Schützt das Michel Mort Denkmal! Oder: der Umgang mit Kulturdenkmälern

Beispiele aus dem 19. und 20. Jahrhundert

Nach der Schlacht bei Sprendlingen 1279 wurde dem Kreuznacher Metzger Michel Mort, der unter Hingabe des eigenen Lebens seinen Lehnsherrn Graf Johann von Sponheim vor Tod oder Gefangennahme rettete, ein Denkmal errichtet. Es soll sich dabei um einen Stein gehandelt haben, andere Quellen sprechen von einer Säule, in den bzw. in die sein Bildnis eingemeißelt war. Die Existenz dieses Denkmals lässt sich vom 13. Jahrhundert bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts belegen. Es stand zwischen Zotzenheim, Sprendlingen und Pfaffen-Schwabenheim. Die Gegend, die das Denkmal umgab, wurde „Michel-Mortfeld“ genannt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, 1828, wurde eine neue Straße geplant, die von Wörrstadt nach Bingen führen sollte. Diese hätte das Michel Mort Feld berührt und wäre nahe an dem noch stehenden Postament des Michel Mort Denkmal vorbei gegangen.

In einem Brief vom 08. April 1828, an den Badenheimer Isaak Maus schrieb der aus Sprendlingen stammende Jacob Hirschmann, dass er vor kurzem mit Johann Heinrich Kaufmann aus Kreuznach darüber geredet habe, dass eine „Chaussee“ gebaut werde, die am Michel Mortfeld vorüberführen und dabei dem Michel Mort Denkmal sehr nahe kommen werde. Er schrieb weiter, dass Kaufmann auf die Idee gekommen sei, das Mort Denkmal erneuern zu lassen, oder aber den Platz mit Bäumen einsäumen zu lassen. Hirschmann kommentierte Kaufmanns Vorschlag während des Gespräches dahingehend, dass dies nicht schaden könne, doch dass die Kreuznacher die Kosten dafür übernehmen müssten. Kaufmann, so führt er weiter aus, werde diesbezüglich „eine Aufforderung zu Gunsten dieser Sache schreiben und sie an die Ameise (eine Zeitschrift) senden.“

Wenig später schrieb Hirschmann auch Kaufmann einen Brief. Darin forderte er ihn auf, den Kreuznacher Bürgern nahe zu bringen, sich für das Andenken Michel Morts, den Erhalt der Stätte seines „Todeskampfes“ oder für eine Neugestaltung bzw. Erneuerung seiner „Todesstelle“ einzusetzen. Er beschreibt Mort als „den wackern Kämpen vergangener Tage, den muthigen, Starken, der des Freundes Recht vertheidigend, Liebe und Treue übte bis in den Tod“, und meinte, dass selbst wenn „dem wackeren Deutschen“ kein Denkmal errichtet werde, doch Bäume gepflanzt werden könnten, um das Andenken an ihn zu erhalten. Er bemerkt außerdem: „Mir fällt ein, dass die Barden einst den Ruhm der Väter bewahrten; und hier wären wir es, obgleich arme Dichter, die ihr Scherflein durch Worte der Begeisterung beitrugen, dass dem Sohn Kreuznachs, dem Helden bei Sprendlingen, sein längst zertrümmertes Heldenmal ein wenig erneut würde.“

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine frühe Denkmalschutzdebatte – lange, bevor man überhaupt an Denkmalschutz dachte. Initiiert hatte sie der Kreuznacher Bürger Johann Heinrich Kaufmann. Getragen und unterstützt wurde das Anliegen von einigen Gleichgesinnten, gebildeten Dilettanten, die sich allesamt literarisch betätigten, sowie Freunden und Verwandten des Kreuznacher Kaufmanns. Hirschmann benennt ganz im Geist der Zeit die Art und Weise, wie er und Kaufmann versuchen wollten, sich für die Erhaltung des Areals rund um das Michel Mort Denkmal einzusetzen. Beide wollten mit Hilfe der Poesie und literarischer Beiträge und mit Hilfe der dadurch erzeugten Emotion Begeisterung für ihre Sache wecken, um so eine Änderung einer bereits getroffenen politischen Entscheidung herbeizuführen.

