Senner: 200 Jahre alt und ewig jung...

...Warum unser Jahrmarkt so toll ist
Ein Vortrag am Tag des offenen Archivs 2010

Mit der literarischen Figur des Schambes Klappergässer hat Carl-Eugen Schmidt den typischen Kreuznacher gezeichnet. Schambes verschafft sich, obwohl St. Petrus ihn zurückweist, Zutritt zum Paradies, und nur mit einem Trick kann er wieder daraus entfernt werden: Vor der Himmelspforte ist mit einem Mal die unverwechselbare Geräuschkulisse des Kreuznacher Jahrmarkts zu hören, ein brausendes Durcheinander von schrillen und tiefen Tönen, von Trompetenstößen und Trommelwirbel, von gesungenen und gespielten Gassenhauermelodien, von Dampfpfeifen und Gläserklirren, von Jauchzen, Schreien, Brüllen, von hunderttausend anderen Tönen, deren Natur sich nicht so ohne weiteres bestimmen ließ...
und Schambes läßt das Paradies Paradies sein: Wie ein Sturmwind fegte er zum Tore hinaus, dem tollen Lärm entgegen. Denn das wahre Paradies des Kreuznachers ist nun einmal der Jahrmarkt. Unser Garten Eden liegt

Am Wiesenweg

„Sechzig vier Morgen“ groß, knapp 25 Hektar, war 1811 die Pfingstwiese. Und Allmende, kommunaler Weidegrund, der bis Pfingsten der Bürgerherde vorbehalten, danach aber frei nutzbar war. 1824 verkaufte die Stadt einen Teil des Geländes zur Schuldentilgung, 1840 wurde die Gemeindeherde aufgehoben. Unterhalb des städtischen Platzes verlief 1862 der Wiesenweg. Sein einziger Anlieger war Joseph Brenner (1811-83). Der „Mehlhändler“ hatte hier 1848/49 die stillgelegten Mühlen von Johann Wachter und Michael Stumpf erworben. Fortan war er Landwirt und stadtbekannt als „Wiesen-Joseph“. Silvester 1862 bekam er die Genehmigung, dort nicht bloß „bei Jahrmarkts Zeit“, sondern ganzjährig „Speisen und Getränke zu verabreichen“. Sein Antrag hatte die nahegelegene „Schwimm und Bade Anstalt“ ins Feld geführt, die „hunderte sowohl Badegäste und Fremde wie Einheimische“ anlocke, deren Wunsch es sei, „nach dem Bade eine Tasse Kaffee oder Milch erhalten zu können“. Das Hauptargument lieferten freilich Brenners Mieter, „Eisenbahnbeamte wie Arbeiter, welchen es ihr Dienst nicht gestattet, größere Strecken in die Stadt zu machen und ihre Lebensnahrung einzunehmen“.

Von Brenners Söhnen blieben zwei unne. Gerhard (1858-96) baute „an der Pfingstwiese“ (No 7) ein Fuhrunternehmen auf, Johann (1852-1911) trat die Nachfolge des Vaters an. Nicht ohne Probleme: 1892 erwähnt er Grundschulden „von 30 bis 35.000 Mark“. Jean, wie er wider den deutschtümelnden Zeitgeist unterschrieb, galt der Stadtobrigkeit als „querköpfiger Mensch“, weil er sein Lokal für sozialdemokratische Veranstaltungen öffnete. Dort wurde 1893 ein Ortsverein der noch stramm marxistischen Partei überhaupt erst gegründet! Nach Brenners Tod übernahm im Stammsitz Pfingstwiese 6 sein Schwager, Lorenz Keber (1865-1940).

1908 gehörten zur Straße Pfingstwiese neben fünf Brenner’schen Gebäuden die Häuser von Karl Knipping (No 3) – ehemals Gepäckträger und Gärtner, jetzt Wirt in der ,Stadt London‘ (Güterbahnhofstr. 1) – sowie des Küfers Friedrich Dingeldein (Pfingstwiese 4). No 14 befand sich im Besitz der Weinhandlung Teutsch & Levi (Viktoriastr. 10). Eine Besonderheit bietet das Adreßbuch von 1943: Unter Pfingstwiese sind sieben „Wohnwagen“ von Schaustellern verzeichnet, darunter Peter Gräff, Willi Modes und Wilhelm Roßkopf.

