Deutsch-englische Schweigeminute für acht junge Kriegsopfer - Absturz vor 75 Jahren



Valerius führte den englischen Gast und die Stadtarchivarin zu dem Areal, auf der die Maschine vor 75 Jahren abstürzte. Gemeinsam mit seinen deutschen Begleitern gedachte Bullock schweigend der Opfer in der Nacht zum Palmsonntag 1942. Dabei waren zudem Michael Gebhard und der Lebensgefährte seiner Tochter, Felix Grabowski. Eine Zufallsbekanntschaft in England stellte für Bullock den Kontakt zu Michael Gebhard her. Der Winzer vom Antoniushof in Hüffelsheim wiederum machte mit Hilfe von Karl-Rudolf Hornberger („Hombes“) Klaus Valerius ausfindig...

Für die Familie ist es ein großer Trost, dass die sterblichen Überreste ein Begräbnis fanden, erzählt Bullock, der sich bei Franziska Blum-Gabelmann, Klaus Valerius und Michael Gebhard sehr herzlich für die gastfreundliche Unterstützung bedankte. Sein Dank gilt auch Christine Senft (Friedhofsverwaltung), von der er erfuhr, dass die Toten auf dem städtischen Friedhof auf dem französischen Ehrengräberfeld bestattet wurden. Nach dem Krieg wurden sie auf den Soldatenfriedhof der Alliierten in Rheinberg umgebettet. Von den dort insgesamt 3.334 Beigesetzten gehörte die überwiegende Anzahl zur Luftwaffe, Gefallene, die ihr Leben während der Schlachten im Rheinland verloren hatten. Einer der Gedenksteine erinnert an die acht Männer der Royal Air-Force, deren Maschine am 26. April 1942 in der Nähe von Bad Kreuznach abgeschossen wurde.

Nachdem die Maschine nicht mehr auf ihren Stützpunkt in England zurückkehrte, bekamen die Familien der Besatzung ein Telegramm mit dieser betrüblichen Nachricht, wenig später die persönlichen Sachen ihres Sohnes zugeschickt. Für die Bullocks begannen sechs harte Jahre des Hoffen und Bangens. Lebt der Sohn noch? Ist er in Kriegsgefangenschaft? Quälende Fragen, auf die es lange keine definitive Antwort gab, bis dann im November 1948 die traurige Gewissheit kam, dass Philip H. Bullock mit seinen Kameraden in Rheinsberg begraben liegt.

Was war Philipp Harold Bullock für ein Mensch? Schon als Junge interessierte er sich für Flugzeuge und Technik. Im Alter von 15 Jahren wechselte er 1936 auf eine Luftwaffen-Schule, um die Fähigkeiten eines Bordingenieures zu erlernen. Bullock war ein begeisterter Motorradfahrer. Oberstufenschüler des Gymnasiums an der Stadtmauer hatten im Rahmen eines Projektes auf Einladung der Stadtarchivarin  die Gelegenheit,  mit dem Neffen zu sprechen, ihm Fragen zu stellen, was aufgrund der sehr guten Englisch-Sprachkenntnisse der 18-Jährigen völlig problemlos war. Unter vielen persönlichen Dokumenten, die Bullock auf seinem Laptop mitgebracht hatte, berührte der letzte Brief, den sein damals 21-Jähriger Onkel an seine Freundin Vera schrieb, alle Gesprächsteilnehmer am meisten. „Mein Engel, ich würde alles tun, um Euch zu schützen.“ In dem Brief bestärkte er seine Liebste „stark zu sein und nicht die Hoffnung aufzugeben.“

Wie steht Andy Bullock zu den Deutschen?, war eine zentrale Frage, die die Schüler ihm stellten. Er habe keine Ressentiments, erklärte er. Seine beiden Töchter (16 und 19 Jahre alt) ermuntere er immer wieder, sich auch differenziert und kritisch mit der Geschichte Großbritanniens auseinanderzusetzen. Zum grundsätzlichen Bild der Deutschen in England sagte er, dass in den 50er- und 60er-Jahren viele Kriegsfilme gezeigt wurden, dass man sich aber seit den 90er-Jahren analytisch viel stärker mit der Frage befasst, wie es dazu kommen konnte, dass so viele Deutschen einem Diktator wie Hitler so bedingungslos folgen konnten?

