September 1914: Heldentum und Tod - Begeisterung und schleichende Ernüchterung

© Stadrarchiv: Otto Hersing, Ehrung Eisernes Kreuz - MS Otto Hersing

Kaum einen Monat nach Ausbruch des Krieges stirbt am 31. August in Kreuznach der im Krieg bei Nancy verwundete Gustav Niemeier im Reservelazarett II Franziskastift. Mit ihm, der am 1. September auf dem Kreuznacher Friedhof bestattet wird, wird der Kriegstod in Kreuznach manifest. Obschon Niemeier kein Kreuznacher ist, wird er im Beisein von Vereinsmitgliedern und der Fahne des Wehr- und Krieger-Vereins Kreuznach beigesetzt. Bei Todesfällen von Verwundeten, die in den verschiedenen Lazaretten in Kreuznach lagen, so die Planung der Kriegervereine, sollte abwechselnd die Fahne eines der Kriegervereine anwesend sein, ein wesentlicher Satzungsbestandteil aller Kriegervereine.

 

© Stadrarchiv: Todesanzeige Oeffentlicher Aneiger 02.09.1914 NiemeierIm Lauf des Monats September gingen immer mehr Meldungen über verwundete, vermisste oder getötete Soldaten ein. In den verschiedenen Tageszeitungen der Stadt wurden Auszüge der amtlichen Verlustlisten abgedruckt, die dem Verbreitungsradius der Zeitungen entsprachen. Die „Deutschen Verlustlisten“ aller amtlichen Verlustmeldungen von Heer und Marine konnten als besondere Zeitung bei allen Reichspostanstalten vierteljährlich, zweimonatlich oder einmonatlich gegen einen Geldbetrag bezogen werden. Als die Verlustlisten immer umfangreicher wurden, legte der Turnverein Kreuznach ab 8. September die amtlichen Verlustlisten alphabetisch und nach Regimentern geordnet bei dem Mitglied Valentin Gretsch aus. Amtliche Kriegsnachrichten werden vom 8. September an täglich zweimal an den Postgebäuden vormittags und nachmittags ausgehängt.

© Stadrarchiv: Todesanzeige Kr.Ztg 05.09.1914, MackDer erste getötete Kreuznacher Soldat, der am 6. September auf dem Friedhof in Kreuznach unter sehr großer Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt wurde, ist Karl Mack gewesen. „Ein junger Mensch“, so die lokale Berichterstattung, „ der fünf Wochen vorher in idealer Begeisterung dem Rufe seines Königs folgte“  und nun „als Held gefallen im Kampf auf der Totenbahre lag“. Auch er wird im Beisein Kreuznacher Kriegervereine und des Landsturmbataillons unter militärischen Ehrenbezeugungen beerdigt. Manch ein Kreuznacher, so wie im Tagebuch des Lehrers Karl Heinrich Emil Weirich (1868-1963) nachzulesen, wird nachdenklich, insbesondere als dieser von dem Tod seines ehemaligen Schülers  Reinhard Messer erfährt, andere sind im Angesicht des Toten und der vielen Verletzten, die den Kreuznacher Lazaretten überwiesen werden, betroffen und beginnen an einem schnellen Sieg zu zweifeln. Wieder andere, wie in der Pressemeldung zum Kriegsschicksal des Kreuznacher Kurtheaters zu lesen, hängen der Hoffnung auf einen baldigen Sieg nach und äußern die Hoffnung, dass wenn „im nächsten Sommer, unsere Waffen in Ehren ruhen, wieder Aufführungen zu sehen sein werden“.

