Haus der Stadtgeschichte

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Marita Peil schreibt für das Corona-Tagebuch

Ich mag „meine“ jungen Leutchen und meinen Job sehr


Am frühen Nachmittag des 11. März kommt ganz überraschend der Anruf meiner Nachhilfeschülerin Sarah (Foto). Ihre Schule, das Gymnasium am Römerkastell, wo sie die 11. Klasse besucht, wurde von jetzt auf gleich geschlossen. Der Grund: Ein Schulkamerad aus der Parallelklasse hatte sich mit dem Corona-Virus infiziert. „Ich muss jetzt erst mal zwei Wochen in Quarantäne“, berichtet Sarah. An ihrer Stimme merke ich, dass sie schon ein wenig Angst hat, selbst infiziert zu sein, denn sie hatte ja Kontakt zu dem betreffenden Jungen.

Ich bin ebenfalls erschrocken, lasse mir aber nichts anmerken, sondern tröste sie damit, dass sie sich ja nicht zwangsläufig auch angesteckt haben muss. Ich rate ihr, genau zu beobachten und sich ggf. testen zu lassen. Sarah geht gerne zur Schule. „Die fällt jetzt erst mal aus“, bedauert sie, „und zu Ihnen kann ich dann nicht mehr kommen. Vielleicht fangen wir erst nach den Osterferien wieder an.“

Na gut denke ich, dann ist es ebenso. Die Gesundheit geht vor. Ihren Ballettunterricht kann sie natürlich ebenfalls vergessen – bis auf weiteres. Ich werde Sarah sehr vermissen, aber irgendwann kommt sie ja wieder, wenn sie gesund bleibt!

Der nächste Anruf kommt von Arda. Auch die Nachbarschule des Röka, die IGS Sophie Sondhelm, muss ihre Pforten schließen. „Hurra, keine Schule“, jubelt Arda am Telefon, „jetzt kann ich den ganzen Tag zocken!“ Zögernd fragt er an, ob er zu mir kommen muss. „Mit Sicherheit nicht, erwidere ich. Gruß an Deine Eltern und bleib gesund.“

Die beiden Telefonate haben mich erschüttert. Ich mag „meine“ jungen Leutchen und meinen Job sehr. Und nun kommen die Corona-Ferien, auf unbestimmte Zeit. Sehr traurig.

Unter dem Datum Montag, 4. Mai, schreibt sie:

Sarah ist zurück, die Oberstufe des Röka hat den Unterricht wieder aufgenommen. Obwohl sie mich während der Coronaferien schon mal angerufen hat und ich in den sieben Wochen ganz gewiss keine Langeweile hatte, bin ich sehr glücklich, dass sie wieder da ist“

Natürlich gelten bei mir strenge Hygieneregeln; Ohne Maske dürfte Sarah mein Haus nicht betreten. Sie hat aber eine dabei und legt sie noch auf der Straße an. Es folgen Händewaschen und Desinfektion. Dann beginnt der Unterricht – mit 1,70 m Abstand. Es ist Einzelunterricht. Natürlich muss ich auch eine Maske anlegen, sehr unangenehm, zumal die Brille dauerbeschlagen ist. Egal! Arbeit ist ein Privileg!

Mein zweiter Schüler heißt Kemina und besucht die 4. Klasse. Er ist ein goldiger Ägypterjunge, aber er hasst die Maske. Sie ist bei aber Pflicht. „Denk an deine – und meine Gesundheit“, tröste ich ihn, „Es werden wieder bessere Zeiten kommen.“

In der Schule hat er das Thema Gedichte. Ich erkläre ihm die Begriffe Vers, Strophe, Paarreim, Kreuzreim, Metrum und schreibe ihm alles mit Beispielen auf.

 Tagebuch-Eintrag, 8. Mai:

Schon vor dem Ende der erzwungenen Ferien habe ich mir vorgenommen, nur Sarah, Kemina und eine Achtklässlerin der Crucenia-Realschule plus, Silvana, zu unterrichten.

Obwohl ich Arda sehr gerne mag, werde ich mich von ihm verabschieden. Er lernt sehr ungern, bleibt bei jeder sich bietenden (oder erfundenen) Gelegenheit der Schule und dem Unterricht fern und verweigert permanent die Leistung. Deswegen hatte ich mit den Eltern schon vor Corona endlose Diskussionen.

Heute überrascht mich Kemina mit der Botschaft, er müsse die verhasste Maske 35 Jahre lang tragen, weil es dann erst einen Impfstoff gegen Corona gäbe. Richtig niedergeschlagen ist er.

Ich lache und frage ihn, woher er diese Weisheit habe, und prompt kam die Antwort: „Aus dem Internet“. Na klar, woher auch sonst.

Ich erkläre dem Jungen, dass die Wissenschaftler fieberhaft an einer Entwicklung von Impfstoffen arbeiten und dass zur Zeit nicht gesagt werden kann, wann er kommt – Er ist erst mal zufrieden.

 Gez. Marita Peil,  21.Mai 2020