Kaufmann verfasste einen Artikel, den er „Streifzüge“ nannte, der am 16. April 1828 in „Die Ameise“ veröffentlicht wurde. Das Unterhaltungsblatt für alle Stände wurde in Mainz verlegt. In diesem Artikel schilderte Kaufmann einen Spaziergang, der in Bingen begann und dort wieder endete. Auf diesem Weg lag das Michel Mort Feld, wo er und seine Begleiter die schon abgesteckte, vom Großherzogtum Hessen-Darmstadt projektierte „Kunststrasse“ sehen konnten. Kaufmann schilderte dem Leser der Ameise vor dem Hintergrund der drohenden und zu erwartenden Veränderung am „Michael-Morts-Feld“ die Geschichte und Bedeutung des Denkmals und den Grund seiner Existenz. Er beschreibt Michel Mort „und“ dessen „heilige Treue“, welche prinzipiell „die Beachtung der Nachwelt verdient“. Er formulierte nachdrücklich, dass er sich wünsche, „mit allen Gebildeten der Umgebung, dass Rücksicht auf den alten Denkstein Michaels genommen, und dieser mit Bemerkung der Jahreszahl seines Heldentotes neu aufgestellt werden möge.“

Der Kreuznacher formulierte in seinem Artikel ein berechtigtes Interesse am Erhalt des Denkmals. Er kritisierte öffentlich, wenn auch in sehr verhaltenem Ton, eine wirtschaftspolitische Entscheidung der Regierung. Kaufmann wies in seinem Artikel darauf hin, dass „die benachbarten Herrn Vorgesetzte auf die Wichtigkeit des Platzes aufmerksam gemacht“ worden seien, und stellte fest, dass er mit dem Artikel seine Aufgabe als erfüllt ansehe, „uns genügte es“. Kaufmann hoffte darauf, dass seine Ausführungen darüber, wie mit einem Denkmal von hohem historischem Wert verfahren werden soll, zu einer Empörung anderer „Gebildeten“ führen werde. Er sah sich als deren Sprachrohr und hoffte mit Hilfe von Öffentlichkeit die Entscheidung der Regierung nachträglich zu beeinflussen. Auch Hirschmann, der ein Gedicht über Michel Mort in der „Ameise“ veröffentlichte, beabsichtigte damit die Bedeutung Michel Morts als Heldengestalt darzustellen, um die getroffene Entscheidung der Großherzoglich Hessischen Regierung anzuprangern.

Am 04. Mai 1828 erhielt Kaufmann einen weiteren Brief von Jacob Hirschmann, in dem dieser sich unter anderem über die Straßenbauarbeiten in der Nähe des Michel Mort Denkmals bei Sprendlingen äußerte. An der Straße, „neben Michel Morts Denkmalsreste“ werde fleißig gearbeitet, erfährt Kaufmann. Hirschmann bemerkt, dass der Leiter des Straßenbauprojekts, ein Herr Rauch aus Alzey, völlig uninteressiert sei und offenbar Kaufmanns Aufsatz nicht gelesen habe, um die Bedeutung des Ortes richtig einschätzen zu können. Hirschmann erwähnt außerdem, dass sich Kaufmann in seinem Artikel „Streifzüge“ hinreichend mit Michel Mort auseinandergesetzt habe, und dass dies „genug sei, um die Freunde des Guten und Schönen auf Michel Mort“ und auf das Geschehen in Sprendlingen „aufmerksam zu machen“.

Das erhoffte Echo der Gebildeten und Schöngeistigen blieb aus, es konnte offenbar keine über- bzw. regionale Diskussion auf dem von Kaufmann gewählten Weg angestoßen werden, die über den Kreis um Kaufmann, einen lokal verorteten Zirkel, hinaus ging. Deshalb, die Zeit drängte, sandte Kaufmann einen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Kreuznach, Franz Xaver Buss. Darin schrieb er: „Das Michel Morts Feld bei Sprendlingen bildet einen rasen bewachsenen Platz den alle Angrenzer respektirten. Auf demselben stand bis vor acht Tagen das Fußgestell der Bildsäule des berühmten Kreuznachers Michel Mort.“ Kaufmann fährt fort, dass die neue Kunststraße an dem Platz „vorüberfährt“, ohne der Bedeutung des Platzes Achtung zu zollen, dass der Gemeindevorstand von Sprendlingen den Platz aufräumen ließ, und der neugierige Bürgermeister wissen wollte, was unter dem Stein lag, so Kaufmann. Er bemerkte, dass die „Weg fabriquanten“ die Steine vermauern werden, womit das Denkmal untergehen würde. Kaufmann bat Buss, sich der Reste des alten Denkmals eines „der größten Helden der Vorzeit: Michel Mort des Kreuznachers (…) anzunehmen, das weggeräumt werden soll“. Er wies außerdem auf einen Artikel von Hirschmann hin, der die von ihm geschilderten Ereignisse in Sprendlingen in der Kreuznacher Zeitung bekannt gemacht habe. Dem Schreiben lag eine Sammlung von 26 Unterschriften bei, allesamt Kreuznacher Bürger, die sich für den Erhalt des Michel Mort Denkmals aussprachen: Ludwig Christian Kehr, Heinrich Julius Feld, Heinrich Maurer, Johann Jacob Beinbrech, Andreas Köbig und Bartholomäus Hessel.

