuznach - StAKH Schenkung Thon

Ein pragmatisch anmutender Umgang mit Ressourcen zeigt die Spende eines Bauern von drei kleinen Schweinen an das Vereinslazarett und die Feldküche in Kreuznach zwecks Verwertung von Küchenabfällen. Bei Schlachtreife konnte das Fleisch der Schweine außerdem von den Verletzten verspeist werden.

Die Kriegserlebnisse der Männer waren sehr unterschiedlich. Feldpostbriefe wurden bewusst gesammelt, in den Zeitungen abgedruckt, oder bei Vereinsabenden vorgelesen; verwundete Soldaten schilderten an Vereinsabenden ihre Kriegserlebnisse. Die Front war Mitte September im Westen an der Marne zum Stehen gekommen, der große Plan war gescheitert. Wohl zu dieser Zeit schrieb der Kreuznacher Rudolf Pitthan einen Brief nach Hause, „etwa 80 km von Paris entfernt“, worin er mitteilt,  dass es ihm gut gehe und dass er sich und seine Division nach der Entdeckung eines Eierlagers von „mindestens 2 Millionen Eiern“ „den Ekel an Eiern“ gegessen habe. „Ich habe jetzt 40 Eier verdrückt, davon 18 an einem Tag als Spiegel- und Siedeeier“. Und obschon es ihn nach der Entdeckung eines weiteren Lagers gefüllt mit Zucker freute, nun „süßen Kaffee“ trinken zu können, trieb ihn die Sorge um fallende Temperaturen und Regen um, der „die Sachen nicht mehr trocken werden lässt“.

Etwa zur gleichen Zeit erlebt ein anderer Kreuznacher, der im 8. Jägerbataillon diente, Grauenhaftes und es verwundert, dass dieser Brief in einer Zeitung abgedruckt werden konnte. Er ist feindlichem Granat- und Schrapnellfeuer ausgesetzt und beschreibt den Stellungskrieg in Frankreich, der über Jahre das Bild des Krieges in Frankreich prägen wird. „Wir liegen jetzt in französischen Schützengräben, die wir verbreitert und vertieft sowie mit Laufgräben versehen haben (…) von unserem letzten Angriff am Sonnabend liegen noch unzählige Tote auf dem Schlachtfeld. Wir können sie nicht begraben, weil wir ständig im Feuer liegen. Die Leichen gehen bereit in Verwesung über. Gestern Nacht haben wir zu zweien einen Kameraden in unserem Schützengraben beerdigt. Die Bedürfnisse muss man auch im Schützengraben verrichten und dann ausschaufeln“.

© Stadrarchiv: Der deutsche Angriff in Frankreich war Ende September gescheitert und auch der dritte Versuch zu einer Umfassungs-Offensive zwischen Lille und der Küste scheiterte im Oktober. - StAKH MS Erster Weltkrieg

