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Konrad Frey, ein Beispiel für Sportförderung und Propaganda im Dritten Reich

Bei den XI. Olympischen Sommerspielen in Berlin 1936 errang der Bad Kreuznacher Konrad Frey (1909-1974) sechs Medaillen: Dreimal Gold (Seitpferd/Barren/Mannschaftswertung), einmal Silber (Reck) und zweimal Bronze (Zwölfkampf/Bodenturnen). Seine herausragenden Leistungen verhalfen ihm, dem Armaturenschlosser bei der Bad Kreuznacher Badeofenfabrik Ost & Scherer, durch Ministerial-Erlass vom 2.9.1936 zu einer lebenslangen Anstellung als Turn- und Sportlehrer im Schulverband Bad Kreuznach. Dass dies gelingen konnte, hängt mit dem politisch motivierten Vorgehen wie dem Zusammenspiel von Parteifunktionären der NSDAP, in erster Linie Kreisleiter Friedrich Ernst Schmitt (1896-1972) zusammen, die den Ausnahmeathleten für propagandistische Zwecke ihrer Partei instrumentalisierten.

1935 wird Konrad („Conny“) Frey in Frankfurt am Main zum wiederholten Mal Deutscher Meister im Zwölfkampf. Der Bürgermeister der Stadt Bad Kreuznach Dr. Friedrich Wetzler (1900-1942) gratuliert ihm dazu im Namen der Stadt. Frey antwortet: „Mein Bestreben wird es sein, Deutschland, wie meine Vaterstadt 1936 in Berlin würdig zu vertreten“. Spätestens mit diesem Meistertitel und als feststand, dass Frey an den Olympischen Spielen in Berlin teilnehmen würde, gerät er ins Blickfeld der NSDAP und ihrer ideologischen Glaubensätze wie denen, „dass Gesamtinteresse vor Sonderinteressen“ zu gehen habe und die hergebrachten Kastenschranken zugunsten einer „Volksgemeinschaft“ durchbrochen werden, in der allein der Leistungsgedanke zählt. Kreisleiter Schmitt machte sich dafür stark, Frey eine Stelle bei der Stadt, vielleicht bei den städtischen Betrieben, zu verschaffen. Dr. Wetzler sah die Zukunft des „Meisterturners“ als Turnlehrer und klärte die Möglichkeit, dies zu erreichen, mit den ihm übergeordneten Stellen ab. Weder Landrat Hellmuth Rademacher noch sein Nachfolger, der kommissarisch eingesetzte Landrat Dr. Nikolaus Simmer (1902-1986), noch Regierungspräsident  Harald Turner (1891-1947) hatten gegen eine Einstellung Freys als Turn- und Sportlehrer etwas einzuwenden, wiesen jedoch auf die zu erbringenden notwendigen Prüfungen hin, die für eine Anstellung notwendig seien. „Denn nur“, so Turner „weil er einen besonders stark entwickelten Bizeps habe“, könne Frey nicht  bevorzugt behandelt werden. Mit dieser Nachricht gab sich Kreisleiter Schmitt zufrieden. Frey wurde am 22.2.1936 mitgeteilt, dass er, um als Turn- und Sportlehrer arbeiten zu können, die vorgeschriebene Turnerprüfung abzulegen habe. Wenige Tage später, am 27.2.1936, wandte sich Ratsherr Heinrich Herrmann in dieser Sache mit einem Brief an Dr. Wetzler, der ihm in einer Sitzung übergeben wurde und beantragte, Konrad Frey als hauptamtlichen Turn- und Sportlehrer einzustellen. Er führte an, wie werbewirksam, national und international, die sportlichen Erfolge Freys für Bad Kreuznach seien, da sein Name nicht nur in der Sportwelt einen guten Klang habe, sondern auch eine nicht unbeträchtliche Werbung für den Kur- und Badeort darstelle. Des Weiteren hob er auf die Bedeutung des Sportlers für die Jugend ab, die in ihm ein leuchtendes Vorbild hätte. Ein wesentliches Motiv Frey bei der Stadt anzustellen war der Wunsch, ihn von der „harten Arbeit“ und „der Erfüllung seiner Berufspflicht als Schlosser“ zu befreien, damit er sich ganz der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele widmen könne.

