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Ein Leben für das Ehrenamt - Ria Liegel-Seitz

Maria Elisabeth Seitz wurde am 30. Mai 1903 in Kreuznach geboren. Sie war das erste Kind des aus Kreuznach stammenden Kaufmanns Georg Heinrich Seitz und seiner Frau Barbara Metzger, der zusammen mit seinem Bruder Theobald Friedrich ab 1887 die „Seitz Werke“ aufbaute. Nachdem am 29. September 1904 die zweite Tochter des Ehepaares Seitz geboren wurde, Elisabeth Apollonia, war die Familie komplett.

Ria Seitz, wie sie von ihren Freunden und Angehörigen gerufen wurde, lebte ab 1907 zusammen mit ihrer Familie in der Oranienstrasse 16, einem geräumigen Haus inmitten eines großen Gartens. Das Anwesen lag unweit des Oranienhofes und des Kurviertels.

Ostern 1909 trat Ria Seitz in die Vorschule der „Städtischen Höheren Mädchenschule und Frauenschule“ in Kreuznach ein. Ihr Abgangszeugnis 1919 ist mit der Bezeichnung „Städtisches Lyzeum mit Frauenschule Kreuznach“ überschrieben, dem damaligen Namen der Schule. Ihre ganze Schulzeit hindurch fiel Ria Seitz durch ihre besondere Begabung im Zeichnen auf. 1918 erhielt sie Privatunterricht bei dem aus Krefeld stammenden Kunstmaler Paul Nobis, der Kunsterzieher an der gewerblichen Berufsschule Kreuznach war.

Wie ihre Mitschülerin Hanna Cauer entschloss sich auch Ria Seitz nach Beendigung ihrer Schulzeit eine künstlerisch ausgerichtete Laufbahn einzuschlagen. Sie besuchte von 1919 -1922 die „Kunstgewerbeschule Mainz“, wo sie die Fachklasse für Bildhauerei belegte. Ab 1923 studierte Ria Seitz bis 1924 an der „Staatschule für angewandte Kunst“ in München. Sie belegte Kurse bei Prof. Else Jascolla (textiles Gestalten) und Prof. Joseph Wackerle (Bildhauerei). Während dieser Zeit (Inflation) unterhielt sie eine eigene kunstgewerbliche Werkstatt. Mit der Hilfe von drei jungen Frauen fertigte sie Kinderkleider, Wandbehänge und Kissen an, verkaufte diese und finanzierte damit ihre Ausbildung. Zur gleichen Zeit studierte auch Ernst August Liegel in München das Fach „Künstlerische Fotografie“. Ein ihr wohlbekannter Nachbarsjunge aus der Oranienstrasse 19, den sie am 15. August 1924 in Bad Kreuznach heiratete. Nach der Hochzeit führte die Familie den Nachnamen Liegel-Seitz.

Ernst Liegel-Seitz trat als Prokurist in die Seitz Werke G.m.b.H. Kreuznacher Maschinenfabrik Filter- und Asbestwerke ein. 1925 wurde nach Plänen von Alexander Ackermann in der Agricolastrasse 1 eine herrschaftliche zweigeschossige Villa, die als Beispiel für die Wohnkultur des gehobenen Bürgertums angesehen werden kann, für das frischvermählte Paar errichtet.

Am 12. Juni 1925 wird die gemeinsame Tochter Ruth Barbara geboren, am 05.03.1927 folgt Sohn Günter.

Nach ihrer Heirat soll Ria Liegel-Seitz in den Schneiderateliers Ku(t)sch und Hermann junge Mädchen und Frauen in Kunstgewerbeschneiderei unterwiesen und daneben begabten Mädchen Malunterricht erteilt haben. Anne Tesch, eine ehemalige Klassenkameradin schreibt in ihrem Artikel über die „Drei Phasen des Wirkens von Ria Liegel-Seitz“, dass diese sich in Folge einer Ausstellung mit […den Schulreformern „Wie es sein soll“  und „Wie es nicht sein soll“…] öffentlich dafür einsetzte, Eltern für gutes Spielzeug zu sensibilisieren, und zwar mit der Absicht, dass Kriegsspielzeug kein geeignetes Spielzeug für Kinder sei.

