Rehbock, Liebespärchen, drei Kletter-Damen: Was Karl Krause als Friedhofsschließer erlebte


Karl Krause hat in den vergangenen 13 Jahren viel als Friedhofsschließer erlebt. „Habt Ihr denn kein Zuhause?“, fragte er das Liebespärchen, das sich über mehrere Wochen in den Abendstunden die Friedhofstoilette als lauschiges Plätzchen ausgesucht und dort eingeschlossen hatte. „Auf dem Friedhof ist zwei Jahre ein junger Rehbock herumgaloppiert und hat die Blumen von den Gräbern gefressen.“  Er vermutet, dass das Tier als Kitz auf dem Friedhof ausgesetzt wurde. Alle waren froh, als das Wild eines Tages das Weite suchte und seine Artgenossen im Stadtwald fand. In bester Erinnerung sind ihm auch drei kräftige Damen, die nach Schließung über das Tor geklettert waren. „Das war ein Bild, das hätt` ich fotografieren sollen“. Die große Auswahl an Kameras hätte der leidenschaftliche Sammler gehabt, über 300 Exemplare hat er noch aufbewahrt, dazu hunderte von Uhren, Brillen, Bücher und noch vieles, vieles mehr, alles untergebracht in den sieben Zimmern des Friedhofshauses, in dem er nach Auszug seines Sohnes und dem Tod seiner zweiten Ehefrau alleine wohnt.

Vor seiner Tätigkeit als Straßenmeister bei der Stadtverwaltung (1975 bis 2014) hatte Karl Krause ein bewegtes Berufsleben. Seemann Krause war dabei, als die Bundesmarine in Charleston (USA) sechs Zerstörer abholte, stillgelegte US-Schiffe aus dem Koreakrieg, die eingemottet auf dem Cooper-River lagen. Die Zeit des Flottmachens nutzte Krause auch für einen Urlaub und besuchte Indianerreservate in Tennessee und Alabama. Vor der Heimkehr nach Bremerhaven ankerten die Schiffe bei Testfahrten vor „jeder Insel in der Karibik“, schwärmt er von jenen Zeiten. „Jamaika, Puerto Rico, Haiti, Bermudas.“

Nach seinem Abschied aus der Bundeswehr und der ersten Heirat arbeitete der gebürtige Gelsenkirchener als Maurermeister vier Jahre im Baugewerbe bevor es ihn erneut zu den Soldaten zog und er zum Ende dieser Militärzeit eine Ausbildung als Versicherungskaufmann machte. In dieser Branche blieb er nicht lange und wechselte erneut zum Bauhandwerk. Als Polier verdiente er bei einer Baufirma in Merxheim seine Brötchen.  In dieser Zeit kaufte und renovierte er  einen großen Bauernhof in Horbach bei Simmertal., „ein schönes in Haus in Kirn-Land“, wie damals eine Lokalzeitung titelte.  Merxheim war nicht seine letzte Station vor der Stadtverwaltung.  Krause steuerte für einen Simmertaler Unternehmer große Tanklastzüge, bis er sich bei einem Unfall so schwer verletzte, dass die Ärzte ihm zur Amputation eines Unterschenkels rieten. Doch mit Bädern aus Kräutersud verschwand die schwere eitrige Entzündung. „Ein Mittel, das mir eine alte Frau aus dem Dorf empfohlen hatte.“ Wieder genesen suchte Krause Arbeit, die er letztendlich in Bad Kreuznach fand. In den ersten Jahren hatte er seine Dienstwohnung am Schlachthof. „Beim Winterdienst  bei Schnee und Glatteis musste ich ja schnell vor Ort sein und die Leute zusammentrommeln und einteilen.“ Später, als der Bauhof in seiner jetzigen Form erweitert wurde, bekam er das Haus am Friedhofseingang Mannheimer Straße. Nach seinem Ausscheiden durfte er dort bleiben, unter der Bedingung, dass er als Mini-Job den Schließdienst auf dem Friedhof übernimmt.

Bis Ende 2017 bestimmte die Friedhofsordnung, dass die Tore mit Einbruch der Dämmerung zu sein müssen. Mit Besuchern gab es immer wieder Diskussionen, wann die Dämmerung beginnt. „Dann, wenn die Straßenlaternen angeschaltet werden“, legte Karl Krause fest, der nun froh ist, nicht mehr im Herbst und Winter bei Regen und Schnee morgens und abends die fünf Tore und die diversen Türen auf- und abschließen zu müssen.  „Meine Tour rund um den Friedhof war genau 1880 Meter lang“, hat er auf dem Tacho seines Fahrrades abgelesen. In bester Erinnerung sind ihm die Beobachtungen der Tierwelt. Morgens sah er die Eichhörnchen und Grün -und Schwarzspechte, hörte deren Hämmern in das Holz der Bäume, abends kamen die Igel aus ihren Verstecken.

Karl Krause darf im Haus am Hauptfriedhof, das er mit seinen unzähligen Sammelobjekten teilt, wohnen bleiben. Die Friedhofsverwaltung, die in all den Jahren seine Zuverlässigkeit schätzte,  freut sich darüber und hofft, dass Nachbar Krause noch ein waches Auge auf die Parkanlage hat.

Hansjörg Rehbein


Foto: Karl Krause ist der Bewohner des Hauses am Friedhofseingang Mannheimer Straße. Trotz des Schildes „Keine Friedhofsverwaltung“ wird immer wieder an der Tür geklingelt oder an den Fenstern geklopft. Als Friedhofsschließer ist Karl Krause nun im Ruhestand.


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