Haus der Stadtgeschichte

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Post aus England -Arnim Friess schreibt für Corona-Tagebuch

Brexit-Boris-Covid - not the same procedure as every year ...


Geboren ist er in Bad Kreuznach. „Meine Eltern sind die ehemaligen Juweliere Friess. Ich stamme aus einer alteingesessenen Familie aus Wein- und später Juwelenhändlern. Ein Großonkel ist der Baumeister Henkel, Entdecker des Römerfußbodenmosaiks“, schreibt er. An seine Geburtsstadt hat er noch folgende besondere Erinnerungen: an die Zeit in der Grundschule Kleiststraße, der Unterricht bei Frau Klepzig, die heute noch im Pauluskirchen- Chor singt, an das Gymnasium an der Stadtmauer, wo er 1994 sein Abitur 1984 machte. „Zu der Zeit habe ich auch leidenschaftlich im KHC gefochten“.

 Dann folgte das Studium Grafik Design an der FH Wiesbaden, das er aber abbrach, um bei der MRZ in Mainz zu arbeiten. Über seine aktuelle Situation in England weiß Arnim Friess derzeit leider nicht viel Gutes zu berichten. Für das Corona-Tagebuch im Haus der Stadtgeschichte schreibt er wie folgt:

 „Wir wollten hier eigentlich alt werden. Hier - das ist England, genauer gesagt Leamington Spa, wo für einen Ex-Bad Kreuznacher alles ein bißchen ähnlich ist: Ein altes, viktorianisches Bad, Salinenwasser, ein Fluss fließt durch einen schönen Park, das ehemalige Kurhaus ist jetzt die Bücherei. Vor fast 27 Jahren haben wir den Neuanfang gewagt, folgten unserer Freude an allem Englischen, meine Frau wurde Kinderarzt im staatlichen Gesundheitssystem, ich verwandelte eine Begeisterung für Licht vom Fotografieren zur Bühne in 150 Theater-, Oper- und Musical-Produktionen als Lightdesigner. Ich habe zwei Töchter, die zwar deutsche Pässe haben, sich aber wie englische Girls fühlen und benehmen.

 Für uns war klar Auch die nächste Periode unseres Lebens sollte in unserer Wahlheimat stattfinden, vielleicht im schönen Devon oder Cornwall, an der Küste. Als Europäer kein Problem. Dann kam Brexit. Ein Schock, aber wir dachten - das wird schon. 3.5 Millionen Europäer leben in England - die kann man nicht einfach über Nacht loswerden. Dann kam Boris. Der Brexit Lautsprecher, früher als Polit-clown verlacht, hatte seine Ambitionen erfüllt - Primeminister. Und der Ton veränderte sich. Versprechungen wurden widerrufen und man dachte - dem kann man nicht trauen. Und dann: Covid 19. Die Theater bleiben zu, und haben nicht die Subventionen wie in Deutschland, das Gesundheitssystem überlastet, und seit dem Finanzcrash unterfinanziert. Der Polit-Clown und sein Zirkus aus Ministern stellt sich heraus als das, was wir immer vermuteten: Unfähig die ernste Krise zu managen, und die höchste Todeszahl in Europe ist die Folge. Wir erkennen nicht mehr das Land unserer Jugendträume, und langsam stellt sich der Gedanke ein: Alt wollen wir hier wohl nicht mehr werden.“

Gez. Arnim Friess, 3. Juli 2020

 Foto: Teilnahme an „nightoflight“ als einer der wenigen lighting designer in England mit einem Disco-Gartenhaus - die deutsche Aktion fand hier kaum Anklang, auch ein Zeichen, das sich England vom Europäischen Gedanken abnabelt, bedauert Arnim Friess.