Haus der Stadtgeschichte

PROJEKTE
Die Jahrmärkte Anfang der 1920er Jahre

Von Franziska Blum-Gabelmann


Bild: Auch das Wiesenzelt, das sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als wichtige Begegnungs-stätte auf dem Jahrmarkt etabliert hatte, stand 1920 nicht zur VerfügungFoto: Stadtarchiv Bad Kreuznach

Die Jahrmärkte 1914 bis 1919 waren in Folge des 1. Weltkrieges ausgefallen. 1920 war die Durchführung des Jahrmarkts für die Verwaltung kein Thema, es gab dringendere Probleme zu lösen. Dies wird deutlich, wenn man die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in diesem Jahr betrachtet:

Nach der Ratifizierung des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 wurde der Kriegszustand aufgehoben. Kreuznach liegt zu diesem Zeitpunkt im preußischen Rheinland, in der französisch besetzten Zone 3, die erst im Mai/Juni 1930 geräumt werden wird. Mit dem 10. Januar 1920 übernahm die Interalliierte Rheinlandkommission unter Führung des Generals Paul Tirard mit Sitz in Koblenz die Aufsicht und Verwaltung im besetzten Gebiet. Die deutsche Souveränität im Besatzungsgebiet ist stark eingeschränkt. Alle behördlichen Erlasse bedurften der Genehmigung der Interalliierten Rheinlandkommission in Koblenz.

Kreuznach ist 1920 durch Französisches Militär besetzt. Die Zahl der Einwohner lag am 8.10.1919 bei 25 179, 1920 bei ca. 26 000. Die Truppenstärke der Franzosen beträgt 2100 Mann, darunter befinden sich 200 Offiziere. Für diese wurden 12 Gebäude und diverse Grundstücke requiriert. Darunter die Pfingstwiese, von der 2/3 des gesamten Geländes requiriert sind: das Wiesenzelt, die Rennbahn, darüber hinaus wurden Soldatenheime und die Pferdestallungen eingerichtet.

Die Probleme aus dem Jahr 1919 waren die rapide zunehmende Geldentwertung, Gütermangel, die Hemmung der Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens durch Verteuerung der Produktionsmittel, Verteuerung der Waren, Anstieg der Löhne, Mangel an Rohstoffen, Kohlenmangel, Bekleidungsmangel, Wohnungsmangel, Brennstoffmangel, Anstieg der Arbeitslosigkeit u.a. durch Schließung der Glashütte, zunehmende Armut, die Rückkehr von Kriegsgefangenen, Wiedereingliederung etc. Das alles setzte sich 1920 fort. Hinzu kamen Streikwellen, im Januar die Metallarbeiter, im März Generalstreik gegen den Kapp Putsch, im April streikten die Küfer, Keller- und Bauarbeiter, im Mai die Schneidergehilfen, und die Asbestarbeiter bei Seitz, im Juni die Landwirtschaftsarbeiter und Friseure, im August die Metallarbeiter bei Seitz, im September die Bauhandwerker und Maurer, im Oktober das Fahrpersonal bei der elektrischen Eisen- und Vorstadtbahn.

Bild: Ausweiskarte für den Kauf  von Speisefett aus dem Jahr 1919.
Foto:
Stadtarchiv Bad Kreuznach

Die Maul- und Klauenseuche grassierte und erschwerte die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch. Manche Lebensmittel waren rationiert. Die Verteilung der Lebensmittel wurde überwacht. Aus Sicherheitsgründen war der Straßenkarneval bis einschließlich 1924 verboten, man fürchtete bürgerkriegs-artige Zustände.

