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November 1914: In Kriegszeiten ohne Stadtspitze

Grabstelle des Bürgermeisters Dr. SchleicherIm November 1914 drängten sich den Menschen in Kreuznach wichtige Fragen auf, die sich aus der Kriegssituation ergaben und deren Klärung weitreichende und teils wenig kalkulierbare Folgen nach sich zog. So musste z.B. geklärt werden, wo 360 Flüchtlinge, preußische Staatsangehörige, die aus Frankreich ausgewiesen und der Stadt zugewiesen waren, untergebracht werden sollten. Es handelte sich um Frauen, Kinder und alte Männer, die nicht militärpflichtig waren. Da sie größtenteils ohne Hab und Gut ankamen, musste ihre Unterkunft und Versorgung gesichert werden. Gegen eine Gebühr von 1,50 Mark pro Tag sollten Erwachsene und für eine Mark Kinder bei Gasthaus- oder Hausbesitzern untergebracht werden, die sich als Quartiergeber beim städtischen Wohlfahrtsamt melden konnten.

Darüber hinaus zeigte sich Unsicherheit im Umgang mit der für den 5. und 6. November angesetzten Ergänzungswahl der Stadtverordneten. Es musste geklärt werden, wer wählen durfte und wie die Wahl für die abzulaufen habe, die zum Heeresdienst einberufen waren und ihr Stimmrecht ausüben wollten. Die Wahl wurde, insbesondere vom bürgerlichen Lager, als eminent wichtig empfunden. Der Wahlausschuss mahnte an: „Wahlrecht bedeutet Wahlpflicht!“ Die Verunsicherung, wie im Krieg mit dieser Situation umgegangen werden soll, zeigt sich daran, dass die Bevölkerung aufgerufen wurde, doch bitte wählen zu gehen, gleichzeitig aber alles beim Alten zu lassen, was sich im Slogan „Mitbürger wählt die Alten!“ zeigte. Das Argument, die bisherigen Stadtverordneten wieder zu wählen und keine „Parteiangelegenheiten“ zuzulassen, wurde mit dem Erhalt des inneren Friedens in der Bürgerschaft und der ernsten Zeit begründet. Tatsächlich fürchtete sich das bürgerliche Lager vor einer Schwächung des eigenen Einflusses auf die Gestaltung der Stadtpolitik und vor einer „Zersplitterung“, d.h. einer Zunahme von Interessensgruppen. Dies umso mehr, als sich zwei Tage vor der Wahl Heinrich Ermel (1879-1971), überraschend als Kandidat für die III. Abt. aufstellen ließ. Er konnte sich gegen Dr. Arnold Cappallo, Karl Holzhauer, Fritz Wagner und Konrad Wohlleben nicht durchsetzen. In der II. Abt. siegten Dr. Julius Hessel und  A. Jung in der I. Abt. Mathias Cramer und Ferdinand Harrach. In den Zeitungen wurde kommentiert, dass die Wahl in Friedenszeiten sicher anders ausgegangen wäre. Dafür spricht, dass Ermel nach Beendigung des 1. Weltkrieges 1919 für die USPD in das Kollegium der Stadtverordneten einzog und Ende der 1920er Jahre als ehrenamtlicher Beigeordneter wirkte.

Eine Ursache der Beeinflussung der Wähler lag vermutlich auch darin begründet, dass die Stadtführung provisorisch besetzt und die Verwaltung durch den Krieg unterbesetzt war. Am 31. Juli 1914 war durch die Hand des Landrates des Kreises Kreuznach, Erwin von Nasse, ein geheimes Schreiben an den Regierungspräsidenten der Rheinprovinz mit dem Ersuchen nach Koblenz geschickt worden, den damaligen Bürgermeister der Stadt Kreuznach Dr. Karl

Dr. Karl Schleicher (1875-1914)

Schleicher (1875-1914) für unabkömmlich erklären zu lassen. Der 39jährige Jurist, seit 1909 Bürgermeister der Stadt, Oberleutnant der Reserve beim 1. Nassauischen Feldartillerie-Regiment Nr. 27, sollte sich am 3. Mobilmachungstag bei seinem Regiment melden. Da neben ihm auch der einzige seit 1913 angestellte besoldete Beigeordnete und leitende Beamte Max Brunn (1884-1958), Leutnant der Reserve beim 1. Posenschen Feldartillerie-Regiment Nr. 20, eingezogen war, sahen die Ehrenbeigeordneten der Stadt ohne die, die „allein genügend in die“ Leitung der „Geschäfte eingearbeitet sind“, das Wohl der Stadt gefährdet. Ihr Ersuchen wurde abgelehnt. Neben Dr. Schleicher und Brunn fehlten am 13. August 1914 in der Verwaltung sämtliche Oberbeamte wie Stadtbaumeister, Schlachthofdirektor, Salinendirektor, Direktor des Gas- und Wasserwerks sowie ein Teil der Bürovorsteher, die allesamt eingezogen waren: „17 städtische Arbeiter des Gas- und Wasserwerkes, 14 ständige und 4 unständige Arbeiter von der Saline, 16 Beamte und 12 Angestellte“ (Juli 1915 verfügte die Stadt über 130 Beamte und Angestellte). In dieser Situation wurde der Vorgänger Dr. Schleichers, Oberbürgermeister a.D. Rudolf Kirschstein (1862-1932), als unbesoldeter Beigeordneter eingesetzt, der mit den Beigeordneten Josef Schneider und Franz Potthoff gemeinschaftlich die Geschäfte führte, ab 3. September unterstützt durch Jean Winkler und Dr. Hessel. Kirschstein lehnte es in Hinblick auf seinen Gesundheitszustand ab, die Leitung der Bürgermeistergeschäfte im Kriegszustand zu übernehmen, die daraufhin von J. Schneider ausübt wurde.