Während der Kreuznacher Turnverein, der  120 Mitglieder unter der Fahne stehen hat, die nicht eingezogenen Jugendlichen und Männer auffordert, sich für den Krieg fit zu machen, die Jugend in einer Jugendwehr eine Art Grundausbildung erfährt, erhöhen sich die Arbeitslosenzahlen gegen Ende des Monats auf ca. 800, davon ca. 600 männliche und ca. 200 weibliche. Für die  städtische Volksküche werden vom Wohlfahrtamt Scheine für Arbeitslose ausgegeben, um diesen eine kostenfreie nahrhafte Mahlzeit verabreichen zu können.  Der Nationale Frauenverein, ein Zusammenschluss von 26 konfessionellen Wohltätigkeitsvereinen, Wohlfahrts- und Bildungsvereinen, bietet im Büro für Stadthilfe seinen kostenlosen Dienst an. In regelmäßigen Abständen erfolgen Aufrufe zur Hilfeleistung für die Notleidenden der Stadt, verschiedene Vereine, wie Fußball- oder Gesangvereine, veranstalten oder © Stadrarchiv: Liebesgaben MS GHQ2-3planen Benefizveranstaltungen. „Liebesgaben“ an Soldaten konnten an den Sammelstellen, in der Volksschule in der Mainzer Straße und im Landratsamt, abgegeben werden. Geschäfte bieten Feldpostbriefe mit Inhalt wie Schokolade oder Zigaretten bis zu 250g an. Angehörige und Verlobte können verwundete Soldaten in mehr als 50 km entfernten Lazaretten mit der Reichsbahn zum halben Preis besuchen. Während die Glashütte noch immer ihre Pforten geschlossen hält, erholt sich die zunächst stark beeinträchtigte Lederindustrie, die auf ausländische Häute angewiesen war, insbesondere die Firma Karl Ackva, die sogar Sattler auf Militärarbeit und Stepper oder Stepperinnen sucht. Der Kurbetrieb bricht praktisch zusammen. Trotzdem inseriert Hugo Richter auf Schloss Rheingrafenstein, dass es täglich frischen Kuchen in großer Auswahl gibt und auch die Promenadenwege an den Abhängen der Berge bei Bad Münster am Stein werden wieder für den allgemeinen Verkehr freigegeben. In der Presse wird derweil gegen alles Französische gewettert; sei es den Gebrauch der französischen Sprache in der Öffentlichkeit, das Tragen französischer Couture, wobei die Frauen mit der Aufforderung „legt die frivolen welschen Modewarenkleider ab“ konfrontiert werden, oder Namensbezeichnungen von Gaststätten oder Clubs. Im Hotel Dheil-Schmidt soll ein Vereinslazarett des Roten Kreuzes eingerichtet werden, im Hotel Recknagel ein Vereinslazarett des Vaterländischen Frauenvereins mit 60 Betten. Das Reservelazarett II St. Marienwörth benötigt noch 100 Bettstellen mit der dazugehörigen Bettwäsche. Die Verwundetentransporte nach Kreuznach häufen sich. Am 16. September wird gemeldet, dass erneut 210 Verwundete angekommen sind, und bei Does ist es möglich Informationen über den Kriegsschauplätze in Form einer kinematografischen Berichterstattung beizuwohnen. Derweil wird um das Zeichnen von Kriegsanleihen gebeten, was in großer Zahl von der Kreuznacher Bevölkerung befolgt wird.

