Senner: Kreuznach und Frankreich

Kreuznach und Frankreich – ein zwiespältiges Verhältnis
von Dr. Martin Senner

Zwiespältig ist ein Verhältnis dann, wenn es zwischen Anziehung und Ablehnung schwankt. Selbst zu Zeiten der deutsch-französischen Erbfeindschaft waren unsere Vorfahren stets fasziniert von Kultur und Lebensart des westlichen Nachbarn. Deshalb sprachen nicht nur die besseren Stände Französisch, sondern auch der Mann auf der Straße sagte lieber "Adieu" als "Auf Wiedersehen". Nachdem die Erbfeindschaft überwunden wurde und die Zwiespältigkeit somit verschwunden sein sollte, ist hier ausdrücklich nicht die von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle begründete Aussöhnung und Partnerschaft das Thema.

Ebensowenig deren unmittelbare Vorgeschichte. Das Frankreichbild des Normalkreuznachers der Nachkriegszeit konnte – soweit es sich um die Männer handelte – geprägt sein von einem Einsatz im besetzten Frankreich. Doch im Regelfall (also für alle) ist der bestimmende Eindruck ein anderer gewesen: die lange französische Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg, von 1918–1930.

Dagegen hinterließ die kurze französische Militärpräsenz von 1945-51 im kollektiven Bewusstsein deutlich schwächere Spuren! Typisch dafür ist, dass Kreuznacher Zeitzeugen steif und fest behaupten konnten, die berüchtigte Messerattacke auf den ‚Felsenkeller‘-Geschäftsführer Hans Hanzo sei 1951 und durch US-Soldaten geschehen. In Wahrheit hat sich der Übergriff schon 1949 ereignet und war die damalige Besatzungsmacht nur insoweit beteiligt, als die Täter vom – französischen! – Militärgericht verurteilt wurden.

Aus aktuellem Anlass (Erneuerung der Alten Brücke, 2012) ist anzumerken, dass 1948 der Wiederaufbau des Kreuznacher Wahrzeichens als Zweibogenbrücke von der Militärregierung bewilligt war, dass Arbeitskräfte und Material bereitstanden – und dass es nur an der Stadtverwaltung gelegen hätte, das Projekt in Angriff zu nehmen, man aber "wegen der derzeitigen angespannten Finanzlage" zu keinem Entschluss finden konnte! Übrigens ist es einem französischen Offizier zu verdanken, René Malcor von der Militärregierung in Bad Ems, dass 1947 wenigstens die Wilhelmsbrücke in nahezu historischer Gestalt wiedererstanden ist. Malcor setzte sich nämlich über den Kreuznacher Bürgerrat hinweg, der sich 1946 für eine pfeilerlose Eisenbetonbrücke entschieden hatte.

Quellen und Literatur: Allgemeine Zeitung 8.8.1949, 11.8.1949, 19.8.1949, 15./16.10.1949, 12.12.1949; Rolf Schaller: 100 Jahre Wilhelmsbrücke. Ein Beitrag zur Verkehrs- und Baugeschichte der Stadt Bad Kreuznach, in: Bad Kreuznacher Heimatblätter 2007 S. 17-22; Rolf Schaller: Der Neubau der Alten Nahebrücke. Die Zerstörung eines historischen Stadtbildes, in: Bad Kreuznacher Heimatblätter 2008 S. 37-44

Frühere französische Gäste waren um das Kreuznacher Stadtbild weniger besorgt gewesen. Daher lautet die Überschrift des ersten Kapitels:

Der Franzose als Mordbrenner

Am 11. November 1639 erschienen französische Truppen vor Kreuznach und forderten die Übergabe der Stadt. Als sie ihnen verweigert wurde, legten die Angreifer mit nur 14 Kanonenschüssen ein Stück Stadtmauer zwischen Löhrpforte und Winzenheimer Turm nieder – dort, wo 1632 auch die Schweden eingedrungen waren, zwischen Stromberger Straße und der heute verschwundenen Eichelgasse. Nun zog sich der Stadtkommandant, Nikolaus Braun von Schweich, mit seinen Soldaten auf die Kauzenburg zurück. Zwei französische Regimenter besetzten die Stadt. Sie blieben fünf Wochen – und nicht in guter Erinnerung. Die Bürger seien "über die Maßen verderbt und ausgefressen" worden, mehr als 200 Gebäude hätten die Truppen abgebrochen und das Holzwerk teils verheizt, teils auf der Kauzenburg verbaut. Diese erste französische Besatzungszeit endete am 17. Mai 1641, als Kreuznach den Kaiserlichen übergeben wurde.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg trat keine Ruhe ein, denn in Paris regierte der ehrgeizige und kriegslustige Ludwig XIV. Nicht von ungefähr stammt der älteste Stadtplan Kreuznachs aus seiner Regierungszeit, von 1668 – und von einem französischen Ingenieur, Sébastien de Pontault de Beaulieu. Dass die Karte Nahe und Mühlenteich als "Lauter" bezeichnet, war ein Irrtum, der in der Neuauflage von 1685 für die Nahe berichtigt wurde. Inzwischen hatten die Soldaten des Sonnenkönigs Gelegenheit gehabt, ihre Ortskenntnis zu erweitern. 1677 hielt das Kreuznacher Ratsprotokoll fest: "Franzosen verüben mit Sengen und Brennen große Tyrannei, auch Order haben sollen, bis an Bingen alles mit Feuer zu verheeren." 1681 dann, Ludwigs ,Reunionskammern‘ erhoben weiträumig Anspruch auf deutsches Gebiet, drang ein französischer Erkundungstrupp "bis in die Gegend der Kauzenburg" vor. Im selben Jahr erwähnen die Stadtakten, dass Bürger mit der "abscheulichen Seuche der Franzosen" behaftet seien (gemeint war die Syphilis). Unser Stadtarchiv wurde vorsorglich in ein "Fäßlein" verpackt und nach Frankfurt in Sicherheit gebracht.

Dies alles war nur das Vorspiel zum Pfälzischen Erbfolgekrieg. Über die Ereignisse von 1688 berichtet der reformierte Pfarrer Wolfgang Christoph Sixt, am 1. Oktober sei der französische General Louis François de Boufflers "mit 20.000 Mann vor hiesige Statt Creuznach und Vestung Cauzenberg" gerückt. Während die Stadt sogleich kapitulierte, gab "das Schloß Cauzenberg" erst am 8. Oktober auf, "da es diesen Tag und Nacht über continuirlich bombardirt wurde". Als Besatzung bekam Kreuznach "das blaue Leibregiment zu Pferd unter dem Grafen De Bourg". Es handelte sich um den damals 33-jährigen Léonore-Marie du Maine, comte du Bourg, seit 1677 Oberst im Regiment Royal-cavalerie. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens, von 1730-39, wird er als Gouverneur des Elsaß amtieren. – Zurück nach Kreuznach, ins Jahr 1688! Die Franzosen, schreibt Sixt, hätten "auf die grausamste Weise gehauset", insbesondere Ratsherren und andere wohlhabende Bürger solange gefangengesetzt, bis die erheblichen Geldforderungen erfüllt wurden. 1689 vollstreckte du Bourg den Befehl seines Königs, in der Pfalz nur verbrannte Erde zu hinterlassen. Mit der Stadtbefestigung wurde, wie der Kreuznacher Seilermeister Hans Wolf Tischinger notierte, der Anfang gemacht: "Die Mauren samt den schönen Thürmen u[nd] Pforten der Stadt wurden niedergerissen u[nd] gleichsam ein Dorf daraus gemachet." Am 18. April dann "ist unser Schloß gesprengt und angesteckt worden. Am 19. hat es auch noch gebrannt und sind 6 Personen dabei umgekommen". Einen Monat danach haben die Truppen alle Getreidevorräte, die sie beim Abrücken aus dem Winterquartier nicht mitnehmen konnten, teils auf den Marktplätzen der Stadt verbrannt, teils "über die Brück in die Nohe geschüttet, dass auch die liebe Frucht über zwei Manns hoch überm Wasser gestanden". 1909 hat ein ungenannter Mitarbeiter des »General-Anzeigers« diese Episode zu einem Akt des Widerstandes umgedeutet: Die Bürger hätten das Getreide lieber versenkt als abgeliefert! Wenigstens verhinderte General Vivian, ein Protestant, dass du Bourg die Stadt zur Plünderung freigab.