Im Grunde ist dieses Vorgehen eine frühe Form der Sportförderung als Individualförderung. Das „Nationalblatt“ titelt am 28./29.3.1936 „Konrad Frey ist Turn- und Sportlehrer geworden – Leistung entscheidet für das berufliche Fortkommen des jungen Deutschen“ und verweist auf den Einsatz des Kreisleiters Schmitt. Am 1.4.1936 erhält Dr. Wetzler von Schmitt einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wird, dass Frey durch Beschluss des Reichsverbands der deutschen Turn- Sport- und Gymnasiallehrer e.V. und mit Wirkung vom 23.3.1936 in den Verband der Turn- und Sportlehrer aufgenommen wurde. Die erforderliche Prüfung würde Frey nach der Olympiade in einem Lehrgang, der vom 28.9. bis 10.10.1936 dauern würde, in Berlin nachträglich ablegen. Der Kreisleiter bittet Dr. Wetzler, seinem Wunsch zu entsprechen und Frey am 1.4.1936 in den städtischen Dienst zu übernehmen. Der Bürgermeister prüft erneut und kommt, wiederum im Austausch mit den übergeordneten Stellen, zu dem Schluss, dass die Anstellung an einer öffentlichen Volksschule die Ablegung der vorgeschriebenen Lehramtsprüfungen voraussetzt. Sollte, so Wetzler an Schmitt, Frey diese nicht besitzen, könne er nicht angestellt werden. Da die Stellenbesetzung nicht Sache der Stadt sei, sondern die des Regierungspräsidenten, sei dessen Antwort ausschlaggebend. Die Haltung des Juristen Dr. Wetzlers wurde durch den Regierungspräsidenten am 9.5.1936 bestätigt, der auch auf die erforderlichen Prüfungen verwies.

Am 14.8.1936 notiert der geschäftsleitende Stadtoberinspektor Richard Kossatz, dass er auf Anordnung des Verkehrsdirektors und Beigeordneten Erwin Brendicke (1892-1965) am 13.8.1936 mit der Regierung in Koblenz gesprochen habe, um dieser den Wunsch des Gauleiters Gustav Johannes Simon (1900-1945) und des Kreisleiters und Gauinspektors Schmitt zu übermitteln, noch vor dem 14. 8.1936 11.00 Uhr eine Anstellungsurkunde für den Olympiasieger Konrad Frey zum Turn- und Sportlehrer zu erhalten, die von Brendicke bzw. Schmitt nach Berlin mitgenommen werden sollte. Dazu müsse die Anstellungsurkunde sofort vorbereitet und „mit dem Wagen“ nach Kreuznach geschickt werden. Kossatz bemerkt: „Ich habe den Herrn Regierungspräsidenten weiter unterrichtet, dass der Kreisleiter und Gauinspekteur Pg. Schmitt und der Beigeordnete Pg. Brendicke gemeinsam mit dem in Berlin anwesenden Gauleiter Pg. Simon zu dem Kultusminister Rust gehen wollen, um dort in persönlicher Rücksprache die ministerielle Zustimmung zu der Ernennung des Frey zum Turnlehrer einzuholen“. Die Vorgenannten wollten dabei sein, wenn Simon Konrad Frey die Anstellungsurkunde in Berlin überreicht. Tatsächlich empfing der Regierungspräsident den Kreuznacher Vertreter am 14.8.1936 morgens unter Hinzuziehung des Schuldezernenten, um alles weitere zu regeln. Frey wurde vom Regierungspräsidenten zum Turn- und Sportlehrer an den evangelischen Volksschulen in Bad Kreuznach vorbehaltlich der Zustimmung des Ministers ernannt und festgestellt, dass er vom 1.9.1936 in das Beamtenverhältnis berufen wird. Weiter wird erwähnt, dass Konrad Frey die Stelle des Lehrer Kroll übernehmen soll. Dr. Wetzler fertigt daraufhin, mit Wirkung vom 1.8.1936, eine Anstellungsurkunde aus. In einem weiteren Schreiben an Frey steht, dass dieser in „Anerkennung seiner hervorragenden turnerischen Leistungen auf der XI. Olympiade“ die Anstellungsurkunde als Turnlehrer erhält.  

Am 18.8.1936 lädt der Ortsgruppenleiter J. Becker namens der NSDAP zum Empfang des Olympiasiegers Konrad Frey ein. An der Stadtgrenze soll er „durch die Spitzen der Partei, des Staates und der Stadt begrüßt werden“. Seinen Kurs, mit der er die rechtliche Voraussetzung erwirbt, das Lehramt auszuüben, absolviert Frey an der Hochschule für Leibesübungen in Berlin. Die Prüfung legt er mit der Note „gut“ im Februar 1937 in Neustrelitz ab. Seine Vereidigung als Beamter erfolgt kurz darauf in Bad Kreuznach.

Frey, der erst am 1.10.1937 in die NSDAP eintrat, wird im Zuge seiner Entnazifizierung als Mitläufer eingestuft, einer der „für die NS-Partei nichts übrig“ hatte und dort „nie aktiv in Erscheinung“ trat, trotzdem er einigen Gliederungen und Verbänden der Partei angehört hatte, die meist sportlicher Art waren. 1961 feiert er sein 25 jähriges Dienstjubiläum. In der Berichterstattung wird der Ausnahmesportler geehrt, der in der Schule sein Können im Rahmen des Schulsports den männlichen Schülern weitergibt und so seiner gedachten Vorbildfunktion gerecht wurde, und seine Erfolge bei den Olympischen Spielen 1936 nochmal herausgehoben werden. Konrad Frey war Mitglied im Männerturnverein (MTV) 1877 und ist bis heute der erfolgreichste Sportler in der Geschichte der Stadt Bad Kreuznach geblieben.



©Franziska Blum-Gabelmann


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