1928 folgte die Gründung eines Vereins mit dem Namen „Frauenkleidung und Frauenkultur“ mit Herrn Dr. Vauth und Ala Hermann. Als Schriftführerin nennt Anne Tesch Annelise Buß.

Von Juni 1940 bis Mai 1945 übernahm Ria Liegel-Seitz zusammen mit anderen Frauen, als deren Leiterin sie fungierte, ehrenamtlich die Aufgabe, schwer verwundete Soldaten mit Bastelarbeiten zu beschäftigen. Das Ziel des „Laienschaffens“, in den Kreuznacher Reservelazaretten I. und II. war es, die Verwundeten zu betreuen und ihnen trotz schwerer Verletzungen oder Behinderungen einen Weg in die Normalität zu zeigen. Ria Liegel-Seitz und ihre Helferinnen schulten die Versehrten, etwa Hand- und Armamputierte, in ihren verbliebenen Fertigkeiten. Die bei der therapeutischen Behandlung entstandenen Arbeiten wurden unter anderem in den Schaufenstern Kreuznacher Geschäfte ausgestellt. Es handelte sich um hübsch gestaltete und nützliche Gebrauchsgegenstände für Erwachsene und Kinder, die aus Resten (Motto: „Aus Alt mach Neu“) hergestellt wurden. So entstanden Einbände für Fotoalben, Bücher oder Hefte sowie Spielsachen aus Holz; etwa ein Karussell, ein Flugzeug oder ein Radfahrer. Die Bastelarbeiten waren unverkäuflich: Geschenke für die Familien zu Hause.

1942 wurden in Helsinki eine Reihe von Objekten des Projektes „Laienschaffen“ ausgestellt.

Zur Erklärung dessen was „Laienschaffen“ bedeutete, ist auf einem Foto zu lesen: “Seit Juni 1940 werden in den Kreuznacher Lazaretten die Verwundeten mit Bastelarbeiten beschäftigt. An diesem Arbeiten beteiligen sich nicht nur Aufstehpatienten sondern auch Bettlägerige und solche in Gips- und Streckverbänden. Die Arbeiten werden aus Restmaterialien aller Art unter fachmännischer Leitung von den Verwundeten hergestellt. Tausende solcher Gegenstände, von denen einige Beispiele hier gezeigt werden, haben zur Freude der Verwundeten den Weg zu den Angehörigen in die Heimat genommen“.

Neben ihrer Arbeit im Lazarett stellte sie ihre Dienste auch für andere wohltätige Aufgaben zu Verfügung. In einem erhalten geblieben Zeitungsartikel kündigt dessen Verfasser an, dass „beim Sommerfest der NS-Frauenschaft und des deutschen Frauenwerkes, …, in der Konkordia, eine Verlosung stattfinden wird. …Über 1000 Gegenstände aller Art warten auf ihre Gewinner,…, etwa 50 Frauen haben unter der Leitung von Frau Liegel-Seitz Handarbeiten und kunstgewerbliche Arbeiten angefertigt…“.

Während der allgemeinen Aufbruch- und Aufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg, versuchte Ria Liegel-Seitz, in ihrer Funktion als Gesellschafterin der Seitz-Werke, Kindergartenplätze für die Werksangehörigen im zerbombten Bad Kreuznach zu organisieren. Nach einem Gespräch mit der Leiterin des Diakoniekindergartens, welche den großen Mangel an  Kindergartenplätze in Kreuznach als soziale Not definierte, beschloss Ria Liegel-Seitz für die Werksangehörigen der Firma Seitz einen eigenen Kindergarten aufzubauen.

Das Projekt Werkskindergarten der Seitzwerke startete am 25. Oktober 1955 mit der Einweihung des von ihr initiierten und gegründeten Hauses 105a auf dem Werksiedlungsgelände Planiger Strasse. Der Seitzwerkskindergarten als Sozialwerk der Seitzwerke verfügte als Institution innerhalb der Seitzwerke über ein eigenes Logo.