Das von Kaufmann verfasste Schriftstück, dem die Unterschriften beigeheftet waren, und das den Anlass der Unterschriftenaktion erklärt ist in seiner Argumentation interessant. Diese wurde historisch, lokalpatriotisch und unter Denkmalschutzaspekten geführt. Kaufmann schrieb, dass es ein „Ehrengedächtnis eines unserer tapfersten Vorfahren ist“ und dass uns „wegen unseren Nahkommen daran liegen“ muss, „solche Erinnerungen zu erhalten“.

Oberbürgermeister Buss reagierte sofort. Er schrieb noch am gleichen Tag mehrere Briefe, und zwar an den Bürgermeister von Sprendlingen, den Landrat Hout und Kaufmann.

Währenddessen wurden weitere beunruhigende Nachrichten bekannt.
Jakob Hirschmann schrieb an einen Freund: „Am 19. Mai haben Arbeiter (…) einen alten Fundamentstein von Michel-Morts Heldenmal aufgefunden: 4 ½ Schuh lang, 4 Schuh breit und 1 ½ Schuh dick. Er lag gerade da im Grund, wo ein runder Stein gleich einem Markstein aus dem Boden ragte. Ein ebenso runder Stein stand, mit Erde bedeckt, dicht daneben.“ Er erwähnt aber auch, dass die aufgefundenen Steine abtransportiert worden seien, und zwar von „glückelichen Schatzgräbern“.

Landrat Hout reagierte verhalten auf das Schreiben von Buss. Er meinte, dass erst geklärt sein müsse, was „die hiesigen Bürger in der Sache wirklich zu thun gesonnen sind“, und hinsichtlich der Großherzoglich Hessischen Regierung stellte er fest, dass auch „ohne diesseitige Vermittlung wohl erwartet werden (kann), dass man für Erhaltung der aufgefundenen Reste des Denkmals besorgt sein wird.“ Hout irrte. Als sein Schreiben bei Buss einging war das Michel Mort Denkmal längst zerstört. Tatsächlich wurden das Fundament des Michel Mort Denkmals und ein kleiner dort aufgefundener steinerner Sarg zerschlagen und zum Häuser-, wahrscheinlich auch zum Straßenbau verwendet, wie aus einem Bericht von 1855 hervorgeht. Der Einsatz Kaufmanns und sein Plädoyer für den Erhalt eines historisch bedeutsamen Zeugnisses waren erfolglos geblieben.

Johann Heinrich Kaufmann präsentiert sich in dieser frühen Denkmalschutzdebatte als Vorreiter des Denkmalschutzgedankens und als ein Vertreter eines Bildungsbürgertums,  das sich Jahre später in Vereinen zusammengeschlossen um historische Belange kümmerte und kümmern konnte. Er hatte, wie Hirschmann, auf die Wirkung von Worten, insbesondere auf deren emotionale Wirkung gesetzt. Beide veröffentlichen in Tageszeitungen und in literarischen Blättern, um Mitstreiter für den Erhalt des Denkmals zu finden. Kaufmann wandte sich außerdem direkt an einen politischen Entscheidungsträger und stellte zusätzlich Öffentlichkeit her, indem er mit einer Unterschriftenaktion seine Forderung zu einer Forderung Kreuznacher Bürger machte. Beide, Hirschmann und Kaufmann, nutzten darüber hinaus ihre privaten Kontakte um Informationen zu erhalten, über die sie sich dann austauschten. Die Art und Weise, wie diese frühe Denkmalschutzaktion gehandhabt wurde, ist aus der Zeit der Romantik heraus zu erklären und aus der Bedeutung, die die Gestalt Morts für Kaufmann persönlich hatte.