Nutznießer der Besatzung gab es auch, nämlich die Kreuznacher Karmeliter. Am 16. April 1689 hatten die Mönche das "Rectorathaus" des reformierten Gymnasiums "mit Hülf der Franzosen weggenommen". Das Gymnasium selbst wurde anschließend abgebrochen und zum – Klostergarten gemacht. Der Chronist Sixt irrt freilich, wenn er behauptet, der reformierte Rektor, Christian Fickeisen, sei "mit Gewalt herausgetragen und vor das gros[s]e Thor in die Säugass [die heutige Faustgasse] geleget" worden. Fickeisen ist zur Zeit des Gewaltaktes nachweislich nicht in Kreuznach gewesen!

Am 8. Oktober, dem Jahrestag der Eroberung, sind "auf Befehl der Franzosen alle Häuser in der ganzen Statt abgedeckt" worden; eine Arbeit, zu der die Bauern der umliegenden Dörfer zwangsverpflichtet wurden. Zwei Tage später wurde der Pfalz-Simmersche Fürstenhof "von 21 französischen Dragonern abgebran[n]t". Am 18. Oktober schließlich traf es die alte Stadtkirche auf dem Wörth (seit dem Wiederaufbau von 1781: St. Paulus). Das Erz der in der Glut geschmolzenen Glocken, 36 Zentner, ließ der Stadtrat 1694 für 1610 Gulden verkaufen, um damit "französische Contributionsgelder" zu bezahlen. Inzwischen war die Stadtkasse dermaßen erschöpft, dass laufende Gehälter durch Zwangsversteigerungen aufgebracht werden mussten. Den französischen Kommandanten ,Monsieur Dary‘, der auf dem Sickinger Talschloß zu Ebernburg residierte, kümmerte das wenig! Nicht zufrieden mit den Abgaben der Stadt, belegte er bestimmte Berufsgruppen wie Gastwirte und Weinhändler mit Sondersteuern und wollte von den Ratsherren durch Geschenke von Geld und Silbergeschirr bei Laune gehalten sein ...

Anno 1694 hatte der Kommandant der Stadtwache, Hans Caspar Genff, ein übersinnliches Erlebnis, das hochoffiziell im Ratsprotokoll festgehalten wurde. Am 26. April berichtete Genff, er sei "frühe vor Tag patrouilliren gangen und an den Kornmarkt kommen", da habe er plötzlich das Gefühl gehabt, "als ob ihn jemand zum Markt zöge". Nun sei es "vor seinen Augen ganz hell worden und der ganze Markt wohl etliche Schuh  hoch voll des schönsten Weizen und Spelz – welcher schlecht gewesen – gelegen". (1 Schuh entspricht rund 31 cm.) Auch hätten vor einigen Häusern "große Sack voll Frucht alle offen gestanden". Was Genff sah, das nahm er auch mit anderen Sinnen wahr: "Er habe im Fortgehen nicht anders gemeint als dass ihm der Gang, weil er in lauter Frucht ginge, schwer fiele und dass er die Frucht in den Schuhen haben müsse." Sein Erlebnis zu erklären, war der Mann außerstande; "als er aber wieder zu sich kommen, sei alles weg und wieder ganz dunkel gewesen". Glaubt man dem Ratsprotokoll, so haben die versammelten Stadtväter Genffs Vision kommentarlos zur Kenntnis genommen. Die Deutung fiel schließlich nicht schwer: Im November 1693 hatte das 3-Pfund-Brot 3 Albus gekostet – das erhielt eine Frau für einen Tag Arbeit im Weinberg –, im Mai 1694 musste es mit 5 Albus bezahlt werden. Da konnten durchaus Hungerphantasien aufkommen!

Bevölkerungsverluste wie im Dreißigjährigen Krieg sind der Stadt immerhin erspart geblieben. Die ,Bürgerschaft‘ stand am Ende des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1697) zahlenmäßig besser da als zu seinem Beginn (1688), nämlich mit 281 (gegenüber 252) Männern, 302 (gegenüber 246) Frauen und 861 (gegenüber 703) Kindern.

In den Erbfolgekriegen des 18. Jahrhunderts ist der Kreuznacher Raum regelmäßig Auf- und Durchmarschgebiet französischer Truppen gewesen, so namentlich im Siebenjährigen Krieg (1756-63). Ihm verdankt Kreuznach die im Rahmen der Steuererhebung von 1757 vorgenommene erste Gebäudenummerierung. Die Einführung stadtweit durchlaufender Hausnummern (dieses System hatte hier bis 1881 Bestand) ist also nicht erst "wegen der ständigen Einquartierungen" des Jahres 1793 erfolgt.

Quellen und Literatur: Auszug aus dem Hausbuche des Joh. Wolfg. Tischinger [...], erhalten durch H[errn] J. H. Kaufmann im Nov[em]b[e]r 1827 (Heimatwissenschaftliche Zentralbibliothek Bad Kreuznach, F 7 32); Karl Geib: Geschichte der Stadt Bad Kreuznach. Eine Festschrift zur Erinnerung an die Stadtrechtsverleihung vor 650 Jahren. Bad Kreuznach 1940; Karl Geib: Historische Topographie von Kreuznach. Bd. I. Kreuznach 1929 [Nachdruck 1981]; [N.N.]: Die Brücken im Kreuznacher Stadtbilde. Zu ihrer ästhetischen Würdigung, in: General-Anzeiger 13.11.1909; Helmut Otte: Streiflichter aus Kreuznach während des 17. Jh., in: Bad Kreuznacher Heimatblätter 1977 S. 25-26; Helmut Otte: Streiflichter aus Kreuznach in den Kriegszeiten von 1672 bis 1703, in: Bad Kreuznacher Heimatblätter 1977 S. 40, 43; Wolfgang Reiniger: Stadt- und Ortsansichten des Kreises Bad Kreuznach 1523-1899. Bad Kreuznach 1990; Albert Rosenkranz: Geschichte der evangelischen Gemeinde Kreuznach. Kreuznach 1951; Friedrich Schmitt: Die französische Herrschaft von 1792/96 im Nahegebiet in der Sicht von Zeitzeugen, in: Otto Atzbach [u.a.], Beiträge zur Geschichte des Landkreises Kreuznach. Bad Kreuznach 2000 S. 119-162; Martin Senner: Kleine Geschichte Zelemochums. Bad Kreuznach 2002; Martin Senner: Das Ratsprotokoll als Traumbuch, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 4. Bad Kreuznach 2009 S. 101-103; Carl Velten: Die Kauzenburg über Bad Kreuznach [...]. Bad Kreuznach 1971; Verzeichnuß wie stark die Bürgerschaft zu Xnach an Mann, Weib und Kindern gewesen [...], in: [Bad Kreuznacher] Heimatblätter 19.7.1928

Mit dem Jahr 1793 ist das nächste Kapitel erreicht, das unter dem Motto steht:

Freiheit, Gleichheit, Plünderung

Einhundert Jahre nach der Heimsuchung von 1689 schlug Kreuznach zurück: ein gewisser Huff, dessen Herkunftsort mit "Kreuznach" angegeben ist, nahm am 14. Juli 1789 am Sturm auf die Zwingburg der Bourbonenherrschaft teil! Es könnte sich um den am 9. März 1750 hier geborenen Georg Philipp Huff gehandelt haben. Er ist nicht identisch mit dem gleichnamigen, aber viel jüngeren Gastwirt im ,Goldenen Hirsch' (Mannheimer Str. 170), Jahrgang 1789. Der ältere Georg Philipp Huff war ein vorehelicher Sohn des Taglöhners David Steinbrecher. Gut möglich, dass dieser Huff später eine berufliche Perspektive im französischen Heer gesucht hat, so dass er in der Liste der ‚Sieger der Bastille‘ mit der Berufsbezeichnung "Gendarm" verzeichnet werden konnte.