Dr. Andy Bullock ist Wissenschaftler und arbeitet an Projekten für nachhaltige Trinkwasserversorgung in Afrika. „Find your own stories!“ - Die Schüler bestärkte er, sich auch in der eigenen Familie auf Spurensuche zu begeben und dadurch den Blick zu weiten. Aus der Runde der Jugendlichen wurde ihm erzählt, dass Groß- und Urgroßväter nicht aus dem Krieg zurückkamen, lange als verschollen galten, was ebenfalls Leid und Schmerz in den betroffenen Familien auslöste. Die Jugendlichen erzählten zudem, dass zum Teil heute noch die Familiengeschichte in Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg ein Tabu-Thema ist.

Die Reise nach Bad Kreuznach brachte Dr. Andy Bullock die letzte Gewissheit

Am 25. April 1942 starteten um 9.15 Uhr in England sechs Bomber (Short Stirling I). Die „Fliegenden Festungen“ (30,17 Meter lang und angetrieben von vier 1600 PS-starken Motoren) sollten ihre Bombenlast über den Rüstungsbetrieben Skoda im tschechischen Pilsen abwerfen. Es ist eine der Geheimoperationen unter dem Decknamen „Canonbury“, in Zusammenarbeit der britischen Luftwaffe mit der tschechischen Exilregierung in London. Eine der Maschinen - zur Besatzung gehören neben dem kanadischen Piloten P/O Hal Millichamp und dem englischen Bordingenieur Bullock noch zwei Canadier, drei Engländer und ein Schotte – kam bis zur Gemarkungsgrenze zwischen Bad Kreuznach und Rüdesheim. Unweit der Lohrer Mühle stellte ein deutscher Nachtjäger – ein Messerschmidt Bf 110 - kurz nach Mitternacht den englischen Bomber zum Luftkampf. Beide Maschinen wurden getroffen, die Engländer so schwer, dass das Flugzeug abstürzte. Die gewaltige Explosion sorgte für einen 30x30 Meter großen und 10 Meter tiefen Krater. Durch die Erschütterung fiel im etwa 300 Meter entfernten Wohnhaus von Friedrich Blattner der Putz von den Wänden. Das schwer beschädigte deutsche Flugzeug erreichte nicht mehr seinen Flugplatz in Mainz-Finthen, der Pilot musste in Wackernheim notlanden.

Stadtarchivarin Franziska Blum-Gabelmann fragt nun, ob es weitere Informationen von Zeitzeugen zum Absturz am 26. April 1942 (z.B. Tagebuchaufzeichnungen) gibt. Diesbezügliche Informationen bitte an: stadtarchiv@bad-kreuznach.de oder Telefon 0671/9201162.

Für Dr. Andy Bullock hat sich die Reise nach Bad Kreuznach gelohnt. Hier wurden letzte Zweifel an dem Ort, an dem sein Onkel den Tod fand, beseitigt. Andere Quellen besagten, dass die Maschine in der Nähe von Rostock abstürzte, eine weitere vermutete die Absturzstelle bei Hügelsheim, 10 Kilometer nordwestlich von Baden-Baden. Diese Informationen als letzte Gewissheit leitet Andy Bullock auch an die Familien der anderen sieben Besatzungsmitglieder weiter, sicherlich auch die Botschaft, dass am 25. April und 26. April Menschen aus Bad Kreuznach ihrer gedachten, dies alles in der Hoffnung, dass man in England, Schottland und Kanada ein wenig Trost findet.

Persönliche Anmerkung des Autors:

Das gemeinsame Trauern dieser kleinen Gruppe und der freundliche und respektvolle Umgang von Menschen aus einst verfeindeten Nationen wie Deutschland und England sollte all Jenen zu denken geben, die die Totenglocke für ein vereintes Europa läuten. Seit über 70 Jahren sorgt eben diese Völker- und Wertegemeinschaft dafür, dass in weiten Teilen unseres Kontinentes Frieden herrscht, basierend auf vielen persönlichen Freundschaften und offiziellen Partnerschaften.

Hansjörg Rehbein


Foto oben: Klaus Valerius führte Dr. Andy Bullock zu dem Gelände, über dem das Flugzeug mit seinem Onkel und weiteren sieben Insassen am 26. April 1942 im Luftkampf abgeschossen wurde. Bullock legte dort zum Gedenken einen Strauß Blumen nieder.

Philip Bullock. Foto: Familienarchiv Bullock

Foto unten: Dr. Bullock mit Schülern und Lehrern des Stama sowie mit Klaus Valerius und Stadtarchivarin Franziska Blum-Gabelmann.