Von Seiten der städtischen Verwaltung wird Anfang 1920 festgestellt, dass kein Jahrmarkt auf der Pfingstwiese abgehalten werden soll.[1]

Am 21. Juni 1920 informiert Bürgermeister Dr. Fischer dahingehend Polizeikommissar Euler. Dieser schreibt daraufhin, dass im Fachblatt Komet die Veröffentlichung mit dem Wortlaut erfolgt sei, dass: “der Kreuznacher Jahrmarkt in diesem Jahr nicht stattfindet“.[2]

Trotz Absage von Seiten der Verwaltung ignoriert der Kreuznacher Gastwirt Otto Witte ( siehe „Otto Witte: Mythomane und ambitionierter Geschäftsmann“ Seite   ff) die Entscheidung der städtischen Verwaltungsgremien. Was nun beginnt, ist ein Prozess, bei dem ausgehend von einem erkannten Bedürfnis (der Jahrmarkt), bestehender Hindernisse (Besatzung, Aussetzung des Jahrmarktes, Nachkriegszeit, Notzeit) mit Emotion und Agitation, Marketing, Werbung, politischer Arbeit, Suggestion, taktieren, Versprechungen, und Massenbeeinflussung eine Mobilisierung der Massen erfolgt, einschließlich der politischen Vertreter der Stadt. Dr. Michael Vesper nennt den Vorgang  „Der Witte –Putsch“.[3]

Witte gelingt es, von den französischen Militärbehörden die Durchführung des Jahrmarktes auf der Pfingstwiese zu erlangen. Seine Vorgehensweise wird knapp in einer Zeitungsanzeige wiedergegeben, die am 2. August erscheint: „Wie der Kreuznacher Jahrmarkt zu Stande kam. Nachdem die Stadt die Abhaltung des Jahrmarktes ablehnte, wandte sich der Verein der Schausteller an die hiesigen Bürger: weit über die Hälfte stimmte für die Abhaltung des Jahrmarktes durch den Verein. Es zirkulierte eine Liste mit mehreren 100 Unterschriften, dieselbe wurde an die franz. Behörde weitergeleitet. Die franz. Behörde verlangte darauf die Genehmigung resp. die Befürwortung seitens der Stadt. Daraufhin erklärten sich 21 Stadtverordnete, in der Annahme, die Unkosten seien höher wie die Einnahmen, für die Abhaltung des Jahrmarktes durch den Schaustellerverein. Auf Grund der bedingungslosen Unterschriften von 21 Stadtverordneten hat der stellv. Bürgermeister die Sache auch befürwortet. Darauf erteilte die franz. Behörde die Erlaubnis zur Abhaltung des Jahrmarktes und verlegt[!] das Exerzieren während dieser Zeit von der Wiese. (…) Der Verein der Schausteller, Händler und Musikvereine. Otto Witte.“

Am 3. August 1920 trat die Marktkommission zusammen, um über das von dem Schausteller Otto Witte vorbereitete Volksfest auf der Pfingstwiese zu sprechen. Einhellig ist die Meinung, dass eine würdige Feier des Jahrmarktes nicht machbar sei, da es der Bevölkerung an Mitteln und Stimmung für eine solche Festlichkeit fehle. Allerdings hält man es für zweckmäßig, die städtische Pfingstwiese als Vergnügungsplatz und Austragungsort zur Verfügung zu stellen - mit Rücksicht auf die Schausteller und deren Vorbereitungen, angesichts der günstigen Einstellung der französischen Militärbehörde und nicht zuletzt nach einem entsprechenden Votum der Stadtverordneten auf eine von Witte getätigte Rundfrage. Platzvergabe und die Einnahmen der Standgelder sollen bei der Stadt verbleiben. Entgegen anders lautender Meinungen war es nicht zu einem positiven Beschluss der Stadtverordnetenversammlung gekommen, einen Jahrmarkt auf der Pfingstwiese abzuhalten.[4] Die vermeintliche Zustimmung der Stadtverordneten bezieht sich wahrscheinlich auf die Unterschriftenliste Wittes, auf der 21 der 36 Stadtverordneten  für die Abhaltung eines Jahrmarktes zeichneten.[5]

Die Stadt nannte das Fest „Juxfest“, ein Begriff, der üblicherweise für Veranstaltungen benutzt wurde, an denen lokal ansässige Schausteller mit Fahrgeschäften beteiligt waren. Witte nennt das Fest zwar „Kreuznacher Jahrmarkt“, in der Berichterstattung der Presse wird es aber auch „Ersatzjahrmarkt“ genannt.