Im Juli 1792 musste unsere Stadt, ungeachtet der kurpfälzischen Neutralität, der Emigrantenarmee des Prinzen Louis Joseph de Condé die Tore öffnen. Ihr folgten am 23. Oktober die Truppen der französischen Revolution. Sie bezahlten, was sie verzehrten und ließen die innere Ordnung der Kurpfalz unangetastet. Als die Franzosen Ende März 1793 den vorrückenden Preußen weichen mussten, konnte der Kreuznacher Chronist Petrus Gebhard schreiben, sie seien "nicht als Deutschländer besonders Pfälzer Feinde sondern Freunde" gegangen.

Die nächste Besetzung, Anfang Januar 1794, löschte diesen günstigen Eindruck aus, "da viele in Häuser stürmten, geld, uhren usw. forderten, und da einige solches zu geben sich weicherten, auch viele keins mehr hatten, so suchten sie gewalt anzulegen". Als dann die Stadt die offiziell und binnen Tagesfrist beanspruchten Lieferungen an Lebensmitteln, Kleidung und Bargeld nur teilweise aufzubringen vermochte, drohte General Jean Victor Moreau, er hatte sich im späteren ,Blücherhaus‘ (Mannheimer Str. 114) einquartiert, "eine allgemeine Plünderung und Einäscherung" an; auch wurden Geiseln genommen, die mit ihrem Leben für die Erfüllung der Forderungen hafteten. An Bargeld hatten 32 wohlhabende Bürger in Einzelbeiträgen zwischen 500 und 3000 Gulden zusammen 27000 Gulden zur Verfügung gestellt. Diesen Betrag nahm Kreuznach auf 15 Jahre und zum Zinssatz von 5% als Darlehen und musste den Gläubigern dafür den Stadtwald (Kehrenbach und Spreitel) sowie die Pfingstwiese verpfänden. Alle Gerätschaften aus Edelmetall waren von der Bevölkerung abgeliefert worden. "Christen und Juden, Arme und Reiche brachten Löffel, Messer, Gabeln, Dosen, Becher, Schuhschnallen und was sie sonst Kostbares hatten, zusammen." Es reichte trotzdem nicht! Doch bevor es zum Äußersten kam, mussten sich die Eindringlinge vor den preußisch-sächsischen Truppen zurückziehen. Die französischen Soldaten, die "in der einen Hand Pechkränze" trugen, "in der anderen Beile", hatten Geld und Sachwerte für fast 200.000 Gulden erpresst (ein pfälzisches 10-Gulden-Stück entsprach knapp 24 Goldfrancs).

Am 16. Oktober waren sie wieder da. Nun begann die Einrichtung des Landes "nach dem französischen Fuß". Kreuznach wurde namengebend für ein ,Arrondissement‘, das Papiergeld der Revolution gesetzliches Zahlungsmittel. Zu den Schrecken des Krieges gesellte sich die Geißel der Inflation: Eine Assignate im Nennwert von 15 Sols wurde bald nicht mehr zum amtlichen Kurs von 20 Kreuzern angenommen, sondern "kaum mit Vier Kreutzer bezalt". Am 1. Oktober 1795 verkündete der Pariser Nationalkonvent die Annexion des linken Rheinufers. Kreuznach allerdings wurde Ende des Monats geräumt. Am 11. November versuchten die Franzosen vergeblich, die Stadt im Straßenkampf zurückzuerobern. Anfang Dezember konnten sie sich für zwei Wochen hier festsetzen. Die sogenannten "13 Tage" wurden für Generationen von Kreuznachern zum Inbegriff des Schreckens. "Unmenschliche Schandthaten der Franzosen" schildert der Augenzeuge Gebhard: "Diese vom Wein berauscht stürmten auf das weibliche Geschlecht und schändeten solche ohne unterschied, junge und alte mussten ihren geilen Lüsten genüge thun, weiber von 70 und 80 jahren wurden geschändet und mit gewalt oft von 6 Mann, die sie aushalten mussten, dazu genötigt, ja Männer mussten ihre weiber schänden sehen und oft noch das Licht dazu halten.“ Diesmal überstieg der Gesamtschaden der Plünderungen 400.000 Gulden. Die zurückgekehrten Reichstruppen wichen am 9. Juni 1796 ohne einen Schuss aus Kreuznach, "schamroth", wie Gebhardt anmerkt.

Die anschließende – sechste – Besetzung durch die Truppen der Republik sollte auch die längste sein. Der österreichisch-französische Friedensschluss von 1797 zog für unsere Stadt den Schlußstrich unter fünf Jahre Kriegswirren. François-Charles Augereau, später Marschall Napoleons, der Kreuznach diese Freudenbotschaft überbrachte, ist hierzulande dennoch in schlechter Erinnerung geblieben. Weil der Militär die Ratsherren ungnädig abgefertigt hatte, wurde ‚Oschero‘ im Kreuznacher Deutsch zum Synonym für einen Grobian und Gewaltmenschen. Was freilich Anno 1808 den dank Frankreichs Revolution nun gleichberechtigten Bürger David Anschel nicht daran hindern wird, sich bei der Umstellung der jüdischen Familiennamen ausgerechnet Augereau zu nennen! Sogar einen Napoléon (als Vornamen) gab es unter seinen Glaubensgenossen, nämlich den Sohn des Schullehrers Philipp Wiener.

Quellen und Literatur: Kreuznacher Wochenblatt 31.12.1808 (Stadtarchiv Bad Kreuznach); Günther F. Anthes: Die Reformierten zu Kreuznach 1715-1798. [o.O. o.J.]; Franziska Blum-Gabelmann: Der Kreuznacher Johann Jacob Beinbrech (1799-1834). Bürger – Kaufmann – Spaziergänger. Bad Kreuznach 2006; [N.N.]: Aus der Leidensgeschichte von Kreuznach, in [Bad Kreuznacher] Heimatblätter 19.7.1935; Erich Pelzer: 14. Juli 1789 – Geschichte und Mythos eines denkwürdigen Tages, in: Wolfgang Krieger (Hrsg.), Und keine Schlacht bei Marathon. Große Ereignisse und Mythen der europäischen Geschichte. Stuttgart 2005 S. 187-210; Friedrich Schmitt: Die französische Herrschaft von 1792/96 im Nahegebiet in der Sicht von Zeitzeugen, in: Otto Atzbach [u.a.], Beiträge zur Geschichte des Landkreises Kreuznach. Bad Kreuznach 2000 S. 119-162; Martin Senner: Kleine Geschichte Zelemochums. Bad Kreuznach 2002

Damit haben wir das Zeitalter des großen Korsen erreicht und das Kapitel:

Kreuznach als ,Kaiserstadt‘

Als im Februar 1798 das eroberte Gebiet in Departements eingeteilt wurde (Kreuznach kam zu Rhin-et-Moselle), da war bereits klar, dass man sich "der franken republick als einverleibt zu betrachten" habe. Zwei Jahre später wurden die Amtsträger auf die Republik, 1804 dann auf die Verfassung und den Kaiser vereidigt. Eine gewisse Kontinuität blieb gewahrt, denn zumeist waren diese Persönlichkeiten ehemalige kurpfälzische Beamte. So der Oberamtsadvokat Stanislaus Schmitt (jetzt Friedensrichter im französischen ,Kanton‘ Kreuznach), der Landschreiber Andreas van Recum (nunmehr Unterpräfekt) und der Kreuznacher Stadtschultheiß (1800-1806 dann ‚Maire‘) Franz Joseph Potthoff.