Die Kreuznacher und ihr Jahrmarkt – das ist eine Beziehung ganz eigener Art! Dies zeigen zwei Fälle aus dem 19. Jahrhundert, der eine vielleicht erfunden – dann aber gut! –, der andere eine Tatsache. In Dr. Karl Hessels klassischem Lokalschwank »Kreiznach is Trump!« wird von einem Kreuznacher namens Kewig erzählt. Dieser Mann, der auf Hochdeutsch vermutlich Köbig hieß, wurde – es muß um das Jahr 1840 herum gewesen sein – vom Oberhaupt seiner Familie nach Amerika geschickt, um einen in Wildwest verschollenen Bruder ausfindig zu machen und nach Hause zu holen. Doch vor die Wahl gestellt, die fast schon heiße Spur bis zum Ende zu verfolgen oder über der Suche das Schiff zu verpassen, mit dem er rechtzeitig zum Jahrmarkt wieder in Kreuznach sein würde – wie hat Kewig (oder Köbig) sich da wohl entschieden? Richtig – er segelte heimwärts, und, so das Kreuznacher Schlußwort, vun dem Bruder hawwese nie mehr ebbes geheert!

Auch Bauunternehmer Philipp Hassinger (1827–97) wußte die richtigen Prioritäten zu setzen. Weil auf dem Jahrmarkt bekanntlich das Motto gilt Heit Owend kanns morje frieh werre! wies Hassinger seine Frau Katharina an, dem Saiche (Hausschwein) der Familie lieber gleich Futter für drei Tage in den Trog zu schütten. Mitsamt dem reichlichen Vorrat wurde dem Borstenvieh die Mahnung zuteil, sich den Segen einzuteilen – was das unvernünftige Tier natürlich nicht verstand: es überfraß sich und wurde von den heimgekehrten Hassingers nur noch als Leiche vorgefunden!

Ein Jahrmarktsgänger von Hassinger’schem Kaliber muß nicht immer mit Nahewasser getauft sein.

Den Schließer zog es zur Pfingstwiese

1899 übernahm Peter Fleckenstein die Schlüsselgewalt im Kreuznacher Arresthaus (Viehmarkt [Kirschstein-Anlage] 2). Nach dem Ende des Sozialistengesetzes (1890) war der gelernte Schneider Mitbegründer und Leiter des sozialdemokratischen Wahlvereins für den Reichstagswahlkreis Kreuznach gewesen. Seither aber hatte sich der Klassenkämpfer zum Sangesbruder des gutbürgerlichen MGV Lyra gewandelt, „der stets bei patriotischen Festen mitwirkt“. So ernst nahm Fleckenstein die „Gesangstunde“, daß er sich schon mal ohne Urlaub von seinem Posten entfernte und die Aufsicht – seiner Frau übergab! Auch sonst pflegte der gebürtige Bayer einen legeren Umgang mit dem Dienstreglement. Zahlungskräftigen Häftlingen lieferte er Tabakwaren und „Flaschenbier“, das er „bei Schreiner Krauss“ (Gerbergasse 33) holen ließ. Bald hieß es in Kreuznach, „wir besäßen hier ein fideles Gefängniß“! Arrestant Rudolf Aha wurde „wiederholt ohne Beaufsichtigung fortgeschickt, um bei einem Schreiner zu arbeiten“; dem „Gefangenen Daxel aus Winzenheim“ erlaubte Fleckenstein, „während der Strafverbüßung seine in Kreuznach wohnhaften Eltern zu besuchen“. In der Nacht zum Jahrmarktmontag 1902 „gegen 11 1/4 Uhr wurde der Gefangenenwärter im Gefängniß nicht angetroffen; den Dienst versah seine Frau“. Fleckenstein, der zu Jahrmarkt vergeblich Urlaub beantragt hatte, wollte im guten Glauben gehandelt haben, sein Arbeitstag ende um 22:00 Uhr, „& bleibt es sich meiner Ansicht nach ganz gleich wer öffnet, ich oder meine Frau. Den Urlaub habe ich überhaupt nur meiner Frau wegen erbeten, da sie mit mir auch wieder einmal den Jahrmarkt besuchen wollte“. 1904 hatte das Ehepaar dazu Gelegenheit, denn Fleckenstein wurde entlassen, nachdem er selbst ,gesessen‘ hatte – vier Wochen, wegen „fahrl. Gefangenenbefreiung“! Trotz des Zeugnisses, „sich als begabter und geschickter Beamter erwiesen“ zu haben, mußte Fleckenstein sein Auskommen zunächst als Gastwirt im ,Karpfen‘ (Mainzer Str. 7), später als „Konzertunternehmer und Humorist“ suchen.