Dr. Schleicher war in Frankreich als Batterie-Chef eingesetzt. Sporadische Nachrichten über das Stadtoberhaupt bezogen sich auf die Verleihung des Eisernen Kreuzes, das er im September erhielt, und eine Spende von 1000 Mark, die er im Oktober zugunsten von vier verschiedenen wohltätigen Organisationen veranlasste; bedacht wurden etwa die Kriegsgeschädigten in Ostpreußen und der Vaterländische Frauenverein. Bei einem Jahreseinkommen von 9000 Mark bei freier Dienstwohnung oder 1000 Mark Mietentschädigung ist dies durchaus als großzügig einzustufen.

Grabstelle des Bürgermeisters Dr. Schleicher

Mitten hinein in die Stadtverordnetenergänzungswahl traf die Stadt die Nachricht vom Tod des Bürgermeisters Dr. Schleicher der am 4. November in Roye (Frankreich) fiel. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Die Stadtverwaltung reagierte auf die Nachricht am 5. November mit der Benachrichtigung des Regierungspräsidenten und des Landrates. Es folgten die Einladung der Stadtverordneten zu einer Trauersitzung am 10. November und ein Nachruf, der an alle Tageszeitungen verschickt wurde. Ab dem 6. November erscheinen in den ansässigen Zeitungen Nachrufe und Todesanzeigen. Kondolenzschreiben u.a. vom Regierungspräsidenten, dem Kommandeur des Landwehrbezirks Kreuznach und Briefe von Trauernden sowie Weggefährten des Bürgermeisters folgten. Ihnen ist die besondere Wertschätzung des Verstorbenen zu entnehmen. Zur Trauersitzung der Stadtverordneten erschienen viele städtische Beamte. „Die Kronleuchter trugen Trauerschmuck und aus einem grünen Blätterhain leuchtete das fast lebensgroße Bild“, des Verstorbenen, ist dem Stadtratsprotokoll von 1914 zu entnehmen. Dr. Schleicher wurde allgemein als „Minister im Kleinen“, als „wagnisfreudiger Vorwärtsdränger“  bezeichnet, der „manchen zu unternehmend“ vorgekommen war. Er hatte viele Projekte angestoßen, wovon einige, wie der Bau des Bäderhauses und des Kurhauses, beendet werden konnten. Seine großen Verdienste lagen in der „Bodenpolitik“ begründet, die Wohnungsfürsorge für weniger bemittelte Kreise, dem Ankauf von Grundstücken, dem Einsatz in der Badeindustrie, der Anwerbung von Industrieansiedlungen und dem Aufbau einer städtischen Rechtauskunftsstelle, in der Unbemittelten kostenlos Rat und Auskunft erteilt wurde.

Nach den Trauerfeierlichkeiten trafen detaillierte Meldungen über Dr. Schleichers Tod ein. In Feldpostbriefen schildern verschiedene Soldaten aus seinem direkten Umfeld das Geschehen. Wachtmeister Christian Hornberger z.B. erlebte den französischen Angriff bei Andechy wo Dr. Schleicher, mittlerweile zum Hauptmann befördert, als Batteriechef eingesetzt war, selbst mit. Seine Beschreibung wird durch Hauptmann Hüter in seinem Brief an den Magistrat der Stadt vom 27.11.1914 bestätigt der ergänzt, dass Dr. Schleicher „von einem Granatsplitter durch die Brust getroffen“ wurde. Hornberger beschreibt in seinem Brief die Beisetzung des Bürgermeisters: „Am andern Tage 3 Uhr nachmittags ist er mit Musik auf dem Kirchhof in Roye beerdigt worden. Der Hauptmann, ich und drei Kameraden nahmen daran teil. Die Pioniere hatten ihm einen schönen Sarg gemacht und vier Kränze legten die Offiziere an seinem Grab nieder“.

Von einer Wiederbesetzung der Bürgermeisterstelle während des Krieges wurde zunächst abgesehen. Allerdings setzte man sich für die Entlassung Brunns vom Heeresdienst ein, denn längst fühlten sich die Beigeordneten von der Situation überfordert, die eingesprungen waren, „weil eine andere Möglichkeit zur Vertretung nicht gegeben war, dann aber auch in der Voraussetzung, dass der Krieg in einigen Monaten beendet sein werde“.

Nach dem Tod ihres Mannes beanspruchte Maria Schleicher geb. Heuse (1883-1966) für sich und die beiden Kinder eine Hinterbliebenenversorgung, d.h. finanzielle Unterstützung aus der Witwen- und Waisenversorgung von Kommunalbeamten der Rheinprovinz, sowie aus Mitteln des Staates als Kriegerwitwe und für die Kinder als Kriegswaisen. Da Dr. Schleicher bei seinem Tod noch keine sechsjährige Dienstzeit zurückgelegt hatte, fielen die Bezüge der Witwe gering aus. Sie verkaufte 1915 die Solbäder Aktien ihres Mannes an die Stadt. Vorhandenes Vermögen der Kinder wurde offenbar in der Inflationszeit der 1920er Jahre vernichtet. 1959 wandte sich die damals 76jährige, die nicht mehr alleine leben konnte, mit der Bitte um finanzielle Unterstützung an die Stadtverwaltung, die ihr gewährt wurde: „Als mein Mann, Bürgermeister Dr. Schleicher im Nov. 1914 in Frankreich fiel, bot mir Herr Schneider, damaliger Stadtverordneter an, (…) wenn ich in Zukunft in finanzielle Schwierigkeiten geraten sollte, da meine Pension, infolge des frühzeitigen Todes meines Mannes klein ist, mich an die Stadtverordneten zu wenden“. Maria Schleicher verstarb 1966 in Buxtehude.

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