Haus der Stadtgeschichte

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Erfahrungsbericht von Pitt Elben - Corona-Tagebuch

KLARA ist mehr als nur eine Einkaufshilfe


Für eine Stammkundin, die ihre Bestellung telefonisch durchgab, haben wir Gemüse auf dem Wochenmarkt besorgt: Salat, Äpfel, Kartoffeln, Eier. Gerne leisten wir für Stammkunden auch Vorkasse. D er Radweg entlang der Mannheimer Straße führt beständig bergan. Kein Problem für unser E-Bike. In einem Supermarkt soll ich weitere Lebensmittel einkaufen. Das klappt gut, wenn ich die Produkte kenne. Aber Debreciner? Klingt nach Würstchen, sind auch welche. Frage nach, aber alle Mitarbeiter sind mit Einräumen beschäftigt. Also brauche ich mehr Zeit als gedacht. Wo steht Gries? Da sollte er sein –doch der Regalplatz ist leer. Eine halbe Stunde später stehe ich mit einem Rucksack und einem geflochtenen Korb vor dem kleinen Reihenhaus von Frau B , die mich schon erwartet mit Klappkisten. Gemeinsam füllen wir alles um. Erzählen vom Einkauf; sie ist zufrieden, auch wenn manches fehlt. Klar rundet sie den Betrag auf–für Klara: „Wir sind Ihnen ja so dankbar.“

Dann eine Adresse im Weyroth. Eine Kundin, die KLARA noch nie genutzt hat. Einfachweil der Weg zum Markt für sie zu beschwerlich sein mag. Eine bescheidene Wohnung in einem großen Mietshaus. Ein älteres Paar, etwa Ende Siebzig, erwartet mich im zweiten Stock. Vor der Wohnungstür nehme ich Einkaufszettel und Geld entgegen. Der Zettel ist handschriftlich ausgefüllt, fein säuberlich –und doch muss ich nachfragen. Ja, das Klopapier wäre am wichtigsten sie haben weniger als eine Rolle. Und auch Nudeln ist dick unterstrichen. Im Supermarktvorhingab es kein Klopapier mehr, sogar Salz war ausverkauft. Also fahr ich zum Markt am Kreisel, aber auch da ist das Regal mit Klopapier leer. „Max. 2 Packungen!!!“ ist da zu lesen. Immerhin gibt es alles andere

Eine Mitarbeiterin hilft mir, auch ausgefallene Artikel zu finden. Die Schlange vor der Kasse ist lang, ich brauche Geduld. Als ich dran bin, nickt mir die Kassiererin so freundlich zu, dass ich Mut fasse: Ich kaufe für ein älteres Paar ein, die kein Klopapier mehr haben. Sie zwinkert mir zu: Einen Augenblick bitte. Dann steht sie auf, geht zum Büro und ist wenig später mit zwei Doppelrollen Ja-Klopapier zurück. Sofort ereifert sich jemand hinter mir: Da brauch’ ich auch von! Die Kassiererin reagiert souverän, mit einer Finte: Tut mir leid. Der Herr hat’s vorbestellt. Für mich eine Heldin des Alltags, die Frau an der Kasse! Das Paar im Weyroth ist froh, dass ich vor allem beim Klopapier erfolgreich war. Die ältere Dame gibt mir fünf Euro für die Klara-Spendenkasse. Das ist doch viel zu viel, wende ich ein. Aber sie lächelt, winkt und schließt die Tür.

Dritte Adresse, in der Ringstraße. Eine Seniorin, die alleine lebt, lässt vom Balkon ihrer kleinen Mietwohnung einen Korb herunter mit Einkaufsliste und Geldbörse. Können Sie’s lesen? Klar, bei dieser gestochenen Schrift. Würden Sie mir es nachher auch hochbringen? Sie habe schweres Asthma, und das ist hörbar. Milch, Käse, Mandarinen, Margarine, Quark, Plätzchen, Sprudel: Ähnlich wie bei dem Paar vorhin kein einziger Luxusartikel. Dass ich diesmal alle Warenbekomme, freut mich. Und auch Frau W. ist sehr dankbar. An ihrer Wohnungstür gerät sie ins Erzählen –und ich höre zu. Von Kindern, die weit wegwohnen, sich nicht kümmern können. Von ihrer Sorge, es irgendwann nicht mehr alleine zu schaffen zum Einkauf, zum Arzt. Und ich merke, KLARAa wird für einige mehr bedeuten als eine bloße Einkaufshilfe in Corona-Zeiten.

12. Mai 2020

Foto: Pitt Elben (rechts) und seinen Kollegen vom KLARA-Team