Wie das Französische zwar Amtssprache war, die Umgangssprache aber Deutsch blieb, so verhielt es sich auch mit anderen Neuerungen. Selbst die verbraucherfreundliche Einführung einer Einheits- und Dezimalwährung konnte sich im Alltag nicht durchsetzen, wo weiterhin die chaotische Vielfalt altvertrauter Münzsorten das Bild bestimmte. Zwei Beispiele: Im September 1809 muss Johann Gottfried Kuhnert Steuerschulden in Höhe von 17 Franken 14 Centimes bezahlen. Er tut dies unbeanstandet mit Sorten, die kaiserlich-französische Münzstätten niemals geprägt haben, nämlich mit "11 Stücken zu 84 Centimes, 12 Stücken zu 42 Centimes und zwei Stücken zu einem Franken 43 Centimes". Nach einer zeitgenössischen Kurstabelle handelte es sich um österreichische 24- und 12-Kreuzer-Stücke sowie um den Viertel-Kronentaler der österreichischen Niederlande. Im Januar 1812 erhält der Soldat Christian Diez eine Anweisung über 12 Franken 50 Centimes, für die ihm der Kreuznacher Steuereinnehmer Luce Ricquier 5 Gulden 48 Kreuzer auszahlt, wiederum in österreichischen 24- und 12-Kreuzer-Stücken. Diez findet, "dass er dabei einen sehr beachtlichen Verlust macht", und lässt den Vorgang von Bürgermeister Carl Joseph Burret zu Protokoll nehmen. In der Tat hatte der Soldat gegenüber dem aktuellen Umrechnungskurs von 30 Kreuzern für den Franken (das war übrigens ein Tagelohn) ziemlich genau einen solchen eingebüßt, nämlich 27 Kreuzer!

Die Vereinheitlichung des Elementarschulwesens blieb ein Torso, da sie den jüdischen Bevölkerungsanteil (gut 5%) außen vor ließ. Durchgesetzt wurde die allgemeine Schulpflicht erst nach Napoleon, von der preußischen Verwaltung. Die Neuerrichtung eines Gymnasiums entsprang dem Impuls des städtischen Bürgertums, nicht des Staates.

Die folgenreiche Gründung des Kreuznacher Jahrmarkts ist fälschlich mit der behördlich verordneten Feier von Napoleons Geburts- und Namenstag (15. August) in Verbindung gebracht worden. In Wahrheit war sie ein Alleingang des unternehmenden Bürgermeisters Burret. Der Marktgründung fehlte die zwingend vorgeschriebene kaiserliche Genehmigung; erst am 20. März 1813 beschloss der Munizipalrat (Stadtrat), darum nachzusuchen, doch bis zum Ende der Fremdherrschaft scheint in der Angelegenheit nichts weiter geschehen zu sein.

Neu entstanden sind unter den Franzosen die Zuckerfabriken Karcher und Sahler sowie die Tabakmanufaktur Gräff. Die beiden ersteren waren kurzlebige Kinder der Kontinentalsperre, deren Produktion überhaupt nur "durch den Einsatz von achtzig spanischen Kriegsgefangenen" ermöglicht wurde. Gräff wiederum musste, ein Opfer des staatlichen Tabakmonopols, den Betrieb schon nach wenigen Jahren wieder einstellen. Bleibt ein Erbe aus kurpfälzischer Zeit, die Salinen. Deren Aktienmehrheit ging als kaiserliches Geschenk an Napoleons Lieblingsschwester Pauline, die aus ihren Anteilen "etwa 75.000 Franken jährlich" bezog. Der Ertrag hätte leicht verdoppelt werden können, doch Investitionen zur Modernisierung der Produktionsanlagen unterblieben; das Sudhaus Karlshalle wurde sogar stillgelegt.

Zwischen 1790 und 1808 wuchs die Stadtbevölkerung um 2474 Seelen (das heißt: um fast zwei Drittel!), ohne dass die Obrigkeit die Notwendigkeit einer Stadterweiterung empfunden hätte. Lediglich vor dem Rüdesheimer Tor war, wie Peter Engelmanns bekannter Bericht über die Kreuznacher Zustände um 1810 mitteilt, "eine Art Vorstadt" entstanden. Hier kam es auch zu einer größeren öffentlichen Baumaßnahme, der Aufschüttung des sumpfigen Geländes am früheren Stadtgraben (heute: Holzmarkt). 1810 wurden dafür 1206 Arbeitstage, im folgenden Jahr nochmals 448 Arbeitstage aufgewendet. Demgegenüber erbrachte das Abbruchmaterial des Rüdesheimer Tores ganze 23 Franken und 10 Centimes.

Die Anfänge einer Straßenbeleuchtung blieben der Privatinitiative überlassen. Kein Wunder, denn der Stadtsäckel war leer! Allein die Kriegsschulden der Kommune (1805: 373.745 Franken) überstiegen bei weitem das versteuerte Vermögen ihrer Bürger (266.347 Franken). Das hinderte die Stadtväter nicht, ihrem Herrscher 1813 ein sinniges Geschenk zu machen: acht vollausgerüstete Kavalleristen! Die Kosten wurden auf die Bürgerschaft umgelegt, so wie es bereits beim Kaiserbesuch von 1804 geschehen war. Was die regulären Steuern betraf, so hatte das moderne und gegenüber der kurpfälzischen Zeit gerechtere Steuersystem der Eroberer die Abgabenlast um durchschnittlich ein Drittel erhöht.

Als Errungenschaft der Großen Revolution waren die Menschen- und Bürgerrechte gewährleistet. Die vordem als Gruppe eigenen Rechts aus der Bürgerschaft ausgegrenzten Juden genossen sie ohne Abstriche, standen aber hinsichtlich ihrer Erwerbstätigkeit seit 1808 unter diskriminierenden Sonderbestimmungen. Ihrer Loyalität zu Kaiser und Reich tat das, wie erwähnt, offenbar keinen Abbruch.

Napoleons Kaisertum war, das belegt schon der unserer Stadt 1808 verliehene Ehrentitel ,ville impériale‘, ein persönliches Regiment. Keine Militärdiktatur, aber ein Zwangsstaat, in dem die Armee Vorrang hatte. Das zeigte sich noch dort, wo die öffentliche Hand als Wohltäter auftrat: Seit 1806 sollte am Krönungstag des Kaisers (2. Dezember) ein ehrenvoll verabschiedeter Soldat mit einem ,tugendhaften‘ Mädchen Hochzeit feiern und 600 Franken als Aussteuer erhalten.

