Dezember 1914: „Kein Friede auf Erden“

Frauen beim Verpacken von LebkuchenDer erste Adventsonntag am 29.11. lockte viele Schaulustige zur Besichtigung der geschmückten Schaufenster und zum Kauf in die Geschäfte, die teilweise bis 19.00 Uhr geöffnet waren.

Das Angebot war kriegsbedingt verändert: feldgraue Wäsche, oder der „Soldaten Baschlik“

Soldaten Baschlik

, Literatur und Lehrartikel zum Krieg für Männer, Frauen und Kinder, Kriegsspielzeug insbesondere für Jungens erweiterte die Produktpalette. Die Geschäfte boten Produkte an, die mit Feldpostbriefen, bis 8. 12. solche mit 500g, ins Feld verschickt werden konnten und z.B.  mit Schokolade, Lebkuchen, Brühwürfeln, Tabak und Alkohol bestückt werden konnten. Angeboten wurden auch komplette Weihnachtspakete in unterschiedlicher Zusammensetzung und je nach Geschäft mit Wäsche, Wurst-, Tabak- oder Toilettenwaren versehen. Gänzlich neu im Sortiment: „Luftfahrerdankzigarren“ bei ihrer ein Anteil des Kaufpreises in die Unterstützung verunglückter deutscher Flieger und Luftschiffer und deren Hinterbliebenen ging. Ähnliche Unterstützungsmodelle häuften sich wie die Pfennig-Spende für Kriegsteilnehmer des „Germanen=Verein“, der eine Briefverschluss-Marke herausgab, oder Postkarten des Roten-Kreuz. Eine davon, gestaltet von Paul Nobis und Thea Schneider ausgeführt von dem Lithographen Scheich, wurde neu angeboten und war an der Roten-Kreuz Sammelstelle in der Mainzer Straße zu haben.

Frauen beim Verpacken von Lebkuchen

Dort wurden auch Liebesgaben für die Soldaten gesammelt und für den Transport ins Kriegsgebiet hergerichtet, wobei sich Minna Schömann und Maria Würzburger besonders hervortaten, die bei über 8000 Paketen, die mit Unterhosen, Hemden, Strümpfen, Stauchen, Tabak, Schokolade, Lebkuchen, Notizblock und Stift gefüllt waren, halfen. Am 11.12. fuhr ein Eisenbahnwaggon gefüllt mit Liebesgaben an das Res. Inf. Reg. Nr. 17 Richtung Frankreich. Im Dezember gingen in Kreuznach Dankesworte über eine besondere Liebesgabe ein, zwei Fässer Bier, die der Besitzer des „Felsenkellers“ Philipp Wallauer an die Männer an der Front geschickt hatte. Der Soldat Hüsch bedankte mit seinen gut 50 Kameraden, die in den Genuss gekommen waren, u.a. mit einem Gedicht: „Aus der Heimat ein Faß ins Feindesland! Ein Jubelruf, ein Freuen! Von Wallauer aus Kreuznach uns zugesandt, Den heimischen Kriegern, den Treuen (…)“. Dank sprach auch das Rote Kreuz den Metzger- und Bäckermeistern sowie Kolonialwarenhändlern in Kreuznach aus, die mit ihren Liebesgaben 88 775 Soldaten an den Kreuznacher Bahnhöfen zu warmem und kalten Essen und Trinken verholfen hatten, wobei die Arbeit der direkt nach der Mobilmachung ins Leben gerufenen Kommission nicht mit eingerechnet war.

Die patriotische Grundstimmung hält an. Sie äußert sich in vielerlei Hinsicht. Das Hotel Bellevue wird in Hotel Klapdohr umgetauft, das Grand Hotel Royal d´Angeleterre in Hotel Kniese. Am Bahnhof verschwindet das Wort Portier, das durch Pförtner ersetzt wird, und der deutschen Hausfrau wird nicht das englische Mondamin sondern Dr. Oetkers Gustin für Mehlspeisen und Suppen ans Herz gelegt. Am 17.12. ertönen erneut Glockengeläut und Böllerschüsse zum großen Sieg in Polen und in einem Kaffeehaus der Stadt hängen „zwei riesengroße aus farbigen elektrischen Birnen mosaikfarbig zusammengesetzte Eiserne Kreuze“. Eine Zuckerbäckerei der Stadt hatte sämtliche Schachteln und Dosen mit dem Eisernen Kreuz versehen. Die inflationäre Verwendung des Symbols wurde allerdings auch kritisch gesehen, ja als Geschmacklosigkeit bewertet. Kritische Äußerungen waren mit Vorsicht vorzutragen. Die Verordnung des kommandierenden Generals des stellvertretenden XXI. Armeekorps zugleich für das XVI. Armeekorps teilt mit „Ich verbiete jede deutschfeindliche Kundgebung sowie jede vorsätzliche und fahrlässige Verbreitung unwahrer Nachrichten über den Krieg“. Bei Zuwiderhandlungen drohten bis zu 1 Jahr Gefängnis. Die Angst vor dem Feind im eigenen Land führte durchaus zu befremdlichen Auswüchsen, wie schon Emil Weirich in seinen Aufzeichnungen mitteilt. Dass die Bevölkerung den Aufforderungen achtsam zu sein nachkam, verdeutlicht sich bei einem Vorfall Anfang Dezember, als auf der Planigerstraße ein fremdes Automobil angehalten und zwei Insassen wegen Spionageverdacht festgehalten werden.