Der deutsche Angriff in Frankreich war Ende September gescheitert und auch der dritte Versuch zu einer Umfassungs-Offensive zwischen Lille und der Küste scheiterte im Oktober. Währenddessen feierte man in Kreuznach am 10. Oktober die Einnahme Antwerpens durch deutsche Truppen mit Böllerschüssen, Glockengeläut und Flaggenschmuck.  Wenige Tage vorher waren Briefe von Hermann Voigtländer (1886-1953) aus Bad Münster am Stein bei einer Kreuznacher Zeitung eingegangen, die dieser aus Tientsin (China) abgeschickt hatte. Voigtländer leitete in Russland für die Firma Seitz ein Asbestwerk in Krasnojarsk und befand sich auf einer Geschäftsreise, als der Krieg ausbrach.  Nachdem die Ausreise im Westen über St. Petersburg wegen der Schließung der Grenzen nicht mehr möglich war, führte ihn sein Weg über Tomsk, Taiga, Atschinsk, nach Krasnojarsk zurück über Kansk, Irkutsk und Mandschuria ((Manzhouli), Charbin (Harbin) nach Chang-Chun, von wo aus er nach Tsingtau weiterreisen wollte. Voigtländer berichtet in seinen Briefen von dem, was er unterwegs gesehen hatte, und erwähnt begeistert die „Urwälder Ostsibiriens, die trostlose Steppe der Mandschurei, das betriebsame, dichtbevölkerte (…) Nordchina“. Er schreibt von Passkontrollen, Verhören und der Beschlagnahmung seines Baedekers und ist am Ende selbst verwundert völlig unbeschadet an seinem Ziel angekommen zu sein. „Erst jetzt, hinterher hören wir, in welcher Gefahr wir geschwebt haben: Dutzenden von Deutschen wurde die Ausreise verwehrt und sie wurden nach Samara als Kriegsgefangene gebracht. Am Tage vor unserer Ankunft in Charbin sollen allein 32 Deutsche dies Schicksal erreicht haben! Andere sollen sogar nach Sachalin(!) geschafft worden sein“. Voigtländer lässt sich von der Exotik des Ortes gefangen nehmen und schreibt von „Rikschas, buntbemalten Chinesinnen, japanischen Geishas und vornehmen Mandarinenfrauen, Papierlaternen und Garküchen“. Hier hört er von den Aktionen des Kleinen Kreuzers Emden und erfährt von Japans Ultimatum, in dem die bedingungslose Räumung Tsingtau gefordert wird oder eine Blockade droht.  Am Tag vor seiner Abreise nach Tsingtau, der Hauptstadt der deutschen Kolonie Kiautschou, schreibt er seinen Eltern, dass er über die  Reuter-Nachrichten erfahren habe, dass die Deutschen sowohl in Belgien als auch im Elsass zurückweichen mussten und stellt die Frage, ob dies stimme oder Propaganda sei. Er schreibt zum Krieg: „Wie fing er an? War er nötig? Mussten wir gerade die ersten sein?“ In Tsingtau angekommen, ist er von „der deutschen Tatkraft“ begeistert, deren Spuren er sieht, seit die Bucht von Kiautschou nach einer

© Stadrarchiv: Hermann Voigtländer - Privat

militärischen Besetzung in einem ungleichen Staatsvertrag deutsches Pachtgebietes geworden war. Insbesondere der Wald, der von den Deutschen angelegt worden war, hatte es ihm angetan. Voigtländer berichtet, dass „eine Menge Deutscher (…) aus Japan, der Mandschurei und dem Süden Chinas“ in Tsingtau angekommen seien. Er zieht die Uniform eines deutschen Leutnants an, nimmt am Kampf um Tsingtau teil, wird von den Engländern gefangengenommen, an die Japaner übergeben und bleibt bis 25.12.1919 in Kriegsgefangenschaft in Nagoya auf der Insel Honshu. Er kehrt erst Ende Februar 1920 nach Deutschland zu seiner Familie zurück.


Titelbild: © Stadtarchiv: Lehrerin Therese Ludewig (*1870, †1947)

Bild 1: © Stadtarchiv: „Deutsches Kriegslied 1914“ schwarz/weiß/rot umrahmt, DIN A 5 Format - StAKH MS Erster Weltkrieg

Bild 2: © Stadtarchiv: Liebesgaben in Form von selbstangefertigten Strümpfen, Kopf-, Ohr- und Pulswärmern - StAKH MS Erster Weltkrieg

Bild 3: © Stadtarchiv: Am 27. Oktober ging vom Kreuznacher Bahnhof ein Eisenbahnwaggon voller Liebesgaben an das Reserve Infanterie Regiment Nr. 17 ab - StAKH MS Erster Weltkrieg

Bild 4: © Stadtarchiv: Ein pragmatisch anmutender Umgang mit Ressourcen zeigt die Spende eines Bauern von drei kleinen Schweinen an das Vereinslazarett und die Feldküche in Kreuznach - StAKH Schenkung Thon

Bild 5: © Stadtarchiv: Der deutsche Angriff in Frankreich war Ende September gescheitert und auch der dritte Versuch zu einer Umfassungs-Offensive zwischen Lille und der Küste scheiterte im Oktober. - StAKH MS Erster Weltkrieg (Titelbild)

Bild 6: © Stadtarchiv: Hermann Voigtländer - Privat

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