Ein Neubürger, der dem Zauber des Jahrmarkts verfällt, tut damit einen viel größeren Schritt zu seiner Akklimatisierung – ‚Entwanzung‘ –, als mit dem Verzehr des gern zitierten Quantums an Kreuznacher Salz oder Nahewein. Wenn der Jahrmarkt, wie gelegentlich in den »Bad Kreuznacher Heimatblättern« zu lesen stand, das Fest schlechthin ist, an dem sich Kreuznacher Lebensart offenbart, dann scheiden sich an den Jahrmarktstagen auch die echten Kreuznacher von solchen, die hier bloß wohnen. Der Zellemochemer, so faßte es Ferdinand Harrach 1894 zusammen,

bestellt e Sponsau groß
un die Wanz ißt Brotworscht bloß!

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war aus einer Verkaufsmesse (für Waren aller Art und für Großvieh) eine Veranstaltung geworden, die überwiegend und von Jahr zu Jahr mehr dem Vergnügen diente. Man huldigte tage- und nächtelang dem Kreuznacher Nationalsport des Spansauessens und Schoppentrinkens, bestaunte exotische Tiere und fremdländische Menschen, wurde belehrt oder einfach nur unterhalten. Zum Beispiel bei dem Schaubudenbesitzer Herz Schlosser.

Ein Herz für Abnormitäten

„Seit Menschengedenken nie dagewesen!“, inserierte 1877 der Schaubudenbesitzer „Herz“. Für 20 Pfennig zeigte er am Jahrmarkt „ein bildschönes 15jähriges Mädchen, ohne Arme geboren“, dennoch aber „Zither-Virtuosin und Anfertigerin aller erdenklichen weiblichen Handarbeiten mit den Füßen“. 1888 war der (jüdische) Vorname Herz um den Familiennamen Schlosser ergänzt und die Attraktion eine neue. „Seit Menschengedenken hier nie gesehen!“, behauptete der Unternehmer von seinem zwölfköpfigen Zwerg-Theater der Däumlingstruppe. „Darunter das kleinste Brautpaar, das kleinste Geschwisterpaar, ein Vater mit seiner Tochter, der kleinste Mann der ganzen Erde, 24 Jahre alt, 50 cm hoch, 6 Kilo schwer, dessen Schwester Pauline die schönste u. kleinste Zwergin, die je gesehen wurde.“ Am Jahrmarktsamstag gaben die „Heinzelmännchen“ ihre Visitenkarte beim »Kreuznacher Tageblatt« (Simmerner Hof 12-14) ab, werbewirksam „in eigener, mit 2 kleinen Ponies bespannter Zwerg-Equipage, mit eigenem, zur Gesellschaft gehörigen kleinem Kutscher“. Was sie boten?

