Polizei- und Ordnungsrecht, Umweltrecht, Baurecht. Sozialhilferecht und vieles mehr. Die Flut von Gesetzen, in denen sich die Beschäftigten im öffentlichen Dienst auskennen müssen, ist nahezu unendlich. Dementsprechend hat sich auch der Unterrichtsstoff und der Name des Ausbildungsberufes geändert. War bis 2014 die klassische Bürokommunikation Schwerpunkt der Lehre, steht nun die Schulung zur Sachbearbeiterin bzw. zum Sachbearbeiter im Fokus. Zu viel Knowhow, um es allein im Unterrichtsplan einer Berufsschule unterzubringen und es auch in der notwendigen Tiefe zu vermitteln. Dies leisten die Kommunalen Studieninstitute in Deutschland (KSI) als ein Pfeiler der Personalentwicklung im öffentlichen Dienst. Eines von acht Instituten in Rheinland-Pfalz hat seinen Sitz in der Stadtverwaltung Bad Kreuznach. Auszubildende und Mitarbeiter aus den öffentlichen Verwaltungen in den Landkreisen Bad Kreuznach, Birkenfeld und Teilen von Rhein-Hunsrück (VG Kirchberg und Simmern-Rheinböllen) besuchen hier den Unterricht, der in den Räumen der DEULA Rheinland-Pfalz, einer gemeinnützigen Bildungseinrichtung, abgehalten wird. Schüler sind auch Beschäftigte, die sich in Lehrgängen weiterbilden, weil sie sich für Führungspositionen und höhere Gehaltsstufen im öffentlichen Tarifsystem qualifizieren wollen.

Pascal Bayer (28) ist seit Juli 2025 Studienleiter des KSI Bad Kreuznach. Der Volljurist arbeitet in Teilzeit (3 Tage die Woche) im städtischen Rechtsamt. Dort prüft er Verträge, entwirft Förderrichtlinien und deckt breite Rechtsgebiete von Miet- bis Vergaberecht ab. Die Funktion des Studienleiters übt er zusätzlich aus. Zudem schreibt er an seiner Doktorarbeit. Nach dem Jura-Studium und Referendariat in Mainz machte er an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer seinen Master in Verwaltungsrecht und sammelte während des Referendariates Erfahrungen in einer Frankfurter Großkanzlei, die auf Vergaberecht spezialisiert ist.
Wie entwickelt sich das KSI weiter, wie wird die Digitalisierung umgesetzt? Zentrale Fragen und Aufgaben, die Bayer und seine Kolleginnen und Kollegen in anderen Instituten beschäftigen und in AG-Sitzungen diskutiert werden. Ein ausschließlich digitaler Lehrgang mit Unterricht via Bildschirm hat sich nicht bewährt und läuft in diesem Sommer aus. „Die Belastung Arbeit plus Lehrgang ist ohnehin groß“, so Bayer. Mit dem Leistungsniveau ist er sehr zufrieden, wenn gleich da noch „Luft nach oben ist“. „Wir sind stolz auf die Schülerinnen und Schüler, die sehr engagiert und leistungsstark sind.“ Da immer mehr Quereinsteiger aus der freien Wirtschaft in den öffentlichen Dienst wechselten, müsse man diese Entwicklung in künftigen Lehrplänen in darauf zugeschnittenen Lehrgängen berücksichtigen. Es geht um ein „Vertraut machen“ mit der Verwaltung. Dies gelte im Besonderen für Verwaltungsakte und die rechtlichen Rahmenbedingungen.
27 Dozentinnen und Dozenten unterrichten Schülerinnen und Schüler in der Ausbildung der Verwaltungsfachangestellten und in den beiden Lehrgängen (AL I und II). Sie kommen aus den öffentlichen Verwaltungen aus den Landkreisen, Städten und Verbandsgemeinden der Region sowie von Polizeihochschule, TH Bingen, Ministerien und ARGE/Jobcenter. Dabei sind noch Ruheständler, alte Hasen, die ihr Wissen an den Verwaltungsnachwuchs weitergeben. Fünf Mitglieder des Lehrkörpers stellt die Stadt Bad Kreuznach. Daniela Stein, Leiterin des Rechnungsprüfungsamtes. ist zudem die Vorsitzende des Prüfungsausschusses für den Ausbildungsberuf Verwaltungsfachangestellte/r.