Die Voraussetzungen sich im 20. oder 21. Jahrhundert für den Erhalt eines Denkmals einzusetzen und einsetzen zu können waren andere, wie das folgende Beispiel des von Rober Cauer dem Jüngeren (1863 bis 1947) geschaffenen Michel Mort Denkmals zeigt, das am 28. September 1902 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Kreuznachs auf dem Eiermarkt einge¬weiht worden ist.

Das Denkmalprojekt „Michel Mort der Kreuznacher Sprendlingen 1279“ wurde in der Stadt Kreuznach in den Jahren 1899 bis 1902 initiiert und umgesetzt. Das Anliegen des Komitees, einer Gruppe von 30 Männern, die neben der wirtschaftlichen auch der politischen und administrativen Elite der Stadt sowie dem Bildungsbürgertum zuzuordnen waren, ist in den historischen Kontext der Jahrhundertwende zu setzen und daraus zu erklären. Die Denkmalidee ist als Initiative einer Gruppe mit weitgehend übereinstimmenden Interessen, Normen, Wertorientierungen, Ansprüchen und Bedürfnissen, Verhaltensmustern und ästhetischem Empfinden zu werten. Das Komitee wandte sich an den vor Ort lebenden Bildhauer Robert Cauer d. J., der die Entwürfe lieferte und die Fertigstellung des Denkmals in Kalkstein, Muschelkalk, der neuesten Erkenntnissen zufolge, der aus dem Mainzer Becken stammt, ausführte.

Der Schöpfer des Denkmals, Robert Cauer, entstammte der seit 1831 in Kreuznach ansässigen Bildhauerdynastie Cauer. Er wurde am 03. Januar 1863 in Kreuznach geboren. Robert Cauer verließ frühzeitig das Gymnasium, um sich ganz seiner künstlerischen Ausbildung als Bildhauer zu widmen. Bis 1889 absolvierte er seine Militärzeit, besuchte mehrere Länder, lebte und arbeitete unter anderem in Italien und Amerika. Zurück in Deutschland arbeitete er abwechselnd in Kreuznach und Berlin. In dieser Phase seines Schaffens, um 1900, entstehen erstmals großfor-matige Vollplastiken wie das erwähnte Denkmal. Thematisch an-spruchsvoll setzte Robert Cauer die heroisierende Phantasie der Zeitge-nossen über die legendenumwobene Gestalt des Lokalhelden in ein lebensgroßes Gruppenbild um. Das Cauer’sche Denkmal greift ein damals aktuelles Bild von Männlichkeit und männlicher Tugend auf. Cauer nutzte die bekannte Geschichte von Michel Mort als Projektionsfläche für eine zeitgenössische Interpretation von Werten wie Loyalität, Tapferkeit, Mut und Treue. Das historisierend ausge¬führte Michel-Mort-Denkmal ist ein Werk mit einer klaren politischen Aussage. Es stellt eine Aufforderung an die Männer der Stadt dar, sich einem übergeord¬neten Ganzen zu opfern, treu, mutig, und vor allem loyal, aus nationalem Empfinden heraus und ver¬innerlichtem Patriotismus ihrem Herrn, dem preußischen König und deutschem Kaiser, für Gott, Volk und Vaterland zu folgen. Der Lokalheld wird von Cauer zu einem „Kreuz¬nacher Nationalheld(en)“ uminterpretiert und dargestellt. Bürgerpflicht und Bürger¬treue avancieren zu Patriotismus und Loyalität der protestantischen Herrscherdynastie gegenüber. Nicht ohne Grund unterstützte der Kaiser das Projekt finanziell, was einer Anerkennung der ideologischen Botschaft des Denkmals und der politischen Absicht seiner Initiatoren gleichkam. Die abgebildete Skulptur, die miteinander verbundene und aufeinander bezogene Perso¬nengruppe Michel Mort und Graf Johann von Sponheim, muss als eine abstrahierte, personifizierte  Darstellung von Staatsbürgertum und Vaterlandsverteidigung verstanden werden und verweist dabei auf die konstitutive Verbindung von Nation und Militär.
Robert Cauer, der 1902 heiratete, verlegte 1906 seinen Lebensmittelpunkt von Kreuznach nach Darmstadt. Dort fand er seinen eigenen Stil und fertigte hauptsächlich Reliefarbeiten an. Am 25. November 1916 wurde ihm von dem hessischen Großherzog Ernst Ludwig der Titel eines Professors verliehen. 1917 erhielt er die hessische Staatsbürgerschaft. Er verstarb am 28. Febrauar 1947 in Darmstadt.
Bald nach der feierlichen Einweihung des Denkmals auf dem Eiermarkt waren die ersten Spuren menschlicher Zerstörung an dem Denkmal festzustellen. „Ein Akt tierischer Rohheit“ wurde nach Ansicht der Lokalpresse  in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai 1907 verübt, als „ruchlose Buben“ der Figur des Michel Mort den Degen abschlugen. Dies ist nachweislich die erste Erwähnung der Entwaffnung des Helden, die sich bis heute wie ein roter Faden, durch die Geschichte des Denkmals zieht. Desgleichen die Verschmutzung der Einfriedung durch Kot und Urin bis zu ihrer Entfernung, sowie das Bewerfen und Schädigen des Denkmals mit Steinen.
Das Denkmal, das den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstand, wurde wie in den Jahrzehnten vor dem Krieg abwechselnd beschädigt und dann gereinigt und restauriert. Als Unbekannte 1968 jedoch den Kopf des Grafen Sponheim abschlugen, wurde eine Diskussion ausgelöst, prinzi¬piell darüber nachzudenken, ob es sinnvoll sei, das mittlerweile schon sehr verwitterte Denkmal überhaupt noch zu reparieren oder es insgesamt neu zu schaffen. Überlegt wurde dabei auch ein Abguss in Bronze.

