Januar - Februar - März 1915

Feldpostkarte

Mit Ausbruch des Krieges im August 1914 hatte die Stadtverwaltung den Vereinigten Kriegervereinen Kreuznachs auf deren Bitte hin die weitere Fürsorge für die Familien der im Feld stehenden Mitbürger übertragen. Am 15.8.1914 folgte ein Beschluss, sämtlichen Familien der Einberufenen Beihilfen zukommen zu lassen, sofern sie nicht mit staatlichen, städtischen oder Arbeitgeberbeihilfen auskämen. Unter dem Vorsitz von Franz Potthoff entschied eine Kommission über die Beihilfeanträge, die in 40 Bezirken bei je zwei Vertretern gestellt werden konnte nach Zuwendungen Prüfung gewährt. Stadtverwaltung und Kriegsvorsorgekommission waren sich einig, das ergänzend zu Lebensmitteln und Kleidung in erster Linie Beihilfen für Wohnungsmieten und Heizmaterial gewährt werden sollten. In den ersten drei Monaten des Jahres 1915 erhielten im Januar 603 Familien Mietbeihilfen, davon 499 Familien zusätzlich je 3 Ztr. Kohlen. Im Februar wurden an 549 Familien je 3 Ztr. Kohlen verteilt, und im März an 560 Familien je 2 Ztr. Kohlen. Diese Verteilung verdeutlicht, dass es in der Stadt Familien gab, die auf ergänzende Zuwendungen angewiesen waren.

In Reaktion auf die seit Beginn des Krieges erlassenen Kriegsgesetze mussten zusätzliche Wege gefunden und Strategien entwickelt werden, neben der Versorgung des Heeres auch die Versorgung und Ernährung der Bevölkerung vor Ort zu gewährleisten, dauerhaft zu sichern und nach bestimmten Vorgaben zu verteilen. Der Landtagsabgeordnete Karl Andres (1876-1935) vom Gutleuthof stellte Anfang März 1915 in einem Artikel „Zur wirtschaftlichen Kriegslage“ fest: Wir wollen offen gestehen, dass wir „ohne wirtschaftlichen Mobilmachungsplan in diesen Krieg hineingegangen sind“. Dies und die Seeblockade Englands, die dazu führte, dass keine Rohstoffe mehr wie Metall, Erdöl, Leder oder Gummi aber auch sogenannte Kolonialwaren wie z.B. Reis nach Deutschland importiert wurden, propagandistisch als „Aushungerungsplan“ Englands bezeichnet, verschärften auch wahrnehmbar die Versorgungslage der Menschen in Kreuznach.

Sammelstelle Rotes Kreuz

Ein Ausdruck dieser Situation ist z.B. die im ganzen Reich ausgerufene „Reichswollwoche“, die vom 18.1. – 24.1.1915 auch in Kreuznach stattfand. Gesammelt wurden vorhandene, überzählige warme Sachen und getragene Kleidungsstücke, die in der Volksschule Mainzer Straße, einer der Sammelstellen des Roten Kreuzes, abgegeben werden konnten. Unabhängig von dieser Sammelaktion wurde in der lokalen Presse dazu aufgerufen, Patronen und Patronenhülsen bei der Polizeistation abzugeben, ,,wobei 1 kg mit 25 Pf. vergütet“ werden sollte. Private Anzeigen, mit denen für den Ankauf von Metallen geworben wurde, tauchen auf wie von Ost & Scherer „Altes Zinn, Kupfer und Messing aufzukaufen gesucht“, desgleichen Ferd. Harrach, der inseriert, dass er „Altes Zinn zum Einschmelzen“ erwerben will.

Im März wird in der lokalen Presse dann auf den allgemeinen Rohstoffmangel hingewiesen und dazu aufgerufen, z.B. Metall zur Herstellung von Munition abzugeben: „Sammelt Metall für Heereszwecke! … Darum, Ihr Hausfrauen, Ihr Handwerker, Ihr Geschäftsleute, Ihr Männer und Frauen auf dem Lande und in der Stadt, bringt was Ihr habt an Kupfer, Messing und Zinn…“.

Neben den üblichen Aufgaben des Stadtrates, wie Personalangelegenheiten,  Pachtverlängerungen, Baugesuche usw., musste dieser im Jahr 1915 auf die erlassenen Kriegsgesetze reagieren wie z.B. die Gesetze betr. Regelung des Verkehrs mit Brotgetreide und Mehl, betr. Herstellung kartoffelhaltigen Brotes, betr. Sicherstellung des Haferbedarfs der Heeresverwaltung, betr. Sicherstellung von Fleischvorräten, betr. Ausmahlen von Brotgetreide, betr. Beschlagnahmung von Getreidevorräten, betr. Einschränkung des Verbrauchs von Gerste. Im Januar fiel  zunächst eine notwendige  Personalentscheidung: Assessor Dr. Peucker aus Grünberg/Schlesien wurde als juristischer Hilfsarbeiter eingestellt, der neben der Unterstützung des Stadtrates und der Stadtverwaltung bei längerer Kriegsdauer eine Ablösung der den Dienst wahrnehmenden Beigeordneten ermöglichen sollte.