Nicola Trierweiler, stellv. Leiterin des Rechtsamtes, ist die Vorsitzende des Prüfungsausschusses für die Angestelltenlehrgänge: Als Dozentin lehrt sie Staats-, Verfassungs- u. Europarecht. Wie funktioniert unser Staat, was ist Gewaltenteilung und Föderalismus, wie schützt man die Demokratie? Nicola Trierweiler fragt zu Beginn des Semesters das Basiswissen ihrer Schülerinnen und Schüler ab. Dazu bedient sie sich auch des Einbürgerungstests für Migranten. Dazu gehören beispielsweise die Fragen: Wer beschließt in Deutschland ein neues Gesetz? - Die Regierung, das Parlament,- die Gerichte, die Polizei? Oder „Welchem Grundsatz unterliegen Wahlen in Deutschland? „ A - frei, gleich, geheim, B - offen, sicher, frei C - frei, gleich, sicher D - sicher, offen, freiwillig?
„Die Ergebnisse sind ganz gut. Indiz für ein Bewusstsein für den Schutz unserer liberalen Demokratie.“ Großes Interesse zeigt die Klasse am aktuellen Thema „Parteiverbot für die AfD“. Sie erklärt die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die hohe Hürden für ein Parteiverbot stellen. „Ich lege einen Schwerpunkt auf die Information wie eine Demokratie sich wehren und schützen kann.“ Im Unterricht geht sie zum besseren Verständnis und Veranschaulichung „sehr fallbezogen“ vor. Beispiel: Muss ein Apotheker in einem Bahnhofsgebäude sein Geschäft zu den üblichen Zeiten schließen, gemäß Ladenschlussgesetz. Er sieht darin eine Verletzung seiner Grundrechte (Art. 3 GG.). Als Betrieb im Bahnhof müsse seine Apotheke ebenso behandelt werden, wie andere Bahnhofsverkaufsstellen, die den für die übrigen Geschäfte ihrer Branche geltende Ladenschlusszeiten nicht unterlägen. Die Klasse hat zu prüfen, ob der Apotheker im Recht ist.
Mit der administrativen Gestaltung des Geschäftsbetriebes ist die städtische Mitarbeiterin Christine Gebhard betraut. Sie ist Erstansprechpartnerin für Auszubildende, Teilnehmer/-innen der Angestelltenlehrgänge, Behörden sowie Dozentinnen/Dozenten in ablauforganisatorischer Hinsicht, konzipiert und überwacht die Stundenpläne, kontrolliert die Abgabe von Entschuldigungen bei Fehlzeiten und ist zuständig für die Zahlbarmachung der Dozentenhonorare und die Anforderung des Schulgeldes bei den Beschäftigungsbehörden sowie die Gestaltung und Pflege des Internetauftrittes. Darüber hinaus hat sie eine Fülle von Aufgaben, unter anderem die organisatorische Vorbereitung und Durchführung von Prüfungen.
Für den Angestelltenlehrgang II (Beginn 2023) bewarben sich 51, zugelassen wurden 33 (in 2019 48/32) Bewerbungen und Zulassungen für den AL I lagen in den vergangenen beiden Jahrgängen bei jeweils rund 30. Die Zahl der Verwaltungsfach-Azubis der jüngsten Jahrgänge: 21 (2022-20225), 28 (2023-2026) und 30 (2024-2027).
Lena Stallmann investiert viel Zeit in ihre Weiterbildung. Ihr Wochenpensum: vier Tage arbeiten und zusätzlich ein Tag Unterricht im KSI. Dazu kommt noch das Nacharbeiten des Lehrstoffes an Abenden; besonders noch das Lernen für Klausuren an Wochenenden. Sie ist als Sachbearbeiterin alleine für Zweitwohnungs-, Hunde- und Vergnügungssteuer zuständig. Im nächsten Winter steht ihre Prüfung im Angestelltenlehrgang II an. „Arbeit und Unterricht, das passt!“ damit ist die 26-Jährige zufrieden. In der Kämmerei arbeitet sie gerne, sie möchte aber auf jeden Fall weiterkommen, z.B. dann, wenn eine ihrer Qualifikation entsprechende Stelle bei der Stadtverwaltung frei wird. Dafür schafft der Lehrgang die Voraussetzung, denn damit ist man breit aufgestellt, quer durch alle Verwaltungsbereiche.
Foto oben: Nicola Trierweiler unterrichtet Staats-, Verfassungs- u. Europarecht.