Ende 1978, wahrscheinlich durch die von Willy Matthern veröffentlichte Schrift über Michel Mort und von dem bevorstehenden 700. Todesjahr das mit einem Fest gefeiert werden sollte, in Gang gesetzt, entbrannte wieder eine lebhafte öffentliche Diskussion darüber, das Michel-Mort-Denkmal zu retten, das mittlerweile von starken Auflösungs-erscheinungen, hervorgerufen durch natürliche Verwitterung und aggressiven Umwelteinfluss, gezeichnet und von der völligen Zerstörung bedroht war.

In einer Sitzung des Vereins für Heimatkunde für Stadt und Kreis Bad Kreuznach e. V. Anfang März 1979 wurde der Wunsch der Mitglieder, das Michel-Mort-Denkmal zu restaurieren, in einen Beschluss gefasst, der den Vorsitzenden Dr. Werner Vogt dazu veranlasste, sich am 06. März 1979 mit diesem Auftrag offiziell an den Kulturdezernenten der Stadt, Herrn Hans-Georg Schindowski, zu wenden. Schon vor der Sitzung waren unverbindliche Gespräche mit den Bildhauern Theo Ignaz Graffé aus Mainz-Gonsenheim von Seiten des Vereins für Heimatkunde durch Familie Senner und offenbar auch mit Hanna Cauer von Seiten der Stadt geführt worden. Außerdem war über den Verein für Heimatkunde veranlasst worden, ein kostenlos geführtes Spendenkonto zur Rettung des Denkmals bei der Sparkasse einzurichten. Hinsichtlich der Rettung des Kunstwerkes waren damit wichtige Impulse zur Unterschutzstellung des Denkmals und seiner später erfolgten Restaurierung im Jahr 1984 gegeben worden.

Das Amt für Schul- und Kulturwesen nahm sich des Themas an. Aufgrund einer Ortsbesichtigung am 13. März 1979 schrieb Theo J. Graffé im Mai ein Angebot zur Restaurierung des Denkmals und legte ein Gutachten bei, das er, beraten von einem Restaurator aus Münster, angefertigt hatte. Sein Befund lautete: “Starke Ablösungserscheinungen auf der Epidermis bedingt durch natürliche Verwitterung und aggressiver Umwelteinflüsse. Kopf und rechter Arm vermutlich ergänzt. Zustand des Materials ist stellenweise bis zu einer Tiefe von 20-30 mm amorph; daher ist die Wasseraufnahme progressiv ansteigend. Der Salpetergehalt der abgeriebenen Substanz an stark befallenen Teilen ist erheblich. Totalverlust der Figur (Ablösung sämtlich von Cauer bearbeiteten Oberflächenteile) bei Belassung am Ort in etwa 12-15 Jahren. Eine Renovierung ist unbedingt erforderlich“.