Peter Ruß legt in einem Artikel “Der Ersatz-Jahrmarkt in Kreuznach” seine Gedanken nieder: „ (… 1913, da gab es Brotwerscht un Krumbeere … Waffele und Mandele … e Weinche for 50 Peniig ,,,, Trumpetcher … Groschegeilcher … for 10 Pennig konnt mer domols wenn mer e Mädche hat – un wer vun uns Kreuznacher buwe hat uff em Johrmarkt kens gehatt? E mol Berg- und Talkaressel fahre, und for e Mark fuffzig e ganz nacht durchdanze… Das war einmal und wenn man in dieser wonnigen Märchenzeit seine Bilanz nach Markt zog, dann hatte man, wenn das Marktleben köstlich war, 100 Mark ausgegeben …… Heute zieht die Fata Morgana von 1913 durch unsere Herzen …. so leise verspürt man den köstlichen Geschmack des süßen Jahrmarktsnektars von damals, un (!) bitter .. enttäuscht …. krank am Herzen, krank am Beutel, den Schmerzensgang, für das Wachwerden all dieser still gewordenen Erinnerungen von damals anzutreten …. Eine schwere Zeit liegt zwischen damals und heute. Mancher gute biedre Kreuznacher wird grollend auf den Ersatzjahrmarkt 1920 blicken … er wird sich empören über die Entsittlichung unseres Völkchens an der Nahe auch in dieser Beziehung, weil man die Opfer draußen so schnell vergessen hat. … draußen …. ja schreckliche Erinnerungen …. die Not weckte sie …. das Schicksal … der Zerfall…Aber dennoch sollt Ihr der Jugend, die sich der Wiederkehr der guten alten Zeit, nur in einem anderen Gewande dem der Verarmung … der erzwungenen Fröhlichkeit …. Der Hypnose dieses Jahrmarktes freut, nicht böse sein, denn auch sie hat gelitten 6 lange Jahre.“.[6]

Der Redakteur Paul Meyer kommentierte: „Der Jahrmarkt hieß diesmal mit Recht Volksfest. Denn seinen Charakter als Markt hatte es verloren. Es gab gar nichts zu kaufen. Früher war jede Handelsbranche wohl mehr denn ein Dutzend Mal vertreten. (…) die einst so stattliche Reihe der Kaffee und Weinzelte war sozusagen auf ein Nichts zusammengegangen. (…) Die Zahl der Vergnügungsstätte konnte neben der der Tradition bestehen. (..…) man geht über den Markt und schaut. Ohne innere Wärme und Gefühl. Mayer schildert anschließend in abstrakten Bildern den Tanz auf dem Grab.[7]

Ein Aspekt des Marktes fehlte völlig, der Vieh- und Pferdemarkt, und auch der Krammarkt war kaum vertreten bzw. so mangelhaft besetzt, dass man nicht von einem Krammarkt sprechen konnte.

1921

Das Jahr 1921 rückt heran. Am 27. Januar 1921 gibt es in der Stadt 150 Arbeitslose, davon sind 70 Mann unterstützungsberechtigt. Am 6.4.1921 sind 230 Männer arbeitslos, unterstützungsberechtigt sind nur 75. Das Jahr 1921 ist wiederum von Streikwellen durchzogen: Februar und März Streik von Zigarettenarbeitern bei Gräff, im August, dem Jahrmarktsmonat, Aussperrung von 400 Seitz Arbeitern, im Oktober der Streik von Lederarbeitern bei den Lederwerken Rothe.

Bild oben: Witte wünschte sich einen Jahrmarkt wie zu Vorkriegszeiten (hier 1913) und setzte sich nach intensiven Bemühungen durch: Der Jahrmarkt 1921 fand als erster nach dem Krieg wieder statt!                   Foto: Stadtarchiv Bad Kreuznach

Wie im Jahr zuvor beschließt der Stadtrat zunächst, dass der Kreuznacher Jahrmarkt nicht stattfinden soll, und dass, wie im Jahr zuvor durch Protest erwirkt, keine private Ersatzveranstaltung genehmigt würde. Wieder kämpft Witte um die Durchführung des Jahrmarktes. Er schreibt an die Stadtverordneten und stellt fest: „dass der Beschluss im Gegensatz zu den Wünschen der gesamten Geschäftswelt Kreuznachs sowie auch der Schausteller & des Händlerstandes im allgemeinen„ steht.