Im Kreis Kreuznach wird eine Kriegsgetreidegesellschaft gegründet, Getreide- und Mehlvorräte müssen angemeldet werden, es dürfen unter Androhung einer Gefängnisstrafe nur noch drei Pfund Hafer an Stiere, Zugochsen und Pferde verfüttert werden und wer mehr als 1 Ztr. Kartoffeln lagern hat, muss dies melden, wie auch vorhandene Vorräte an Gerste. Diese Maßnahmen werden in der Zeitung mit Parolen begleitet wie: „Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlande und macht sich strafbar“. Eine weitere, „Versorgt Euch mit Vorrat an Schweinefleisch-Dauerware“, verweist u.a. auf die seit Januar im Stadtrat geführte Diskussion um die Fleischversorgung der städtischen Bevölkerung. Anfang Februar bewilligte er 130 000 Mark zur Anschaffung von Dauerfleischwaren. Die Frage der Frischfleischversorgung führte zu gut gemeinten, dauerhaft aber schwer umsetzbaren Aktionen wie der Sammlung und Verwertung von Küchenabfällen, als Tierfutter, was insbesondere Schweinezüchtern auf dem Land zukommen sollten. An diesem Projekt beteiligten sich Ende Januar immerhin 80 Kreuznacher Familien.

Aufgrund des Rohstoffmangels und der damit verbundenen Nahrungsmittelknappheit greift der Staat reglementierend ein. Damit beeinflusst er auch das Verbraucherverhalten. Das Geschehen um die Einführung des Kriegsbrotes und der Brotkarte verdeutlicht einen Veränderungsprozess, dessen Folgen neben erzwungenen Änderungen bei den Ess- und Kaufgewohnheiten auch der Verlust lieb gewonnener Alltagsrituale wie frische (Weizen-) Brötchen am Morgen oder kostenloser Konsum von Brot in Restaurants waren. Das Verhältnis zwischen Produzent und Konsument verändert sich und berührt außerdem das Selbstverständnis der betroffenen Handwerker (Bäcker/Konditor). Eine dieser Veränderungen zeigt eine Karikatur, die mit dem Titel „Das Kreuznacher Kurhaus im Zeichen der Brotkarte“ überschrieben ist.

Kurhaus Brotkarte

Das erwähnte Kriegsbrot hat Schwierigkeiten, beim Konsumenten angenommen zu werden. Die Bäckerinnung informiert wiederholt über die „Die Kriegs-Bäckerei Verordnung vom 5.1.1915“, die am 15.1. 1915 in Kraft tritt. Weizengebäck ist nur noch mit 30% Roggenanteil erlaubt. Die Kreuznacher Bäcker backen außerdem keine frischen „Morgenbrötchen und Wasserwecken“ mehr, stattdessen gibt es Ersatzweißbrote, die abends ausgeliefert werden. Ab Mitte Februar werden Weichbrote, 100 g schwer mit 65% Roggenmehl, zu 8 Pf. angeboten. Als am 15.3.1915 die Brotkarte eingeführt  wird, kann jetzt nur noch so viel Brot abgegeben werden wie Brotkarten vorhanden sind. Ferdinand Kruger wirbt auch nach Einführung der Brotkarte: „Liefere nach wie vor mein vorzügl. echtes Kornbrot. Zu haben bei 7 Stellen in Kreuznach“. Neben den Bäckern wenden sich auch die Konditoren persönlich, an ihre Kundschaft. Das Café Kiefer wirbt mit Kriegskuchen: „Empfehle alle Sorten Torten und Hefekuchen nach gesetzl. Vorschriften“, und Philipp Lötzbeyer empfiehlt sein „Kriegs-Kommißbrot“. Ein Kreuznacher Konditor bemerkt, dass seine Produkte prinzipiell kriegstauglich seien, weil er weniger Weizenmehl dafür mehr Zucker verwende, früher sei schließlich der Begriff Zuckerbäcker für seinen Berufsstand üblich gewesen und nicht Konditor.

Die vorgenannten Veränderungsprozesse setzen sich trotz Widerständen nach und nach durch. Sie wurden von Vereinen und Organisationen verstärkend mitgetragen, die ihre Mitglieder und alle sonst Interessierten aufklärten, und darüber informierten, wie mit der veränderten Alltags- und Lebenssituation in Krieg auch unter „haushälterischen Aspekten“ umgegangen werden sollte und konnte.