Es folgten Diskussionen darüber, welches der geeignete Weg wäre, das Denkmal zu restaurieren, zu sichern und dauerhaft zu erhalten. 1979 kristallisierte sich heraus, dass die Idee, eine Bronzereplik des Denkmals anzufertigen, zu teuer und nicht umsetzbar war. Die Stadt verfolgte die Option, das Denkmal durch einen Kunststeinabguss zu ersetzen und das Original im Heimatmuseum unterzubringen. Am 06. Dezember 1979 erfolgte die vorläufige Unterschutzstellung des Cauer’schen Kunstwerkes, welche durch die endgültige Unterschutzstellung am 22. Mai 1980 bekräftigt wurde.

Die Überlegungen, wie das Denkmal gerettet werden könnte, mündeten in die Entscheidung, ein neues Verfahren, das Epoxid-Harz-Abgussverfahren zu nutzen, um einen Abguss des Originals zu erhalten, der den Ist-Zustand wiedergeben sollte. Die Replik des Michel-Mort-Denkmals war 1984 fertiggestellt. Das Original, der Abguss und die Gussform, die vorausschauend von der Stadt angekauft wurde, wurden nach Kreuznach gebracht. Der Abguss des Originals wurde am neuen Standort auf dem Eiermarkt aufgestellt. Das unter Denkmalschutz stehende Cauer`sche Kunstwerk wurde in die Römerhalle transportiert.

Am 10. Oktober 1984 hatte Kulturdezernent Schindowski notiert: „Die Angelegenheit Restaurierung Michel-Mort-Denkmal kann somit als erledigt beschlossen werden.“ Dies war nur bedingt richtig. Die Replik stand auf dem Sockel auf dem Eiermarkt und damit war dieser Vorgang beendet. Für das denkmalgeschützte Kunstwerk von Robert Cauer d. J. begann dagegen eine fast 25 Jahre andauernde Odyssee.

Die Rettungsaktion des Cauer`schen Michel Mort Denkmals verlief unter anderen Vorzeichen wie Kaufmanns Einsatz aus romantischem Drängen heraus. Im 20. Jahrhundert war die Gesellschaft differenzierter. Mitglieder eines Vereins, der Einfluss im kulturellen Gefüge der Stadt hatte und damit Macht ausüben konnte, waren über diesen in der Lage, Öffentlichkeit herzustellen um ein als berechtigt erklärtes Ansinnen zu formulieren, und dieses der Stadt als politischen Willen zu vermitteln und so einen Handlungsbedarf der Politik zu erwirken. Hier agierte eine Gruppe mit Sonderinteressen. Neben dem emotionalen Faktor, der durchaus auch eine Rolle spielte, der aber kaum in die Argumentation der Denkmaldebatte einfloss, waren die Veröffentlichung einer Jubiläumsschrift und das geplante Michel Mort Erinnerungsfest hilfreich, eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Gleichzeitig erfolgte ein Verzahnen zwischen öffentlichem und städtischem Interesse. Die größte Hilfe für die Rettung des Denkmals war jedoch der veränderte rechtliche Rahmen, nämlich das 1978 in Kraft getretene Denkmalschutz und – pflegegesetz, das die Stadt dazu verpflichtete, sich ihres Kulturdenkmals, des historischen Erbes, anzunehmen, was sie dann auch tat und personell sowie finanziell trug.

Nachdem die Replik 1984 aufgestellt worden war, fand das Original jedoch nicht wie geplant und wie in der Vergangenheit immer wieder betont den Weg ins Museum. Wegen Platzmangel im Depot wurde die Skulptur im März 1985 von der Römerhalle aus nach Planig gebracht und dort in einer städtischen Scheune, die offenbar neben dem ehemaligen Planiger Gemeindehaus stand, gelagert. Im Juni 1992 wurde von einem Kreuznacher Bürger eine Anfrage an Oberbürgermeister Helmut Schwindt über den Verbleib, den Zustand, die Sicherung und den zukünftigen Standort des städtischen Denkmals gestellt. Noch im gleichen Monat wurde das Original vor Ort in Augenschein genommen. Dabei wurde festgestellt, dass das Kunstwerk zwar stark verstaubt sei, aber vor direkten Witterungseinflüssen geschützt lagere. Festgehalten wurde auch, dass das Denkmal nach Fertigstellung der Bücherei dann in ein anderes und endgültiges Depot kommen solle, zumal es aus einem weichen Stein gefertigt sei.
1996 stand das Original noch immer in dem Schuppen und das angrenzende Haus wurde nun offenbar als Feuerwehr¬gerätehaus genutzt. Beim Aufräumen des Gebäudes zum „Tag der offenen Tür“ stießen Feuerwehrleute auf den unrestaurierten Michel Mort; ihm fehlten die rechte Hand, Schwert und der rechte Unterarm. Oberbürgermeister Rolf Ebbeke kündigte bei seinem Besuch anlässlich der genannten Feierlichkeit und der damit einhergehenden Besichtigung des Schuppens an, dass das  Denkmal aus dem Lager geholt und zurück nach Bad Kreuznach gebracht werden solle. Dies geschah. Wann, konnte nicht rekonstruiert werden.