Die Stadtverordneten Versammlung negiert erneut die Anfrage. Ein geplanter Lunapark, durchgeführt von einem Großunternehmer mit 10 Fahrgeschäften, von dessen Erlös ein Teil an die Kriegsbeschädigten gehen sollte, um eine Baugenossenschaft zu gründen, wurde abgelehnt.

Witte initiierte einen Protestbrief und organisiert im Vorfeld eine Bürgerversammlung am 7.7.1921. Es sollen über 400 bis 500 Menschen zugegen gewesen sein, überwiegend Kaufleute und Gewerbetreibende. Er ließ ein „Zufallsgremium“ beschließen, eine Dringlichkeitssitzung der Stadträte einberufen zu lassen.  Anwesende Stadtverordnete sprechen sich für die Abhaltung des Jahrmarktes aus. Andere anwesende Stadtverordnete beharren auf ihrem Standpunkt mit den Argumenten: dass der Jahrmarkt nicht im Umfange der Vorkriegsjahrmärkte abzuhalten sei, und dass der letzte Markt nicht an die Jahrmärkte der früheren Jahre herangereicht habe. Eine Verlegung auf die Theklawiese wurde angedacht aber verworfen, da dort weder Wasser, Elektrizität noch Anfuhrgelegenheiten vorhanden seien.  Ein alternativ zum Jahrmarkt stattfindender Lunapark wurde abgelehnt, da er dem historischen Kreuznacher Jahrmarkt entgegenarbeite. Mit dem Hinweis, dass die Versammlung keine Radauversammlung sei und dass der Jahrmarkt den Kreuznachern zustehe, wird einstimmig eine an die Stadtverwaltung zur richtende Entschließung angenommen.

Otto Witte lässt in seinem Namen im Öffentlichen Anzeiger verkünden, dass der Kreuznacher Jahrmarkt stattfindet und zwar vom 20. bis 25. August. Er würde einen größeren Umfang als im vorangegangenen Jahr haben, da sich eine größere Anzahl Verkaufsstände und Schaubuden angemeldeten hätten.

Die Eingabe des Schausteller Vereins an die Stadtverordneten auf Abhaltung des Jahrmarktes fand 21 Unterschriften von Stadtverordneten. Otto Witte sandte auch eine Eingabe an die Regierung in Koblenz. Eine Dringlichkeitssitzung der Stadtverordneten wurde einberufen, konnte aber nicht beschlussfähig abstimmen, weil zu wenig Stadtverordnete anwesend waren.

Während dieser Verhandlungen und Gespräche fand auf der Pfingstwiese ein „Grosser Kreuznacher Jahrmarktstrubel“ statt, ein „Großstadt-Lunapark“, der vom 17. Juli bis einschließlich 24. Juli 1921 ausgerichtet wurde. 50 % der Einnahmen dieser Veranstaltung (Eintrittsgelder) sollte der Wohlfahrtskasse des „Reichsbund der Kriegsgeschädigten und Hinterbliebenen Kreuznach“ zukommen. Trotz attraktivem Angebot, war der Lunapark schlecht besucht. Am 22.7. mussten sogar die meisten Schaubuden geschlossen bleiben, was der Reichsbund sehr bedauerte, der sich ein besseres Geschäft erhofft hatte.

Erst am 25.7.1921 wurde im Stadtrat der Entschluss gefasst, dass der Jahrmarkt doch stattfinden solle, sofern die Stadtverwaltung die Leitung selbst in der Hand hätte.

Witte hatte es mittlerweile geschafft, sich von der französischen Militärregierung die Erlaubnis geben zu lassen, dass wenn die Stadt den Jahrmarkt nicht durchführen würde, er einen Jahrmarkt organisieren würde.

Die Stadträte folgen der Meinung der Marktkommission, die sich schon im Mai für die Abhaltung des Jahrmarkts ausgesprochen hat, „da er ein eingewurzeltes weitbeliebtes Volksfest darstelle“.