In der Eröffnungsrede am 25. Oktober 1955 sagte Ria Liegel-Seitz über ihre Motivation zur Errichtung des Kindergartens: „Mein Entschluss war gefasst. Hier war der Aufgabenkreis, den ich gesucht hatte, nachdem mein eigenes Nest flügge geworden war. Dass ich meine Kräfte in den Dienst des Werkes stellen wollte, dem ich über ein halbes Jahrhundert auf das engste verbunden bin, war mir Selbstverständlichkeit. Dass es darüber hinaus eine ganz besondere Freude für mich bedeutet, einen Wirkungskreis im Rahmen des Werkes gefunden zu haben, dessen Mitbegründer mein Vater war, dessen einer Geschäftsführer mein Mann ist und in dem nunmehr mein Sohn seine Lebensaufgabe gefunden hat, brauche ich wohl nicht besonders zu betonen“.

Nach der Eröffnung des Kindergartens begann sie dort ihre ehrenamtliche Tätigkeit, die ein Vierteljahrhundert andauern sollte, von 1955 bis 1980.

Der Seitzkindergarten war eine der Sozialleistungen eines Familienunternehmens, das sich seinen Mitarbeitern verbunden und verpflichtet fühlte, wie ein Ausschnitt aus einem Bericht von Ria Liegel-Seitz dokumentiert: „Die Seitzwerke G.m.b.H. Kreuznacher Maschinenfabrik, Filter und Apparatebau haben mit dieser mustergültigen Einrichtung, die dem Gemeinwohl aller Familien der Werksangehörigen dient, unter Beweis gestellt, dass ein Privatunternehmen in hervorragender Weise seine Sozialverpflichtungen zu erfüllen versteht“.

Einige Tage nach der Einweihung des Werkskindergartens, am 5. November 1955, fand die erste große Veranstaltung der Seitzwerke nach Abschluss des Wiederaufbaus statt.

Ernst Liegel-Seitz eröffnete seine Rede mit den Worten: „Hochverehrte Festversammlung! Meine lieben Seitzianer!“. Liegel-Seitz beschwor mit seiner Wortwahl den patriarchalisch-kameradschaftlichen Geist der Gründerväter Seitz und dokumentierte gleichzeitig die enge Verbindung zwischen Werk, Belegschaft und der Familie Seitz.

Die Vorstellung, zu einer großen Familie zu gehören, den „Seitzianern“, übertrug sich auch auf den Werkskindergarten, denn dort waren die „Kleinen Seitzianer“ zu Hause.

Der Seitzkindergarten lag unweit der Fabrikanlagen am Rand des Siedlungsgeländes der Seitzwerke, inmitten einer weitläufigen Grünanlage. Er war integraler Bestandteil der Seitzsiedlung. Zum Kindergarten selbst gehörte ein großer Garten mit Spielplatz, Sandkästen, Obstbäumen und Beeten, die von den Kindern bestellt werden konnten.

Das Haus, nach ihren Ideen geplant und gebaut von den Architekten Dipl. Ing. Dieter W. und Ruth B. Schuck, war ganz auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet. Ein „richtiges Kinderhaus“, wie es Ria Liegel-Seitz in einer Rede bezeichnete. Sie übernahm von Beginn an die ehrenamtliche Leitungsfunktion. Ihr zur Seite standen zwei ausgebildete Kindergärtnerinnen, Frau Irmgard Wagner und Frau Ruth Skrypalle. Letztere hatte die pädagogische Leitung inne. Zur weiteren Belegschaft des Kindergartens gehörte eine Bürokraft, Frau Plaul, eine Heilgymnastin, Frau Kollaritsch, und eine Wirtschaftskraft, Frau Uhl.

Die gesundheitliche Betreuung der Einrichtung oblag dem Werksarzt der Seitzwerke, Dr. Wolfgang Schulz, der wöchentlich vorbeischaute. Die Werksküche belieferte den Kindergarten, der ganztägig von 7.00 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet war, und von allen Kindern der Werksmitglieder zwischen 2 ½ und 6 Jahren genutzt werden konnte.