Diese winzigen Gestalten
uns ganz trefflich unterhalten;
ihre Lieder und Coupletchen
klingen wirklich wundernettchen

lobte der Jahrmarktschronist des »Tageblatts«. Für die „Vorstellungen in Gesang, komischen Vorträgen, Tanz u. Deklamationen“ wurden Eintrittspreise von 20, 30 und 50 Pfennig fällig. Gratis trat die Gesellschaft dann nach Jahrmarkt auf, als Besucher im Kurtheater. „Die kleinen Leutchen unterhielten sich ganz ungeniert und recht lustig mit den um sie herum sitzenden Kreuznachern, und besahen sich durch ihre Operngläser das Logenpublikum. Einer der Zwerge – der Bräutigam – scheint sich in die schöne Frau eines bekannten Kreuznacher Bürgers verliebt zu haben; wenigstens ruhten seine ,bewaffneten‘ Blicke unausgesetzt auf der Dame. Der kleine Schwerenöter scheint seiner Zwergenbraut nicht allzusehr zugethan zu sein.“ Ganz anders einer seiner Kollegen, dem „ein junges Kurdämchen“ auf der Pfingstwiese einen Heiratsantrag gemacht hatte! „Gerührt von der Neigung der Fremden, sagte der Zwerg gelassen: ,Ich würde dem Antrag mit Vergnügen Folge geben, habe mir aber vorgenommen, meinen Stammverwandten treu zu bleiben und nie einer Riesin mein Herz zu verschenken.‘ Die Abgewiesene ging schluchzend von dannen.“

Damit sind wir bei einem Phänomen angelangt, das nicht zum wenigsten für den Zauber unseres Volksfests verantwortlich ist: der Jahrmarktsliebe. Die engmaschige soziale Kontrolle, der die Jugendlichen des 19. Jahrhunderts unterworfen waren – wobei das 19. Jahrhundert in dieser Hinsicht sein kalendarisches Ende um gut 50 Jahre überdauerte –, diese soziale Kontrolle war während der tollen Tage auf der Pfingstwiese ein Stück weit außer Kraft gesetzt. So manches Fahrgeschäft schien eigens dazu erdacht, durch die Macht der Fliehkraft Körperkontakte herbeizuführen, deren Intimität unter anderen Umständen schwerlich geduldet worden wäre. Aus dem Tagebuch einer ‚höheren Tochter‘ vom 20. August 1907:

Aber das schönste kommt noch die Rutschbahn oder Rodelbahn. [...] Ich setzte mich zuerst drauf, er dahinter, rückte ganz dicht an mich, lehnte sich zurück hielt meine Arme fest und lehnte mich so also auf sich. Er hatte so die Knie aufgestellt, so daß jedes Knie unter einen Arm von mir kam. Ich preßte sie ganz fest an mich, weil ich mich doch festhalten mußte u[nd] dann ging es in einem Sauß da runter. [...] Aber die Eltern [...] standen unten u[nd] fanden gar nichts dabei.

Der Jahrmarkt machte demnach die spanische Wand zwischen den Geschlechtern durchlässiger, als sie es ohne unser Volksfest gewesen wäre. Neben steifleinenen Konventionen blieb aber auch die strikte soziale Schichtung – sie reichte von der Hautevolee bis zu den Leit, wie gar kee Leit – gewissermaßen im Alltag zurück. Das kam sehr schön in der Sitte des reihum laufenden Schoppen- (1/2 Liter) Glases zum Ausdruck, Trollschobbe genannt, den ein bekanntes Jahrmarktsgedicht besungen hat:

Immer geht de Schoppe rund,
bis er leer is uff de Grund;
wer grad will, bezahlt die Wichs,
annere zahle nix.