Bild: Anzeigen von Schaustellern in der örtlichen Presse anlässlich des Jahrmarktes 1921.
Foto:
Stadtarchiv Bad Kreuznach
Bild: Anzeigen von Schaustellern in der örtlichen Presse anlässlich des Jahrmarktes 1921.
Foto:
Stadtarchiv Bad Kreuznach

Letztlich findet der Jahrmarkt vom 20.8. bis 23.08.1921 statt. Bei der Platzversteigerung Anfang August werden zugelassen: 2 Kaffeezelte, 2 Tanzzelte, 3 Schankzelte, 1 Karussell, 1 Tobbogan (Rutschbahn), der Zirkus Holzmüller, 1 Fliegerkarussell, 2 Rundkarussells, 2 Schiffschaukeln, 2 Schießbuden, 1 Photografiebude, 1 Radbude, 5 Schaubuden und 10 verschiedene kleine Buden und Stände, wie Kegelbahnen.  Der Ansturm auf den ersten offiziellen Jahrmarkt nach dem Krieg ist groß, eine „wahre Völkerwanderung ergoss sich“ auf die Pfingstwiese, so der Kommentar eines Jahrmarktsbesuchers. Das Wetter hält, und die Fahrgeschäfte, insbesondere die Rutschbahn zieht viele Interessenten an, ebenso wie das „Hundetheater“ und die „Zwerge“.

Auch die Riesendame ist wieder da, für manchen Besucher ein nostalgisches Wiedersehen nach dem Krieg. Die Verkaufsstände mit Schuhen und anderen nützlichen Dingen müssen sich um Andrang nicht sorgen – um das leibliche Wohl kümmern sich die Tanz-, Kaffee- und Schankzelte. Weit übertroffen werden die Erwartungen der Aussteller, die, so der Kommentator, wie alle anderen Bevölkerungsgruppen auch „schwer um ihre Existenz zu ringen haben“. Am Dienstag findet erstmals wieder ein Vieh- und Pferdemarkt statt.

1922

Der Kreuznacher Jahrmarkt findet statt, desgleichen der Pferde- und Rindviehmarkt. Auch 1922 ist die wirtschaftliche Situation prekär. In Kreuznach lebten 26300 Einwohner.

Wegen des gesunkenen Geldwertes wird den Taxen für den Jahrmarkt „das 40fache der Taxe von 1911“ zugrunde gelegt. Der Andrang der Schausteller bei der Platzversteigerung zum Jahrmarkt, ist groß. 1922 sind dabei 3 Karussells, darunter ein Dampfkarussell, 1 Radbude, 2 Schiffschaukeln, 2 Schießbuden, und diverse Schaubuden. Sensationell: eine Raubtiergroßschau mit einem 1000 Menschen fassendes Riesenzelt. Zu sehen sind dort 60 verschiedene Tiergattungen, „Löwen, Tiger, Eisbären, Strauße, Baribal- und Landriesenbären, Lamas, braune und schwarze Kragen- und Grislybären, Kängurus, Stiere und Büffel, Antilopen und Gazellen, Schlangen, Affen, Papageien, Makis usw.“. In der Zeitungsannonce teilt der Zirkus Holzmüller & Fischer mit, dass Pferde zum Schlachten, Kadaverfleisch zum Füttern der Raubtiere, wie Kaninchen und Tauben, angekauft werden. Wer einen Affen oder ein Papagei besitzen will, kann dieses Tier gleich kaufen. Des weiteren locken Taucherbude, Zauberschloss und Varieteetheater. In letzterem präsentiert ein Mundkünstler seine Fertigkeiten. Besondere Faszination übt das Autokarussell aus. Hier kann der Fahrer, ob Familienvater oder Kind, „sausen“, ohne Führerschein und ohne Geschwindigkeitsbeschränkung. Als Hauptattraktionen des Jahrmarkts gelten die Rutschbahn und die Raubtierschau. Die beliebtesten Lieder und Schlager sind „Ich bete an die Macht der Liebe“ und „Wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht …“. Damit die Sensationen auch von den Kreuznacher Stadtbediensteten besucht werden können, regt die Finanzkommission an, die Büros Montagmittag zu schließen, wenn später die verlorene Arbeitszeit nachgeholt wird (siehe Bild nächste Seite).