Die Kultur, soweit sie nicht der Verherrlichung von Staat und Dynastie dienstbar gemacht werden konnte, hatte in Napoleons Militärstaat das Nachsehen. So wurde im Mai 1812 die Bibliothek des früheren Karmeliterklosters (St. Nikolaus) versteigert; Johann Heinrich Kaufmann erwarb „etwa 1100 Bände“ zum Spottpreis von sage und schreibe 72 Franken.

Das Ende der Fremdherrschaft, besonders die Flucht der ,geborenen‘ Franzosen, sah der Zeitzeuge Gebhard ohne Bedauern. Er wünschte den Scheidenden "glückliche Reise" und beurteilte ihr Wirken so treffend wie gerecht: "Ihr brachtet dem Staate wohl, aber dem Lande keinen Nutzen." Über Napoleon, "den Ehrungswürdigen Mann unserer Zeit", wird nun kein Wort mehr verloren – immerhin aber auch darauf verzichtet, dem gestürzten Helden den Eselstritt zu versetzen, wie es der Kollaborateur Stanislaus Schmitt in seinem Gedicht »Der Prediger Wurz« für angebracht hielt (nachzulesen in der »Kreuznacher Zeitung« vom 10. Juli 1814).

Als die wohl drückendste Last der Fremdherrschaft wurden die alljährlichen Aushebungen zum Militärdienst empfunden. Das Los traf zwar nur einen Teil der männlichen Jugend, doch anders als bei der sprichwörtlich gewordenen Mannheimer Wach’ aus kurpfälzischer Zeit war das Risiko hoch, entweder ein Grab in fremder Erde zu finden oder zum Krüppel zu werden. Wie es Sebastian Ohl widerfuhr, "Grenadier und Korporal im 36. Linienregiment", der auf dem spanischen Kriegsschauplatz das rechte Auge einbüßte. Als er 1811 nach Kreuznach zurückkehrte, wurde dem Invaliden ein „Ruhegeld“ von "jährlich 115 Franken" bewilligt. Man kann nur hoffen, dass es pünktlicher gezahlt wurde als zuvor sein Wehrsold, denn aus den Jahren 1806-11 war der Kaiser dem Grenadier nicht weniger als 362 Franken 25 Centimes schuldig geblieben! Trotz alledem bewahrten nicht wenige alte Soldaten ihrem Kriegsherrn ein ehrenvolles Angedenken. Zum Beispiel Bernhard Moritz, der 1807 den Feldzug gegen Preußen mitmachte, 1810-13 in Spanien kämpfte, dann zur kaiserlichen Garde kam, die Völkerschlacht bei Leipzig erlebte und nach seinem fünfzehnten Gefecht den Dienst eigenmächtig quittierte: "deserdiret den 24ten Jen[n]er 1814". Das hinderte den Schuhmachermeister nicht daran, in späteren Jahren den Vorsitz der ,Gesellschaft der Kreuznacher Veteranen Napoleons‘ zu übernehmen. Die erinnerte 1843 durch ein Ehrenmal auf dem städtischen Friedhof daran, „dass den Veteranen das Herz dem unsterblichen Kaiser, dem Rechte und dem Vaterlande in glühender Begeisterung schlug“. Bemerkenswert: Als Vereinsmitglieder das ursprünglich zur Bekrönung des Denksteins vorgesehene Kreuz in einer Nacht-und-Nebel-Aktion durch einen Kürassierhelm mit der kaiserlichen Initiale ‚N‘ ersetzten, haben die preußischen Behörden dieses Symbol eines politischen und weltanschaulichen Gegners stillschweigend bestehen lassen.

Als bleibende Erinnerung an Kreuznachs Jahre unter französischer Herrschaft kann am ehesten der Code Civil gelten, nach dem im linksrheinischen Preußen bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs (im Jahre 1900) Recht gesprochen wurde. Als der Kreuznacher Buchhändler Ludwig Christian Kehr am 18. Oktober 1814 (dem Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig) den Code Napoléon öffentlich verbrannte, ist er mithin etwas voreilig gewesen!

Quellen und Literatur: Stadtarchiv Bad Kreuznach, Gr. 201 Nr. 4 (31.8.1811, 1.5.1812); Gr. 201 Nr. 5 (20.3.1813); Gr. 218 Nr. 23 (43-3-6, 81-25-27, 82-25-27, 364-9-10); Gr. 262 Nr. 6 (8.9.1809, 27.12.1810, 30.1.1812); Kreuznacher Wochenblatt 13.6.1807, 31.12.1808 (Stadtarchiv Bad Kreuznach); Kreuznacher Zeitung 10.7.1814 (Stadtarchiv Bad Kreuznach); Franziska Blum-Gabelmann: Michel Mort der Kreuznacher – Gedanken zur Rezeptionsgeschichte (Vortrag v. 27.11.2002); Peter Engelmann: Kreuznach vor sechzig Jahren, in: [Bad Kreuznacher] Heimatblätter 17.3.1921, 7.4.1921, 21.4.1921, 5.5.1921; Hans Forster: Die Wirtschaft des Kreises Kreuznach vor 1815, in: Kurt Becker (Hrsg.), Heimatchronik des Kreises Kreuznach. Köln 1966 S. 209-274; Gerd Massmann: Die Verfassung der Stadt Kreuznach unter der französischen Herrschaft von 1796 bis 1814. Boppard (1963); H[einri]ch Josef Moritz: Erinnerungen aus 1813, in: Oeffentlicher Anzeiger 9.1.1913; Heinrich Moritz: Ein Kreuznacher kämpfte unter Napoleons Fahnen, in: Naheland-Kalender 1976 S. 59-60; Hans Roth: Kaiser Napoleon I. als Kreuznacher Salinen-Aktionär, in: Naheland-Kalender 1961 S. 52-53; Friedrich Schmitt: Der Raum des heutigen Landkreises Bad Kreuznach vor 1815, in: Otto Atzbach [u.a.], Beiträge zur Geschichte des Landkreises Kreuznach. Bad Kreuznach 2000 S. 37-117; Helmut Schwindt: Arbeiterbewegung und Industrialisierung in Stadt und Landkreis Kreuznach (1848-1918). Bad Kreuznach 1999; Martin Senner: Fettmännchen statt Franken, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 4. Bad Kreuznach 2009 S. 41-42; Martin Senner: Geben und Nehmen, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 5. Bad Kreuznach 2010 S. 100-101; Martin Senner: Kleine Geschichte Zelemochums. Bad Kreuznach 2002; Martin Senner: Das vorverlegte Jubiläum, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 1. Bad Kreuznach 2006 S. 93-94; Martin Senner: Kreuznach, Stadt des Lichts, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 1. Bad Kreuznach 2006 S. 10-11; Martin Senner: N statt Kreuz, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 2. Bad Kreuznach 2007 S. 98-99

Drei Jahre später, 1817, wird Kreuznach Bad, und unsere Vorfahren sind gefordert, mit Gästen aus dem Westen umzugehen. Darum heißt das nächste Kapitel:

Kurgast oder ,Erbfeind‘?

Die Heilkraft der Kreuznacher Sole wurde von hiesigen Ärzten – Johann Erhard und Heinrich Prieger, Louis Michels, Ferdinand Wiesbaden, Carl Friedrich Engelmann – in wissenschaftlichen Veröffentlichungen bekanntgemacht, die alsbald auch in französischer Sprache erschienen. So überrascht es nicht, dass unter den ausländischen ,Kurfremden‘ die Franzosen ein bedeutendes Kontingent stellten: schon 1877, ganze sechs Jahre nach dem Einschnitt des deutsch-französischen Krieges, das drittgrößte nach den Holländern und vor den Briten, vor dem Ersten Weltkrieg durchweg das zweitgrößte nach den Russen, 1901 das stärkste vor Holländern und US-Amerikanern. Marcel Proust war dabei, Sarah Bernard nicht, obwohl ein ,Lokalstück‘ der Großen Karneval-Gesellschaft sie "im Soolbad" erscheinen ließ. Zu den zahlreichen Hotels, die durch ihre Benennung gezielt um einzelne Nationen warben, gehörten ein ,Pariser Hof‘ (Kurhausstr. 22) und ein ,Hôtel de France‘ (No 15).

