Broschüre über Reklamevielfalt der einstigen jüdischen Geschäftswelt in Bad Kreuznach


Die Krisen der großen Politik haben die Kreuznacher früherer Tage so bewegt und fasziniert, dass sie sogar Stoff für die Firmenreklamen in den Kreuznacher Tageszeitungen lieferten „Die Orientfrage ist nicht so wichtig wie ein gut aussehender Stiefel“, warb das Schuhwarenhaus Heinrich Lieben 1909 im Oeffentlichen Anzeiger. Zu jenem Zeitpunkt war der osmanische Sultan  Abdülhamid (1842-1918) von der Nationalversammlung abgesetzt worden.

„Anzeigen sind spannende kulturhistorische Quellen, Anhand der Motivwahl und der Schmuckelemente lassen sich Rückschlüsse auf aktuelle gesellschaftliche, politische, soziale und kulturelle Begebenheiten ziehen und m Vergleich über mehrere Jahre auch über deren Veränderungen“, schreibt Oberbürgermeisterin Dr. Heike Kaster-Meurer in ihrem Vorwort  Dem Leser wird dabei Einblick in die Wirtschaftsgeschichte unserer Stadt gewährt. mit der Besonderheit, dass es sich dabei ausschließlich um jüdische Geschäftsleute handelt,

Der Autor der Broschüre, Martin, Senner fand bei seinen Recherchen zur Ausstellung „Integration und Ausgrenzung – 700 Jahre jüdische Geschichte in Bad Kreuznach“ (2002) über die bedeutende Rolle der jüdischen Kreuznacher im Wirtschaftsleben der aufblühenden Badestadt, reichhaltiges Material, das nicht alles in Ausstellung berücksichtigt werden konnte. Als eigene Dokumentation erinnert die Broschüre an namhafte und erfolgreiche Geschäftsleute. Drei Beispiele: Kommunion- und Konfirmationskleider gab es bis 1930 im Textilwarengeschäft der Gebrüder Rothschild zu kaufen, der Kreuznacher Kaufhauskönig Leopold Landau bot ab 1900 Mode in „15 großen Schaufenstern“ auf „3 Verkaufs-Etagen“. Die Knoblauchwürstchen von Isidor Meyer  wurden auch von der christlichen Kundschaft sehr geschätzt. Im Nationalsozialismus wurden viele jüdische Geschäfte („arisiert“, das heißt, die jüdischen Inhaber mussten verkaufen). Einige konnten emigrieren, viele andere wurden deportiert, starben in Konzentrationslagern bzw, gelten als verschollen.

Über die Reklame und Anzeigen der Kreuznacher Wirtschaft und des Stadtmarketings sind weitere Broschüren geplant“, kündigt Stadtarchivarin Franziska Blum-Gabelmann an.

 

Fotos: Anzeigen aus dem Oeffentlichen Anzeiger im Jahr 1909