Einerseits war der Jahrmarkt ein klassenloses Vergnügen, andererseits doch wieder nicht. Denn noch der ärmste Tagelöhner konnte sich dem fahrenden Volk überlegen dünken. War er nicht besser dran als jene, die sich for Kuppergeld zur Schau stellten? So wie zum Beispiel

Die „Mutter aller Sängerinnen“

Es war die Alma, der Redakteur Karl Voigtländer 1886 diesen Ehrentitel verlieh. Hatte die Künstlerin aus Nieder-Erbach doch bereits zwei Jahre zuvor „das Jubiläum ihrer fünfzigjährigen Anwesenheit auf dem Kreuznacher Jahrmarkt“ feiern können! Geboren im Todesjahr Napoleons, 1821, gab sie 1834 auf der Pfingstwiese ihren Einstand. Mit „Guitarrespiel und Koloraturgesang“, insbesondere mit dem Lied, dem sie ihren Übernamen verdanken wird.

Auf der Alma ist es schön.
Aber noch viel schöner,
Wenn die Schweizermädel auf die Alma gehn.

Ihr Familienname, Bender, geriet darüber fast in Vergessenheit; allenfalls war sie dem Publikum als die alte Katharine bekannt. Ihr wurde, mit immerhin 65 Jahren, eine „glockenreine, immer noch jugendfrische Stimme“ bescheinigt. Auskünfte zur Person verweigerte die Jahrmarkts-Jubilarin; nur soviel ließ sie sich entlocken, daß „ihr treues Instrument gleichzeitig ihren ,Kleiderschrank‘ bildet“. Eine andere Schattenseite der Künstlerexistenz wird 1888 beleuchtet.

Und bei Grün da hör’ ich wieder
alte, wohlbekannte Lieder:
Alma singt dort, zart und schüchtern,
leider ist sie nicht mehr nüchtern.

,Bessere‘ Herren machten sich einen Spaß daraus, diesem Zustand durch Freiwein kräftig Vorschub zu leisten! 1892 dann eine letzte Zeitungsnotiz: „Unter den die Zelte durchstreifenden ,Künstlern‘, Hausirern und Bänkelsängern befand sich diesmal zum 58. Male die mehr Mitleid als Interesse erregende alte ,Lautenschlägerin‘ Alma.“

Längst vergangen ist die Zeit, als Film, TV und vollends das Internet Zukunftsmusik waren und es des Jahrmarkts bedurfte, um den Kreuznachern die Ferne nahezubringen und Farbe in den grauen Alltag.

Worin aber besteht heutzutage die Faszination unseres Volksfests? Vor dem Jahrmarktsjubiläum riefen Kreuznachs Zeitungen die Leserschaft auf, ihnen zu schreiben, was man sich denn vom Jubiläumsjahrmarkt so wünsche. Die Mehrzahl der Äußerungen ging dahin, einmal erleben zu wollen, wie ein Jahrmarkt vor vielen Jahren aussah. Alte Fahrgeschäfte sollten es sein, traditionelle Tanzzelte, Drehorgelmusik, eine Keelbahn wie aus den Zeichnungen von Jakob Thon oder wenigstens ein Bayrisches Festzelt mit zünftiger Bayrischer Blasmusik wie in den 60er Jahren. Dies alles natürlich am liebsten zu Preisen wie vor 200 Jahren und möglichst 2 Wochen lang! Und da sprach durchaus nicht nur die Generation 50plus. Die 30 Jahre junge Kreuznacherin Christina F. wäre wunschlos glücklich gewesen, wenn ihr bloß eine Bitte erfüllt worden wäre: Es soll ALLES so bleiben, wie es jedes Jahr ist!!! The same procedure as every year – liegt etwa in diesem Satz der wahre Zauber unseres Volksfests? Es findet alljährlich zur selben Zeit statt, nämlich am Wochenende nach dem 15. August, am gewohnten Platz und mit Attraktionen, die 1949 nicht viel anders waren als 1909. Ob nun der Antrieb eines Fahrgeschäfts durch menschliche Muskelkraft erfolgt, durch Pferdestärken, mittels der Dampfmaschine oder durch Elektrizität – die Möglichkeiten, wie ein Körper im Raum herumgewirbelt werden kann, bleiben im wesentlichen dieselben! Ewig gleich auch die Tatsache, daß unne all die Kreuznacher aufeinandertreffen, die sich übers Jahr völlig aus den Augen verloren hatten. (Es sind freilich nicht immer dieselben, wie vom Hombes trefflich geschildert in einem Stickelche mit dem Titel Wo sinn die alde Johrmarktsgänger?) In einer sich immer rascher verändernden Welt bildet unser Jahrmarkt einen mehr als rein kalendarischen Fixpunkt, ist er ein ruhender Pol, geradezu ein Fels der Kontinuität. Immer gleich bleibt sogar der Wunsch, der Jahrmarkt möge sich gleich bleiben. Denn bereits ein Jahr nach der Währungsreform lautete die Parole:

„Kreuznacher Jahrmarkt – wie einst!“

Das versprach das Jahrmarktsplakat von 1949. Mit vollem Recht! Denn endlich wurde wieder „12%iges Felsenkeller-Bier“ ausgeschenkt, „Friedensbier“, 0,3 l für 41 Pfennig (30 Pf. kostete das Glückslos, als dessen Hauptgewinn ein Fahrrad winkte). Gleichfalls „Friedensqualität“ hatte die Bratwurst von Max Küntzer oder die Spezialität von „Müllenbach’s Rippchen-Ecke“, und „Fisch-Heinrich aus Hamburg“ verkaufte „Kieler Sprotten zu fast friedensmäßigen Preisen“. Unter den 16 Tanz- und Restaurationszelten waren zwei Kegelbahnen, die selbstredend saure Fisch’ auftischten, ganz wie zu Vorkriegszeiten. Ebenso klassisch die Attraktionen: „Ein modernes Etagen-Panorama, zweistöckig, bringt im Lichtbild Begebenheiten der letzten Zeit.“ Altbekannt auch „die Liliputschau mit den kleinsten Menschen und den kleinsten Pferden der Welt. Der winzigste Knirps ist nur 1/2 Meter hoch und hat ein Pferdchen von gleichfalls 50 cm Größe“. Ins selbe Horn stießen „Hummels Menschen-Wunderschau“ und Adolf Steuse, „der den ,lebenden Glasmenschen‘, die ,Frau in der Starkstromleitung‘, die ,Mysteriöse Rechentafel‘, die ,frei in der Luft schwebende Dame‘ und anderes mehr“ zeigte. Was gab es sonst? Von Bosco-Schmitz „Deutschlands schönste Familienschau“, nämlich „ein bunt ausgestattetes Marionettentheater“, Kitty und Pitt an der „Todeswand“, Karossallas „Lustige Tonnen“ und „Jeromins Karikaturen-Kabarett“ mit Prominenz „von Film, Rundfunk und Brettl“. Den Reiz der Neuheit boten am ehesten noch die Achterbahn „Teufelskutsche“, „ein Wunder der Technik“, und „Barth’s Elektro-Selbstfahrer“: „Jeder sein eigener Chauffeur“. 100000 Pfingstwiesen-Besucher hatten ihren Spaß, der Bund ziviler Kriegsopfer aber mahnte: „Bei allem ,friedensmäßigen Jahrmarktsbetrieb‘ darf man nicht vergessen, daß es viele Ausgebombte gibt, die andere Sorgen haben, kein Bett, keinen Hausrat oder ein Hemd zum Wechseln besitzen. Wer hat eigentlich den Jahrmarkts-Rummel in vollen Zügen genießen können? Waren es die Volksgenossen, die durch einen glücklichen Zufall vom Bombenhagel verschont geblieben, schieben und horten konnten, oder gar die armen Leute aus der Umgegend, die in den letzten Jahren so große Not litten, daß sie in Scharen mit neuen Fahrrädern ankamen, um sich ins Vergnügen zu stürzen?“

Nachweis der Geschichten:
Martin Senner, 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 5, Bad Kreuznach 2010, S. 15-17, 79-80, 90-91, 57-58, 97-98

Die korrekte und vollständige Funktion unserer Dienste setzt Cookies voraus. Mit einem Klick auf die Schaltfläche [OK] willigen Sie ein, dass unsere Internetdomäne Cookies verwendet.