Versetzen wir uns doch einmal in die Lage eines französischen Gastes, der vor dem Ersten Weltkrieg die Kurstadt durchwanderte. Preußens Gloria war allgegenwärtig! Das begann bei der Kaiser-Wilhelm-Brücke und der gleichnamigen Anlage, setzte sich in der Wilhelmstraße fort und erreichte den Höhepunkt am Bismarckplatz (Kornmarkt). Nicht genug damit, dass dort ein Denkmal des Eisernen Kanzlers nebst schwertbewehrtem ,Ruhm‘ (im Volksmund: Germania) wachte, während über den Dächern der Turm von St. Wilhelm grüßte. Nein, an Kreuznachs schönstem Platz residierte zudem noch der Eisenhändler Philipp Jakob Kempff, der auf seinem Domizil 1899 "ein großes Schild mit weithin leuchtenden Buchstaben und der Aufschrift Blücherhaus" hatte anbringen lassen! Bezeichnend die Aussage eines unbekannten Kreuznachers, es sei gegenüber "deutschgramen Fremden" allzuviel Feingefühl fehl am Platze, "da sie eine Berücksichtigung bei eigener Rücksichtslosigkeit nicht verdienen und sie für Schwäche hielten!"

Auch Kreuznachs Wirte stellten den zeitüblichen Patriotismus zur Schau. So deutsch wie die angebotenen Gerichte waren nämlich zahlreiche Wirtsschilder. Den Krieg von 1870/71 beschworen die ,Wacht am Rhein‘ (Mannheimer Str. 207), der ,Spicherer Berg‘ (Geisberger Gasse 3), das Lokal ,Zur deutschen Einigkeit‘ (Fischergasse 13) und endlich die ,Friedenseiche‘ (Gerbergasse 42). Gemeint waren: die Frontstellung gegen den westlichen Nachbarn; die Schlacht bei Saarbrücken (6. August 1870); der Anschluss der süddeutschen Staaten und Kreuznachs Denkmal für den ersten gesamtdeutschen Reichstag (der Baum war am Eiermarkt gepflanzt worden).

Im Sommer 1885 hatten "14 junge Mädchen aus Kreuznach und dessen Umgebung" einen Frauenverein besonderer Art gegründet. Sein Anliegen war – der Verzicht auf einen Modeartikel, der nach dem Körperteil, dessen Fülle er betonte (oder vortäuschte), schlicht ‚cul [frz.: Hintern] de Paris‘ genannt wurde. Wo das Auge getäuscht werden konnte, begriff die Hand die Wahrheit, denn das ‚Kisschen‘, wie vornehmere Geister es gerne umschrieben, gab sich durch unnatürliche Weichheit als Attrappe zu erkennen. Was ein Franzose einst in die Worte "Zurück zur Natur!" gefasst hatte, übersetzten die Kreuznacherinnen ins Bodenständig-Deftige, als sie ihrer Vereinigung den Namen gaben: ,Hinne fescht‘. Ihr Kampf gegen den "welschen Plunder" mobilisierte reichsweit an die Tausend Mitstreiterinnen und fand sogar bei der an Modefragen eher uninteressierten Herrenwelt einigen Widerhall. Ein Inserat aus dem Kreuznacher »General-Anzeiger« vom 12. September 1885: "Ich habe die Kreuznacher jungen Damen auf dem dortigen Jahrmarkt kennen und später wegen ihres Mutes inbezug auf Bekämpfung der Pariser Mode schätzen gelernt und erbitte ehrenhafte Offerten unter M. L. F. Nr. 101 postlagernd Mannheim."

Die Kreuznacher hielten sich etwas darauf zugute, dass die Gedenktafel, die in Schloß Frescaty an die Kapitulation von Metz (27. Oktober 1870) erinnerte, im "Atelier des Herrn Bildhauer Schneider" (Mannheimer Str. 232) geschaffen worden war. Dass man in Kreuznach den Sedantag (2. September), "den Geburtstag unseres geeinten deutschen Vaterlandes", nicht gebührend feiere, gab aber mehrfach Anlass zu Unmutsäußerungen in der örtlichen und überregionalen Presse. Der Vorwurf des Krämergeistes, gar mangelnder nationaler Zuverlässigkeit fand weitere Nahrung in der Höflichkeitsgeste, am 14. Juli das Kurkonzert mit der Marseillaise zu eröffnen – und die Trikolore zu hissen!

"Ob denn Kreuznach eigentlich erst vor wenigen Jahren deutsch geworden sei", fragte sich 1909 ein patriotischer Kurgast. "Denn wohin ich blickte, fand ich an den Geschäftshäusern fremdsprachige, meist französische Bezeichnungen. Die größten Logierhäuser heißen ,Hôtel Royal d’Angleterre‘, ,Hôtel de l’Europe‘, und das Kurhaus, ein deutsches Kurhaus, führt in traurigem Stolz den Namen ,Grand Hôtel Kurhaus‘. Welch ein Mangel an nationalem Empfinden! An einem Geschäft für Damenkleidung prangt das Schild ,L.E. ... Modes de Paris. Robes sur mesure‘. Ein Stickerei-Geschäft trägt ein Türschild: ,M.M. ... Tapisserie‘ [...], eine Ankündigung in deutscher Sprache sucht man aber vergebens." Dennoch hielten Lina Eschle und Margareta Münch unbeirrt am geschäftsfördernden Französisch fest. "Eröffnung unserer neuen Verkaufsläden im Radium-Sol-Haus [Bäderhaus] heute Nachmittag 4½ Uhr unter den Klängen der Kurkapelle", inserierten sie am 24. Mai 1911 – wie gehabt als Anbieterinnen von ,Modes‘ und ,Tapisserie‘.

Als in diesen Jahren das frühere ,Pfeifferviertel‘ zum ,Pariser Viertel‘ wurde, war dies Ausdruck des ortstypischen Humors, keine Verbeugung vor dem sog. Erbfeind (das Viertel war eben nicht durch repräsentative Ringstraßenarchitektur geprägt, sondern durch Arbeiterhäuschen in engen Gassen).

