Haus der Stadtgeschichte

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Jugendreporter von "Jugend stärken im QuarTier" schreiben für das Corona-tagrebuch

Die Sehnsucht nach der alltäglichen Freiheit


Kurz bevor die Schulen geschlossen wurden, wollten wir uns auf die Klassenarbeiten vorbereiten. Wir wollten eigentlich mit dem Lernen anfangen. Wenn wir nicht lernten, waren wir entweder mit unseren Familien unterwegs, trafen Freunde oder interviewten für unser Projekt Jugendreporter berühmte Menschen aus Bad Kreuznach. Das letzte Interview, das wir live führten, was mit der Oberbürgermeisterin und hatte richtig viel Spaß gemacht. Schon auf dem Weg zu dem Interview mit ihr bekamen wir die Nachricht, dass unsere Schulen für einige Tage geschlossen werden, weil ein Schüler vielleicht Corona hat.

Ein paar Tage war das ok, das hat uns sogar gefreut, weil ein paar Tage ohne Schule doch gar nicht so schlecht sind. Das haben wir an dem Tag auch der Oberbürgermeisterin erzählt, aber sie fand das nicht so lustig und meinte, dass wir die Krankheit ernstnehmen sollen und nicht darüber freuen sollen, dass jemand krank ist. Eigentlich hatte sie Recht, aber wir wussten ja noch nicht, wie gefährlich die Krankheit ist und was alles passieren kann. Innerhalb von ein paar Tagen hatten wir dann die Info, dass die Schulen wochenlang zu sein werden. Da haben wir gemerkt, dass es richtig ernst sein muss, sonst macht doch die Regierung die Schulen so lange nicht zu. Dann kam auch schnell die Info, dass wir uns nicht mehr in Gruppen treffen sollen, am besten daheim bleiben sollen und Abstand zu anderen halten müssen. Das kennen wir alles nicht. Und irgendwie bekamen wir Angst. Wir haben schon Angst, dass unseren Eltern oder Großeltern etwas passiert. Wir telefonieren auch viel mit den Großeltern oder älteren Verwandten, die in der Türkei leben und fragen, ob es ihnen gut geht.

Unser Leben hat sich von einem Tag auf den anderen komplett verändert. Der Schlafrhythmus ist nicht mehr der gleiche. Wir können später schlafen gehen, später aufwachen. Wir bekommen zwar total viele Hausaufgaben, fast schon zu viel, aber wenn die Schule so lange zuhat, dann hat man manchmal wirklich nicht die Motivation so viel zu lernen. Freunde sollen wir auch nicht mehr treffen, zum Glück haben wir alle einen Garten und können raus und dort spielen. Aber durch das viele Netflix schauen und zu Hause sitzen, essen wir mehr als früher. Das heißt, unsere Mütter müssen mehr für uns kochenJ Dabei gehen sie auch noch arbeiten, weil ihre Jobs „systemrelevant“ sind. Vieles ist jetzt anders, dadurch dass wir so viel zuhause sind, merken wir auch, wie schön es sein kann, so viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Aber gleichzeitig merken wir auch, dass es manchmal zu viel wird und wir unsere Freunde, Cousins und sogar Schule vermissen. Das ist wirklich so, dass wir die Schule vermissen, nicht die Prüfungen und vielen Hausaufgaben, aber das Miteinander, das Abhängen mit den anderen und die Witze und das gemeinsame Lachen und auch ein bisschen den geregelten Tagesablauf.

Auch in die Stadt zu gehen, einzukaufen, Schaufenster schauen oder ins Kino oder Café gehen, alles, was früher normal war und jetzt unerreichbar wirkt. Jetzt merken wir, wie toll das alles war, was wir als selbstverständlich gesehen haben. Die Hobbys und die Freizeitaktivitäten! Die einzige Freizeitaktivität neben Netflix und mit Freunden chatten, ist unser Projekt „Jugendreporter“. Unsere Projektleitung, Seren, führt die Interviews mit uns jetzt digital durch. Wir treffen die Interviewpartner jetzt digital per Skype. Am Anfang war das total ungewohnt und bei jedem Interview ist man ja auch ein bisschen nervös. Aber jetzt haben wir uns daran gewöhnt. Wir fragen unsere Interviewpartner auch immer, wie sie Corona erleben, wie sie die Zeit zuhause verbringen und bekommen auch viele Tipps dazu, wir merken dann, dass Jugendliche und Erwachsene das Ganze gar nicht so unterschiedlich erleben. Viele der erwachsenen Interviewpartner scheinen genauso viel netflix zu schauen wie wirJ Letztens haben wir einen Politiker aus dem Stadtrat hier interviewt und auch danach gefragt, wie die Hilfen, die der Staat jetzt anbietet, denn finanziert werden.

Eine andere Interviewpartnerin, die sich sehr für Geflüchtete engagiert, haben wir fragen können, wie sie ihre Zeit zuhause verbringt und sie hat uns Tipps für netflix Serien gegeben, die wir noch nicht kannten. Das Tolle an unserem Projekt und den vielen Menschen, denen wir so begegnen, ist, dass wir super viel lernen. Wir können viele Fragen stellen und es ist super interessant zu erfahren, wie andere Menschen so leben und ihren Alltag verbringen und welche Tipps sie uns für die jetzige Zeit mitgeben. Auch sind alle unsere bisherigen Interviewpartner uns gegenüber sehr herzlich, das freut uns auch immer sehr. Was auch cool an dem Projekt ist, dass wir dadurch voll oft in der Zeitung gewesen sind. Viele unserer Interviews wurden veröffentlicht, mit Fotos von uns und unsere Verwandten und Freunde sind richtig stolz auf unsJ

Wir freuen uns aber auch auf die Zeit, wenn Corona hoffentlich nicht mehr so gefährlich ist und wir den Menschen wieder persönlich begegnen dürfen. Es gibt viel, das wir vermissen: Essen gehen, Freunde draußen treffen, in die Schule gehen, Verwandte besuchen und vieles mehr. Aber gleichzeitig merken wir auch, dass wir noch ein bisschen Geduld brauchen und die Welt sich total verändert! Zwei von uns wollen im Bereich Soziales arbeiten, das hat sich jetzt nochmal gezeigt, denn wir wollen gerne helfen und wenn wir im Fernsehen sehen, wie jetzt viele anderen helfen, wissen wir, dass das zu uns passt. Wir wünschen uns und eigentlichen allen Menschen, dass wir gesund aus der Krise rauskommen, dass nicht zu viele Menschen sterben müssen und die Welt ein Stück weit wieder so sein kann wie davor!

Gez. Azad, Fatmagül und Delal, 6. Mai 2020