1923

Die politische und wirtschaftliche Lage verschlechtert sich. Es erfolgen die Besetzung des Ruhrgebietes und Sanktionen der Interalliierten Rheinland-kommission: Der Bahnverkehr wurde unterbunden, Fabriken besetzt, Güter beschlagnahmt, Ausweisungen, Kohlemangel. Separatistische Bewegung verschärfte sich. Es kam zu einer Hyperinflation und einer Art kollektivem Trauma, die Arbeitslosenzahlen stiegen in die Höhe, Massenverelendung war die Folge. Die Finanzkommission beschließt mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse der Stadtverordnetenversammlung vorzuschlagen, den Jahrmarkt in diesem Jahr nicht abzuhalten. Diese folgt dem Vorschlag und beschließt ihrerseits einstimmig, den Jahrmarkt nicht abzuhalten. Der Öffentliche Anzeiger gibt das Wesentliche der Stadtratssitzung wieder: Bürgermeister: „Die augenblicklichen Verhältnisse in Deutschland gestatten dieses Jahr nicht die Abhaltung des Jahrmarkts, zudem es auch zu schwierig sein würde, der Bevölkerung die erwarteten Vergnügungen zu gewähren.“ Dr. Capallo: „Das Zentrum ist mit dem Ausfall des Jahrmarkts einverstanden.“ Weil: „Auch die Demokratische Fraktion kann dem Jahrmarkt dieses Jahr nicht zustimmen.“ Dittmar: „Auch die Deutschnationale Fraktion wünscht den Ausfall des Jahrmarkts.“ Espenschied: „Ebenso die Kommunistische Fraktion.“ Kallfelz: „In gleicher Weise die Deutsche Volkspartei.“ Stadtverordneter Dietrich (KPD) warf ein, damit „die vielen kleinen Leute, die durch den Jahrmarkt eine Einnahme hatten, etwas verdienen können, wird vielleicht für die Jahrmarktstage ein Juxplatz erlaubt.“ „Dieses“, so der Bürgermeister „ist vorgesehen.“

Bild: 1922 erfolgte erst-mals eine Arbeits-zeitregelung. die den  Besuch des Jahr-marktes ermöglichte. Sie galt damals nur für Stadtbedienstete, ist aber zwischen-zeitlich Tradition für viele Behörden aber auch zahlreiche Privatbetriebe geworden.
Foto:
Stadtarchiv Bad Kreuznach

1924

Im Jahr 1924 stabilisiert sich langsam die Lage, die sogenannten „Goldenen Zwanziger“ brachen an. 1924 gab es wieder einen Jahrmarkt. Damit setzt eine kontinuierliche Ausrichtung des Jahrmarktes bis 1938 ein, die mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 erneut ein Ende findet.



[1] StAKH 728

[2] StAKH 728.

[3] Michaeal Vesper, 1920-1922: Der Witte-Putsch-Kampf für den Jahrmarkt, in: 200 Jahre Jahrmarkt Bad Kreuznach. Geschichte und Geschichten, (Hrsg. Stadt Bad Kreuznach). Bad Kreuznach 2010, S. 72-89.

[4] StAKH 2583; Vgl. 1920 22.08.-25.08. Kein Jahrmarkt, aber Juxfest des Volkes, in: 200 Jahre Jahrmarkt Bad Kreuznach. Geschichte und Geschichte. Hrsg. Stadt Bad Kreuznach. Bad Kreuznach 2010, S. 81.

[5] In den Stadtratsprotokollen der Monate Juni, Juli und August 1920 sind keine Einträge über Beschlüsse zu finden, die bestätigen, dass die Stadtverordneten der Ausübung eines Jahrmarktes zugestimmt haben. Desgleichen sind die erwähnten Unterschriftenlisten im Stadtarchiv nicht überliefert.

[6] OeA 21.8.1920.

[7] GA 25.8.1920; Paul Mayer war Redakteur. Am 4.8.1921 taucht sein Name im Öffentlichen Anzeiger auf, er wird dort als Schriftleiter a.D. genannt.