Quellen und Literatur: General-Anzeiger 27.7.1909, 24.5.1911 (Stadtarchiv Bad Kreuznach); Oeffentlicher Anzeiger 2.9.1886, 31.8.1889, 1.6.1899, 13.1.1903, 8.2.1908, 21.7.1913, 22.7.1913 (Stadtarchiv Bad Kreuznach), Kreuznacher Tageblatt 5.9.1879 (Allgemeine Zeitung Bad Kreuznach); Kreuznacher Zeitung 7.2.1864 (Stadtarchiv Bad Kreuznach); Adressbuch der Stadt Kreuznach [...] hrsg. v. Wilhelm Tönsmann, Polizei-Sekretär. Kreuznach 1884; Hans G. Buchmann: Die Entwicklung Bad Kreuznachs und Bad Münsters am Stein in den letzten 150 Jahren. Eine fremdenverkehrs- und stadtgeographische Untersuchung. Diss. Bochum 1969; [N.N.]: Die Kreuznacher Fremdenstatistik, in: Oeffentlicher Anzeiger 20.1.1905; Martin Senner: Eine Frau mit vielen Namen, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 2. Bad Kreuznach 2007 S. 99-101; Martin Senner: Die Friedenseiche am Eiermarkt, in: Naheland-Kalender 58 (2008) S. 203-204; Martin Senner: Kreuznacher Frauenverein ,Hinne fescht‘. Massenbewegung gegen „Tournüren“. Eine Episode aus dem Jahre 1885, in: Bad Kreuznacher Heimatblätter 2002 S. 46-47; Martin Senner: Die Macht des Jahrmarkts... und der Presse, in: ders., 52 Geschichten aus Kreuznachs Geschichte. Bd. 5. Bad Kreuznach 2010 S. 101-103; Hans Dieter Zimmermann: Marcel Proust in Kreuznach – Zum einzigen Aufenthalt des Schriftstellers in Deutschland, in: Proustiana XXV (2007) S. 88-105

"Eine Zeit tiefster Erniedrigung"

So nennt der städtische Verwaltungsbericht rückblickend die Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg. "Die Zeit der schweren Not" war sie für den Chronisten Karl Geib, der unversöhnlich anmerkt: "Und sie wurde auch nicht gemildert durch die Tatsache, dass wir im besetzten Gebiet von den Schrecken des deutschen Bürgerkrieges verschont blieben." Am 8. Dezember 1918 traf die französische "Einquartierungskommission" in Kreuznach ein, das in Friedenszeiten keine Garnison beherbergt hatte. Nun wurden zur Unterbringung von Stäben und Truppen zahlreiche "Schulen und Gesellschaftsgebäude, Kinderheime, Fabrikanwesen, Kurheime, Hotels" beschlagnahmt. So der ‚Oranienhof‘ (Caserne d’Alger), die Volksschule Mainzer Straße (Caserne Boennec) und das Casinogebäude im Brückes (Caserne de Grivesnes). Diese Veränderungen hatten den Nebeneffekt, dass die Kreuznacher Ansichtskartenmotive der Vorkriegszeit durch eine ganze Anzahl von Neuaufnahmen ergänzt wurden; die Namen der gezeigten Örtlichkeiten erscheinen in französischer Sprache. Die Postkarten gleichen ein Stück weit den Mangel an schriftlichen Quellen aus, zum Beispiel, wenn uns eine Ansicht des Kurhauses darüber aufklärt, dass dieses "Le Casino" war, also als Offiziersklub genutzt wurde. Die Beschlagnahme dauerte, mit allen üblen Folgen für den Kurbetrieb, zum Teil bis 1930 an, obwohl an der Bosenheimer Straße und am Hasenrech Kasernen neu errichtet wurden, "beide zweistöckig, mit hohen Mansardendächern und Uhrtürmchen". Erstere, die "Automobil-Kaserne", wurde "Quartier de la voie sacrée" genannt, nach der Nachschublinie zur Festung Verdun im Jahre 1916. Die andere hieß Kaserne "La Fontenelle" bzw. "Quartier de la Marne" – nach einem 1914/15 schwer umkämpften Hügel in den Vogesen bzw. nach der Abwehrschlacht von 1914.

Die Abwehr wiederholter französischer Vorstöße, das Freibad im Salinental zu vereinnahmen, galt bereits als deutscher Sieg. Das Militär musste mit der wenig attraktiven Badegelegenheit an der Pfingstwiese vorliebnehmen. Insgesamt ist die Präsenz der Besatzungsmacht ähnlich massiv gewesen wie nach dem Zweiten Weltkrieg die US-amerikanische: 1925 zählte Kreuznach bei 24.928 Einwohnern 2.100 Mann Besatzungstruppen sowie 400 Familienangehörige, das heißt: auf 10 Kreuznacher kam 1 Franzose. – Zwei Drittel der Pfingstwiese waren durch "Ställe und Exerzierplätze" belegt, weshalb 1919 der Jahrmarkt ausfallen musste.

Von einer Bevölkerung, deren Verständnis für Fremde seit jeher begrenzt war, wurde es bitter empfunden, dass auch "Senegalneger, Marokkaner und An[n]amiten" (Indochinesen) jene bewaffnete Macht repräsentierten, der man Gehorsam und Respekt zu erweisen hatte; letzteres in durchaus demütigender Form. 1958 schrieb »Der Spiegel«: "Ältere Bürger des Badeorts erinnern sich noch, dass sie vor dem Commandant de Gaulle, der wegen seiner Länge stadtbekannt war, den Gehsteig räumen und unter zivilen Ehrenbezeigungen im Rinnstein verharren mussten." Hier allerdings irrte das Magazin, denn Major Charles de Gaulle befehligte nicht das 11. Bataillon der ,Alpenjäger‘, das von Dezember 1925 bis Oktober 1926 in Kreuznach stationiert war, sondern das 19. Bataillon in Trier (und zwar von 1927-29).

Nachdem es hier zu Kaisers Zeiten offiziell kein Bordell gegeben hatte, richteten nun die Franzosen ein ,öffentliches Haus‘ ein – für den Eigenbedarf. Als der Militärkommandant des Kreises, Oberstleutnant Albert Philippe, dem Wunsch des Gastwirts nachkam und die Bocksgasse 6 auch für Deutsche öffnete, wurde dies mitnichten als freundliche Geste verstanden, im Gegenteil, man beklagte "eine demoralisierende Wirkung" des Etablissements "besonders auf die Jugend".

Nach einem vierjährigen verlustreichen Krieg, der weite Teile Ostfrankreichs verwüstet hatte, herrschte die Siegermacht mit harter Hand. Repressalien wie Verkehrs- und Ausgangssperren, Geld- und Haftstrafen sowie Ausweisungen waren an der Tagesordnung. Der Beigeordnete Dr. Wilhelm Fritsch erinnert sich: "Die nächtliche Totenstille in den leeren Straßen wurde nur unterbrochen durch das Surren der Motore der ,Henkerautos‘ und deren Hupen, sodass mancher Anwohner stets in der Angst leben musste, wird er nun geholt oder nicht.“ Übergriffe und Exzesse einzelner "Potentaten" taten ein übriges, bestehende Vorurteile zu verfestigen. So erwähnt Fritsch einen in der Hindenburgstraße (Badeallee) einquartierten Offizier, "der zu seiner sadistischen Befriedigung Mädchen zu sich kommen ließ, sie in nacktem Zustand in seinem Zimmer mit der Reitpeitsche bearbeitete und sie dann mit Kleidern usw. beschenkt entließ".

Abhilfe wollte eine aktive Kulturpolitik schaffen, namentlich mit französischen Sprachkursen. Am 100. Todestag Napoleons (5. Mai 1921) fand eine Gedenkfeier statt, "zu der alle erreichbaren Nachkommen der auf dem Gedenkstein genannten Veteranen eingeladen waren". Diese wurden durch eine Marmortafel mit der Inschrift "La France à ses Fils" geehrt. Im selben Jahr konnte der ,Verein Kreuznacher Schausteller‘ die Genehmigung zur Abhaltung des wichtigsten Lokalfests mit dem Argument erwirken, "dass doch der Jahrmarkt seinerzeit von Napoleon gegründet worden sei (!)".