2002 stand das Denkmal dann in einem alten Lagergebäude der Stadt in der Bosenheimer Straße. Von dort wurde es nach dem Verkauf der Halle auf den Kuhberg gebracht, wo es zuerst unter einer Plane im Freien stand. Nachdem Kinder, Luca und Jan Kaul, das Michel-Mort-Denkmal beim Spielen im Freien stehend, nur von einer Plane geschützt, entdeckt hatten, entbrannte erneut eine Diskussion um die Lagerung des unter Denkmalschutz stehenden Kunstwerkes, in die auch die Cauer-Gesellschaft eingebunden war. In dieser Situation wurde Oberbürgermeister Andreas Ludwig aktiv. Nachdem Gelder für Restaurierung und Säuberung von der Stiftung Kleinkunstbühne bereit standen, wurde das Denkmal 2006 vom Kuhberg, es lagerte mittlerweile in einer Halle des ehemaligen Militärgeländes, in den Bauhof transportiert. Dort wurde es teilrestauriert und am 12. Mai diesen Jahres in das Foyer des Stadthauses gebracht und dort fertiggestellt.

Heute vor 60 Jahren am 18. Mai 1947 wurde die von den Gründungsmüttern und Gründungsvätern erarbeitete Landesverfassung von Rheinland-Pfalz angenommen. Im Artikel 40 im dritten Abschnitt zu dem Thema Schule, Bildung und Kulturpflege ist festgelegt: „Der Staat nimmt die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und der Natur sowie die Landschaft unter seine Obhut und Pflege“. Dies war eine Grundlage für weiteres. Am 23. März 1978 wurde das Landesgesetz zum Schutz und zur Pflege der Kulturdenkmäler, das Denkmalschutz- und Denkmalpflegegesetz verabschiedet. In § 1 zur Aufgabe des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege steht, „dass die Kulturdenkmäler“, d.h. Gegenstände aus vergangener Zeit, also Zeugnisse geistigen oder künstlerischen Schaffens, „zu erhalten und zu pflegen sind“.  Insbesondere soll deren Zustand überwacht und Gefahren von ihnen abgewendet werden. Außerdem sollten die Kulturdenkmäler wissenschaftlich erforscht und die Ergebnisse der Öffentlichkeit insbesondere für die Bereiche Bildung und Erziehung zugänglich gemacht werden. Allerdings, und dies mag eine Erklärung für den Umgang mit dem Cauer`schen Original sein, steht in dem Gesetz unter dem § 2 auch, dass Eigentümer verpflichtet sind, die Kulturdenkmäler im Rahmen des Zumutbaren zu erhalten und zu pflegen.

Nach einer langen Odyssee wurde dem Michel-Mort-Denkmal wieder ein würdiger Platz inmitten des Stadtgeschehens zugewiesen. Das seit annähernd einem Vierteljahrhundert andauernde Drama ist damit beendet.
Auch wenn in der im 20. und jetzt im 21. Jahrhundert geführten öffentlichen Diskussion um das Denkmal Gedichte und Gefühle keine wesentliche und vordergründige Rolle spielten oder eine Motivation darstellten, sich für den Erhalt eines als kostbar und daher erhaltenswert historisch bedeutsamen Kunstgegenstandes einzusetzen, empfanden und empfinden viele Menschen die Tat Michel Morts als beachtenswert. Denn Treue, Loyalität, Mut und der bedingungslose Einsatz für eine gerechte Sache sind Werte mit Ewigkeitscharakter.


Franziska Blum-Gabelmann M.A.
gehalten am 18.05.2007

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