Dabei rückten insbesondere die Mädchen und Frauen in den Blick, denen Informationen zu hauswirtschaftlichen Fragen wie „Kriegskost“, und „Kriegsrezepten“, sowie Fertigkeiten im Gemüseanbau durch Spezialisten in Form von Lehrgängen und Vorträgen vermittelt wurden, wie auch das „sittlich moralische Rüstzeug“, das einen „heiligen Kriegsbund deutscher Frauen“ beschwor.

So bot der Frauenbildungsverein eine Veranstaltung speziell für Köchinnen und Hausmädchen an, mit dem Titel: „Wie könnt ihr helfen den Krieg zu gewinnen“. Dieser ersten Veranstaltung folgte eine zweite in Heyms Saalbau. Und auch bei dem 3. und 4. „Vaterländischen Abend“ des Vereins wurde in Vorträgen der Kriegssituation Rechnung getragen. Ende März lud Lina Hilger im Namen des Deutsch-evangelischen Frauenbundes zur Generalversammlung ein, auf der die Lehrerin Guida Diehl (1868-1961) einen Vortrag mit dem Thema „Was können wir tun in dieser ernsten Zeit zur sittlichen Erstarkung des weibl. Geschlechts“ hielt. Einen weiteren Vortrag „Krieg und Charakterbildung“ hatte sie in der Aula des städtischen Lyzeums gehalten.

Lyceum

Besondere Beachtung gebührt dem Angebot eines kostenfreien Lehrgangs, für den der Frauenbildungsverein und der Vaterländische Frauenverein zeichneten, „Der Kreuznacher Lehrgang über Kriegshülfe in Stadt und Land“ vom 28.2. bis 1.03.1915. Er griff  wichtige Aspekte auf: Hygienische Bemerkungen zur Volksernährung im Krieg, Wert der Molkereierzeugnisse für die Ernährung, Kleintierzucht während des Krieges, Gemüseanbau im Hausgarten und Felde und Jugendpflege zur Kriegszeit. Im Rahmen des Lehrgangs wurde die „Beratungsstelle für Hausfrauen und Mädchen“ besichtigt, die im Erdgeschoss der Sparkasse am 2. März am Bismarckplatz (Kornmarkt) eröffnet werden sollte, wo Ernährungstabellen, Wochenspeisezettel und Kriegsrezepte ausgelegt und umsonst Auskünfte in haushälterischen Fragen gegeben wurden, wie etwa zum Nutzen und Gebrauch der „Kochkiste“. Interessant ist, dass sich um die auch in der Presse veröffentlichten Küchenzettel eine von Frauen geführte Diskussion entwickelte, die diese Speisefolgen im Hinblick auf die praktische Verwendung im Alltag bewerten und kommentierten. Dabei wird die Diskrepanz zwischen den „Arbeiter- und Bürgerhaushalten“ deutlich, kritisch begleitet und  kommentiert auch von Seiten der Sozialdemokratie, die auf das knappe Haushaltsgeld vieler Familien hinweist. Daraufhin werden sowohl ein „einfacher Küchenzettel“ als auch ein „bürgerlicher Küchenzettel“ angeboten.

Kriegs-Küchenzettel

So wundert es nicht, dass nach einer öffentlichen Veranstaltung der Freien Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei Kreuznachs im Anschluss daran ein Vortrag des Frauenbildungs- und Vaterländischen Frauenvereins mit dem Titel: „Praktische Maßnahmen für Volksernährung und Nahrungsmittelfürsorge während des Krieges“ angeboten wurde.

Auch der Obst- und Gartenbauverein machte es sich zur Aufgabe zu informieren, etwa über den Anbau von Frühkartoffeln, und darin zu schulen. So wurde Mädchen und Frauen ein mehrtägiger Gemüsebaukurs angeboten, dem 78 Teilnehmerinnen aus Stadt und Land beiwohnten. Verstärkt wurden solche Bemühungen durch Ratschläge, die der Presse zu entnehmen waren wie den, alles anbaufähige Land möglichst im Interesse der Volksernährung zu bestellen, insbesondere mit Hülsenfrüchten, die wegen des hohen Eiweißanteils gesund und wertvoll seien.

Kriegshilfe

Letztlich stellte sich auch der Handel, wie die Kolonialwarenhandlung Zehender, auf die veränderte Versorgungslage ein und warb mit „Kriegskost“ von „Knorr“ und „Dr. Oetker“, mit „Quaker Oats“ und „Haferflocken“. Das Fischhaus inserierte: „Das Meer hilft uns Englands Aushungerungsplan erfolgreich zu bekämpfen“ daher esset Fische, billig und nahrhaft.

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