Entscheidend für den Mißerfolg solcher Sympathiewerbung war der Verdacht, sie solle den Boden bereiten für die Eroberung der Rheingrenze. Tatsächlich hat sich der Kreuznacher Separatistenputsch vom 27. Oktober 1923 mit französischer Duldung und Unterstützung vollzogen, etwa wenn die Druckerei Jung & Co. (Bismarckplatz [Kornmarkt] 6), "in der das städtische Notgeld hergestellt wurde, von Marokkanern und Separatisten besetzt" wurde. Die Bestrebungen für eine ,Rheinische Republik‘ fanden in der Bevölkerung keinen Rückhalt. Bezeichnend eine Zeitungsmeldung vom 4. Dezember: "Heute morgen gegen 4:30 Uhr wurde die separatistische Fahne vom Stadthaus heruntergerissen. Vor der Wirtschaft Schleif in der Mannheimerstraße am Löwensteg kam es nachts 12 Uhr zu Ausschreitungen gegen die Separatisten. In der Nacht zum Sonntag [2. Dezember] drangen 5 Personen im Alter von 25-30 Jahren nach einem Zechgelage im Keller eines Weinhändlers in betrunkenem Zustand gegen 4:30 Uhr in das Landratsamt ein, bewaffnet mit wassergefüllten schweren Sektflaschen. Sie versuchten einen Angriff auf die Separatisten, wurden jedoch gefangen genommen und ebenso wie der erwähnte Weinhändler bestraft."

Ende November hatte die Besatzungsmacht das Scheitern der Bewegung eingeräumt, indem sie der zuvor entwaffneten städtischen Polizei die Waffen zurückgab. Mit der Stabilisierung der Mark Mitte des Monats war auch der wirtschaftliche Druck geschwunden, der allein für eine Anlehnung an Frankreich hätte wirken können, zunächst wohl in Form des Übergangs zur Frankenwährung, von dem man durchaus angenommen hatte, er könne, wie im benachbarten Kreis Meisenheim bereits geschehen, demnächst auf der Tagesordnung stehen. Am 14. Februar 1924 wurde die grün-weiß-rote Separatistenfahne auf dem Landratsamt eingeholt.

Es vergingen noch weitere sechs Jahre, bis der städtische Verwaltungsbericht mitteilte: "Am 24. Juni 1930 morgens zog die Gendarmerie die Trikolore auf der Gendarmeriekaserne an der Bosenheimerstrasse ein und reiste als letztes Truppenkommando mit den Beamten der Geheimpolizei ab." "Als Andenken", so heißt es weiter, "ließ die Besatzung nach Feststellung des Wohlfahrtsamtes 38 Besatzungskinder zurück." – Die  1925/26 errichtete Gendarmeriekaserne, das spätere Hauptzollamt, ist übrigens der letzte noch erhaltene Militärbau aus der französischen Besatzungszeit (Gustav-Pfarrius-Str. 1-3).

Kreuznach und Frankreich – die Zwiespältigkeit dieses Verhältnisses hing letztlich an den Menschen, denen aufgegeben war, es zu gestalten. Dafür zum Abschluss ein Beispiel: Unter dem unpolitischen Namen ‚Zur Rose‘ wurde die frühere Gastwirtschaft ,Zum Spicherer Berg‘ seit Mai 1920 von Friedrich Johe geführt. 1921 nennt ihn das Kreuznacher Adressbuch nur noch mit seinem erlernten Beruf als Schneider. Inzwischen nämlich regierte in der Gaststube eine frühere Angestellte, Ehefrau eines Franzosen, der das Haus Geisberger Gasse 3 auch erworben hatte. Das Paar war bereits in Mainz in der Gastronomie tätig gewesen, und zwar in der Klarastraße 9. Diese Gastwirtschaft hatte sich zur Animierkneipe entwickelt und gegen den "Franzosen Wirt" war ein "Kuppeleiverfahren" eröffnet worden, das allerdings im Sande verlief. In der Kreuznacher ‚Rose‘ nun wiederholte sich die Geschichte. Das Ehepaar beschäftigte Kellnerinnen, die in anderen Städten unter Sittenkontrolle gestanden hatten, so dass der Verdacht aufkam, hier werde "der Unzucht Vorschub" geleistet. Die ‚Rose‘ galt als "verrufene Wirtschaft", die nur deshalb ohne Konzession betrieben werden dürfe, weil die Polizei sich an den Franzosen "nicht [...] herantraue". Im Mai 1922 endete die Affäre mit einer gleichsam salomonischen Entscheidung: der Gaststättenbetrieb insgesamt wurde zwar konzessioniert, der Ausschank im Séparée (dem sog. Weinzimmer) hingegen wurde "mangels Bedürfnisses" nicht genehmigt. Der Name des zwielichtigen, oder sagen wir lieber zwiespältigen Kneipiers: Robert Aubry. Zumindest sportbegeisterten Kreuznachern ist er bis heute ein Begriff. Aubry, 1914 französischer Meister im Geräteturnen, hat sich nämlich als Begründer der Kreuznacher Turnschule bleibende Verdienste erworben!

Quellen und Literatur: Stadtarchiv Bad Kreuznach, Protokollbuch der Elektrizitäts-Kommission 1923-1930 (5.11.1923); Bericht über den Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadt Bad Kreuznach für das Rechnungsjahr 1929 (Stadtarchiv Bad Kreuznach); Oeffentlicher Anzeiger 4.12.1923, 19.11.1923 (Stadtarchiv Bad Kreuznach), Adreßbuch von Stadt und Kreis Kreuznach 1921/22. Bad Kreuznach (1921); Amtliches Adreßbuch der Stadt Bad Kreuznach 1953-54. Bad Kreuznach 1954; Don Cook: Charles de Gaulle. Soldat und Staatsmann. München 1985; [Wilhelm] Fritsch: Streiflichter auf die Kreuznacher Besatzungszeit. Persönliche Erinnerungen. [Bad Kreuznach] 21930; Eduard H. Gampper: Bad Kreuznach und seine Umgebung in frühen Photographien von Nelli Schmithals. Bd. 2. Bad Kreuznach 1989; O[tto] Guthmann: Aus den Kreuznacher Jahrmarktsakten, in: Stadtverwaltung Bad Kreuznach (Hrsg.), Festbuch 150 Jahre Kreuznacher Jahrmarkt. [Bad Kreuznach] 1959 S. 49-99; Jakob Heintz: „Die Kreiznacher sinn kee Hampelmänner“, in: Naheland-Kalender 1976 S. 68-79; Jakob Kiefer: Die Kreuznacher Turnschule, in: Sparkasse Bad Kreuznach (Hrsg.), Vergangen, aber unvergessen. Zeitzeugnisse in Bild und Text aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. (Bad Kreuznach 1990); Stefan Kühlen: Bad Kreuznach auf alten Postkarten. Erfurt 2009; Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Bd. 5: Kreis Bad Kreuznach. 1: Stadt Bad Kreuznach. Bearb. v. Edith Ruser u. Herbert Dellwing. Düsseldorf 1987; [Wilhelm] Müller: Schulerlebnisse aus der Franzosenzeit, in: [Bad Kreuznacher] Heimatblätter 22.1.1931; [N.N.]: Edler Saft, in: Der Spiegel 3.12.1958 S. 17-18; Helmut Otte: Ein Veteran Napoleons, in: Bad Kreuznacher Heimatblätter 1983 S. 22-23; Friedrich Senner: Grundzüge der Stadtentwicklung Kreuznachs vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Gegenwart, in: Horst Silbermann/Werner Vogt, Studienbuch zur Regionalgeschichte des Landkreises Bad Kreuznach. Bad Kreuznach 1986 S. 128-183; Martin Senner: Die Nachtseite der Badestadt. Prostitution in Kreuznach 1825-1933. Bad Kreuznach 12004, 22005; Stadtverwaltung Bad Kreuznach (Hrsg.): 50 Jahre amerikanische Streitkräfte in Bad Kreuznach – 50 years American Military Forces in Bad Kreuznach. Bad Kreuznach 2001

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