In § 1 und § 5 der der Kindergartenordnung wurden die pädagogischen Ziele formuliert: „Der Kindergarten ist eine Werks-Einrichtung und hat den Zweck, die noch nicht schulpflichtigen Kinder in Obhut zu nehmen, zum Wohle der Kinder und sie zu einem positiven Verhältnis zur Gemeinschaft zu führen. Im Spiel sollen die Kinder im Laufe der 3 Jahre zu einer Schulreife geführt werden, die ihnen den Übergang zur Schule erleichtert. Es sollen in gesundheitlicher, geistiger und seelischer Beziehung die Voraussetzungen geschaffen werden, die das Kind beim Schulbeginn benötigt. Die Kinder erhalten im Kindergarten eine dem äußeren Rahmen entsprechende Aufsicht, eine altersgemäße, auf ethischer Grundlage basierende Erziehung, eine vielseitige Betätigung ihrer eigenschöpferischen Gestaltungskraft und Förderung derselben durch ausgebildete Fachkräfte. Der Kinderarten steht unter Aufsicht eines Arztes; die turnerischen Übungen werden von einer geprüften Fachkraft überwacht“.

Neben den genannten organisatorischen Voraussetzungen - den Kindern war es auch möglich am Nachmittag zu schlafen - spielten die monatlichen Mütterabende eine weitere wichtige Rolle, die der „harmonischen einheitlichen Erziehung der Kinder in Elternhaus und Kindergarten dienen“ sollten. Hier wurden Themen wie „Erste Hilfe bei Kindern“, “Fastnachtsfeiern mit Kindern“ oder „Haltungsschäden deren Folgen und Behandlung“ besprochen. 1966 wurde der hundertste Mütterabend durchgeführt.

Am 23. Februar 1956 hatte das Ministerium die Führung eines Kindergartens für 50 Kinder genehmigt. Als der Kindergarten in Betrieb ging, war er für 28 Kinder geplant. Schon kurze Zeit später waren es 50 Kinder, welche die Einrichtung besuchten. Diese Tendenz hielt an. 1960 und 1965 wurde der Kindergarten erweitert. Ab 1960 gab es zwei Einrichtungen, der Kindergarten und der Hort; vergleichbar einer Kindertagesstätte. Am 28. September 1970 folgte die Einweihung des Anbaus der Kindertagesstätte anlässlich des 15 jährigen Bestehens, im Beisein des Sozialministers Dr. H. Geissler. 

Im Kindergarten wurde nach Aussage von Frau Ray, der heutigen Leiterin des Hauses, viel gefeiert. Neben den Festen im Jahresrhytmus wurden alle Geburtstage und Jubiläen der Gründerin und des Kindergartens im Kindergarten gefeiert. So am 5. November 1960 das 5 jährige, am 26. Oktober 1965 das 10 jährige, am 28. September 1970 das 15 jährige und am 7. Juni 1975 das 20 jährige Bestehen der Einrichtung. 1970 verlieh Ria Seitz-Liegel die silberne Kindergartennadel an verdiente Mitarbeiter.

Das letzte große Fest feierte Ria Liegel-Seitz anlässlich des 25 jährigen Bestehens der Einrichtung. Es war zugleich ihre Abschiedsfeier. Am 28. Juni 1980 zog sie sich mit 77 Jahren aus der ehrenamtlichen Arbeit zurück.

Ab August 1980 übernahm die Stadt den Kindergarten und führte ihn als städtische Einrichtung fort. Ria Liegel-Seitz verstarb am 17. Februar 1993 nach langer Leidenszeit in Kreuznach. 

Um das Jahrzehnte lange ehrenamtliche Wirken von Ria Liegel-Seitz zu würdigen, wurde ihr zu Ehren an ihrem 100. Geburtstag der städtische Kindergarten Planigerstrasse 115 in Ria Liegel-Seitz Kindergarten umbenannt.

Franziska Blum-Gabelmann M.A.

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