Straßen im Rheingrafenblick offiziell eingeweiht


Begleitet wurden sie von vielen Weggefährten der Geehrten, Stadtratsmitgliedern und dem Geschäftsführer sowie dem Projektleiter der Bad Kreuznacher Entwicklungsgesellschaft (BKEG), Dietmar Canis und Rolf Riecker. Die BKEG erschließt das ehemalige US-Militärgelände „Hospital“ mit 150 Grundstücken, von denen mehr als 30 bereits verkauft und 30 weitere reserviert sind. An jedem Straßenschild gab es von der OB und der Kulturdezernentin im Wechsel Erläuterungen zur Vita der Geehrten:

In die Amtszeit von Oberbürgermeister Dr. Gerhard Muhs (1957-1967) fiel die Gründung der Städtpartnerschaft mit Bourg en Bresse, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert. Mit seinem Namen verbunden sind auch die Ansiedlung von Michelin, das Wohngebiet Korellengarten  sowie die Einrichtung der Volkshochschule und der Bau der Realschule. Der Helmut Schwindt-Weg ist nach  dem Oberbürgermeister der Jahre 1985 bis 1995 benannt. Über sein Amt hinaus verdankt ihm die Stadt Veröffentlichungen über die Geschichte der Arbeiterbewegung und Industrialisierung in Bad Kreuznach. Dr. Werner Forßmann praktizierte von 1950 bis 1958 als Urologe am Diakonie-Krankenhaus. Forßmann, der als Erfinder des Herzkatheters gilt, erhielt 1956 gemeinsam mit André Frederic Courmand und Dickinson Woodruff Richards den Nobelpreis für Medizin. 1956 ernannte ihn die Stadt Bad Kreuznach zum Ehrenbürger. Mit Hans Staab würdigt die Stadt im Rheingrafenblick einen weiteren Ehrenbürger. Der Bad Kreuznacher Unternehmer (Zeitschriftengroßhandel) gründete zwei Stiftungen, aus denen bis heute große Beträge in die Bereiche Soziales, Sport und Kultur fließen. Die „Hans- und Ilse-Staabstiftung“ verleiht alle zwei Jahre den „Hans-Staab-Sozialpreis“ für vorbildliches Engagement für Mitbürger.

Eine weitere Straße trägt den Namen Ellen Thress (1895 bis 1990), die erste Frau in der Geschichte der Liberalen Partei in Rheinland-Pfalz. Ihr wurde 1995 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Er gilt als der Begründer der Kinderkur in Kreuznach. Medizinal- bzw. Sanitätsrat Dr. Johannes Simsa  war Ärztlicher Leiter des Viktoriastiftes von 1935 bis 1960. Die Simsa-Straße  erinnert auch an seinen  Sohn Robert Simsa, Leiter der Erziehungsberatung und Mitbegründer der Lebenshilfe. Elsbeth Krukenberg (1867-1954) war  eine geachtete Frauenrechtlerin. Sie engagierte sich im Frauenbildungsverein, setzte sich für eine Kinderlesehalle und für die Berufs- und Eheberatung ein. Kurt Vittinghoff (1928-2011) war ein kämpferischer Gewerkschafter und Europaabgeordneter für die SPD. Er engagierte sich für die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus und für die Versöhnung mit den Opfern.

Helene Voigtländer (1857-1934) engagierte sich fast drei Jahrzehnte lang im Deutsch-Evangelischen Frauenbund in Bad Kreuznach und war 1923 bis 1932 dessen Vorsitzende. Sie setzte sich für die Emanzipation im Berufsleben der Frauen ein und kämpfte für öffentliche Ämter für Frauen. Sie selbst wurde 1919 Stadtverordnete für die Deutsch-Nationale Volkspartei. Helene Voigtländer übernahm auch die Fürsorge für Säuglinge und Kleinkinder sowie Vormundschaften.

Hildegard Schäfer  (1918-1995)  wuchs als Kind einer Kreuznacher Arbeiterfamilie auf. Sie weigerte sich als Kriegsgegnerin im Rüstungsbetrieb zu arbeiten. Darauf musste sie  als politischer Häftling  der Nationalsozialisten im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück Zwangsarbeit verrichten. Seit 1987 engagierte sie sich in der Lagergemeinschaft Ravensbrück – dem Verband der ehemaligen Gefangenen – in der Gedenkarbeit und gegen die Gefahr von Rechts. In dieser Funktion war Hildegard Schäfer auch als Zeitzeugin bei Unterrichtsbesuchen in Schulen sehr gefragt.  Ihre Lebensgeschichte wurde unter dem Titel „Wenn ich nicht mehr da bin, müsst ihr das machen“ 2003 von Loretta Walz verfilmt. Diese Straße wurde bereits vor einem Jahr eingeweiht.

Frauen und Journalismus: In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war dies noch eine große Ausnahme. Margot Pottlitzer-Strauß war eine aufstrebende Journalistin als die Nationalsozialisten ihrer Karriere ein jähes Ende bereiteten. Weil sie Jüdin war, musste der Oeffentliche Anzeiger sie am 1. Mai 1933 entlassen. Im Februar 19939 konnte sie nach England emigrieren, wo sie sich gemeinsam mit ihrem Mann für Flüchtlinge engagierte.

Mit der Bezeichnung „An der Lazarettkirche“ erinnert die  Stadt an die einstige Nutzung des Gebietes.  Als Kirche für die Kinderheilanstalt St. Elisabeth 1929 eingeweiht,  wurde das Gebäude im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht  in ein Lazarett umgewandelt  und danach von der US Army  als Kirche für das Hospital (Militärkrankenhaus) genutzt.

Drei Generationen waren in Bad Kreuznach als Badeärzte tätig: Dr. Carl Friedrich Engelmann (1807-1886) wurde 1862 der Titel „königlich preußischer Geheimer Sanitätsrat“ verliehen.  In einem Bilderbuch dokumentierte er für seine Kinder das Familienleben.  Sein Sohn Friedrich wollte in Bad Kreuznach ein Institut für Krebsforschung einrichten. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte dies.  Auch dessen Sohne wurden Ärzte, einer davon Badearzt in Bad Kreuznach.

Mit der Schneegansstraße gedenkt die Stadt drei Mitglieder einer prominenten Bad Kreuznacher Familie: Ferdinand Schneegans (1829 bis 1911) stiftete als Ölmüller und Gutsbesitzer das Friedhofsgelände an der Mannheimer Straße. Seine Enkelin Marianne Schneegans (1904-1997) arbeitete als Buchillustratorin für renommierte deutsche und schweizer Verlage. Johann Wilhelm Schneegans (1776 bis 1853) war Heimatforscher und von 1802 bis 1843 Superintendent der evangelisch-lutherischen Kirche.

Berti  Breuer-Weber (1911 bis 1989) erhielt ihre künstlerische Förderung am Lina-Hilger-Gymnasium in Bad Kreuznach. Sie ist eine Pionierin des deutschen Kindersachbuches. Ihre Büche wie „Das kleine Auto“ oder „Bär und Hase gehen in die Schule“ erschienen in Millionenauflage weltweit in 13 Sprachen.

 

Foto: Die Hans-Staab-Straße ist die Haupterschließungsachse des "Rheingrafenblicks".