Die Auswirkungen des Krieges sind längst in der Bevölkerung spürbar. Nicht nur dass die Zahl der Gefallenen und Verwundeten zunimmt. Petroleummangel, treibt die Leute vom Land in die Stadt. Die Frauenvereine bieten Vorträge zur Ernährung in Kriegszeiten und verteilen Kriegsrezepte, aktuell von Weihnachtskuchen, verbunden mit dem Aufruf, nicht verschwenderisch mit kriegswichtigen Lebensmitteln umzugehen. Neben den Festschreibungen von Preisen bestimmter Lebensmitteln, wie Getreide oder Kartoffeln verändern sich  die Rezepturen der Brotsorten, so wird Roggenbrot nun, offiziell genehmigt, mit 95% Roggen und 5% Kartoffeln angeboten. Auch die Aufforderung des Landrates von Nasse „Das Gold dem Vaterlande“ wird mehrmals abgedruckt, und der Hinweis kein Gold an Personen ohne Ausweis der Ortspolizei zu verkaufen, verdeutlicht die politische und volkswirtschaftliche Brisanz, die im Slogan „Bringt euer Gold zur Reichsbank“ zum Ausdruck kommt und diesem beigemessen wird.

Daneben wirkt die Bekanntgabe, dass Gymnasiallehrer Geib  bei Ausgrabungen einen kunstvoll verzierten Topf aus der Urzeit gefunden hat, und dass ihm Versteinerungen aus französischen Schützengräben zugesandt wurden wie aus einer anderen Zeit.

Je näher Weihnachten vor der Tür steht, desto stärker rücken die Menschen insbesondere die Bedürftigen in den Blick.

Weihnachten im Lazarett

Für eine Weihnachtsbescherung der Verwundeten in den hiesigen Lazaretten werben die Chef-Ärzte von Lazarett I San. Rat Dr. Germer von Lazarett II San. Rat Dr. Kallfelz und von dem Vereinslazarett Geh. San. Rat Dr. Hessel. Um Weihnachten finden Weihnachtsfeiern der Vereine  z.B. des Evangelischen Arbeitervereins, des Kath. Notburga Vereins kath. Dienstmädchen oder des Turnverein statt. Mit Weihnachtsbescherungen in den Lazaretten ehrt man die Verletzten und in den Schulen, Vereinslokalen, Hotels und Sälen beschenkt man Kinder, deren Väter im Feld stehen. Etwa an der Kleinkinderschule in der Hofgartenschule, im Hotel Adler, wo 78 Kindern von im Feld stehenden Soldaten mit patriotischen und weihnachtlichen Gesängen, Deklamationen und Theateraufführungen unter Mitwirkung von Therese Ludwig unterhalten werden, oder in einer Weihnachtsfeier in Heyms Saalbau für etwa  400 Kinder der Kriegsteilnehmer und Arbeitslosen der freien Gewerkschaften, die am 25.12. vom Gewerkschaftskartell, der Partei und dem Gesang-Verein „Bruder-Bund“ veranstaltet und ausgerichtet wurde. Jedes Kind erhielt Spielsachen, Konfekt und Äpfel. „Die Zeit ist schlecht gewählt für das Fest der Liebe und des Lichts“, so der Festredner, „und doch leuchtet heute auch in dieser trostlosen Zeit ein heißer Funke von Menschenliebe und nimmer ersterbender Brüderlichkeit auf (…). Denken wir an das Neue das kommen muß (…). Dann sehen wir nicht die Greuel und Schrecken des Schlachtfeldes, wir tun unsere Pflicht in dem Bewußtsein, das Rechte zu tun fürs Vaterland“.

Weihnachten bei den „blauen Jungs“ als Neujahrsgruß

Für Weihnachtsstimmung sorgten auch „Christbäumchen für unsere braven Krieger im Felde“, die z.B. Zehender in drei Größen anbot. Es wundert nicht, dass viele Weihnachtspostkarten dieser Zeit das Motiv der Soldaten vor und um den Christbaum zeigen. Auch die lokalen Tageszeitungen, die den Soldaten an die Front geschickt werden, sorgen für ein Gefühl der Vertrautheit. Die Zeitung, die Brücke zwischen Front und Heimat, ein Medium von Information und öffentlicher Kommunikation, Nähe und Vertrautheit. So schicken „Lauder Kreiznacher Kinner“ für erhaltene Liebesgaben herzlichen Dank, „Allen Zellemochumern“ senden von der Nordseeküste Grüße, „Acht Landwehrmänner vom Nahestrand senden von der Feldwache bei Lagarde und Fritz Viehl und Jakob Heblich senden Grüße aus dem Forêt de Soignes. Dabei Grüße, die auf den Ernst der Lage im Kriegsgebiet verweisen, „Gruß aus den Erdhöhlen Frankreichs“ sendet W. Roos, oder „Folgende Höhlenbewohner lassen die Heimat grüßen“.

Weihnachtspostkarte

Ein Augenzeuge, der dem 8. Jägerbataillon angehört, schreibt authentische Berichte von der Front. Im Dezember zu lesen: „Wir sind wieder in großer Gefahr durch die Granaten und Schrapnells, die in unsere Schützengräben einschlagen. (…) Hier liegt eine Hand, dort ein Bein, Bilder, die kolossale Anforderungen an die Nerven stellen (…). Ein anderer Kriegsteilnehmer schreibt: „Bei der letzten (Patrouille) schlich ich mit meinem besten Freund durch ein Wäldchen, um das 18 Tage gekämpft ward. Die Bäume um uns und über uns waren alle zerstört durch die Artillerien. Und zu Füßen der zerstörten Natur lagen viele junge Menschen, die ihr blühendes Leben dem Vaterlande geopfert haben. Ganz dicht lagen sie; die schußbereite Waffe noch in der Hand, die auch im Tode die Waffe nicht hergibt …“. Kein Friede auf Erden.

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