Gegen Ende des Monats häufen sich die Todesanzeigen. Der Kriegstod bleibt als Heldentod verklärt und bis zum Ende des Krieges ein Weggefährte der Kreuznacher. Waren Riemeier und Mack noch in einem ritualisierten, traditionellen Rahmen zur letzten Ruhe gebettet worden, ereilte die anderen Getöteten  das Schicksal, nicht in heimischer sondern in fremder Erde begraben zu sein. Die Familie musste trauern, ohne dass es einen Leichnam gegeben hätte, der vor Ort in einem Grab hätte bestattet werden können.  Das galt für den noch am 8. September  in den Verlustlisten als vermisst erwähnte,  und 1894 in Kreuznach geborenen Martin Reininger, der auf dem kleinen Kreuzer S.M.S Cöln diente. Am 28. August 1914 wurde das Schiff in ein Seegefecht bei Helgoland verwickelt und sank, wobei er  sein Leben verlor und ein „nasses Grab“ fand, was bedeutete, dass  seine Ruhestätte das Meer war. In der Nähe der Schlachtfelder begraben, galt dies auch für Erich Potthoff, Bruder Florentinus (Michael Lambach) um den die Franziskanerbrüder von St. Marienwörth trauerten, Bernhard König, Paul Gaul, Joh. Bretz, Georg Wehr, B. Weber, Karl Bechtholdt, Reinhard Messer, Otto Beyer, August Kohl, Joh. Schott, Franz Joseph Kiefer, Bosedow, Karl Schuster oder © Stadrarchiv: Hans Schwab, gefallen 24.09.1914 - MS Soldatenportr.Hans Schwab, dessen Foto sich in der Materialsammlung des Stadtarchivs zum Ersten Weltkrieg befindet. Entstanden im Atelier für künstlerische Photographie Philipp Does & Söhne,  zeigt es den am 26. Mai 1886 in Kreuznach geborenen „Handlungsgehülfen“  Johann Schwab in Uniform. Auf der Rückseite des Fotos ist handschriftlich vermerkt, dass er am 24. September in Crécy gefallen ist. Im Sterbeeintrag ist vermerkt, dass er infolge eines Gewehrschusses verstarb. Zum Zeitpunkt seines Todes war er als Unteroffizier der Reserve in der 9. Kompanie der Infanterieregimentes 137 eingesetzt. In zum Teil bewegend formulierten Todesanzeigen zeigten die Familien den Verlust ihrer Männer, Väter, Söhne und Bräutigame an. Ein Beispiel dafür ist die Anzeige zum Tode des Seeleutnant Dr. Fritz Schaefer, ehemaliger Seminarkandidat am Kreuznacher Gymnasium. Sie weist ihn, als innigst geliebten Bräutigam aus. Dass der Krieg die Lebensentwürfe von Frauen beeinflussen würde, wird darin deutlich, denn Dr. Schaefers Braut, Maria Cappallo, die 1978 verstarb, hat nie geheiratet. 

Neben ersten gefallenen Kriegstoten aus Kreuznach, die, wie es die Presse überhöht formuliert, den „Heldentod“ starben, werden im September die ersten „Kriegshelden“ erwähnt, Soldaten, denen aufgrund besonderer Leistungen eine Auszeichnung verliehen wurde. © Stadrarchiv: Otto Hersing, Ehrung Eisernes Kreuz - MS Otto HersingDas Eiserne Kreuz erhielt Otto Hersing, nachdem er als U-Boot-Kommandant den englischen Kreuzer „Pathfinder“ torpediert hatte, die erste Auszeichnung in Marinekreisen überhaupt. 1915 wurde ihm die Kreuznacher Ehrenbürgerschaft verliehen, des Weiteren wurde eine Straße nach ihm benannt. Auch der im Feld stehende Oberbürgermeister der Stadt Dr. Karl Schleicher erhielt das Eiserne Kreuz wie Schleip, von Mülmann, von Frantzius, Gerhard Witte, Eberts, Haack, von Hollwede, Settegast, Lauer, Heinrich Kindt und Heinrich Schmalz, ein Angestellter im städtischen Gaswerk, August Quickert, Ackva, Julius Förster und Heinrich Müller. Bei letzterem wurde auf die Kontinuität der Wehrhaftigkeit und des Einsatzes von Männern einer Familie im Krieg innerhalb von drei Generationen hingewiesen. Das Eiserne Kreuz, in den Befreiungskriegen entstanden, wurde diesen in den Freiheitskriegen, 1870/71 und jetzt im 1. Weltkrieg überreicht. Die Glorifizierung der siegreichen Kriege, die zum Vorbild für den aktuellen Krieg stilisiert wurden, war Thema in der öffentlichen Berichterstattung. Im Glauben auf einen Sieg wie 1814 oder 1870/71 wurden  auf vermeintliche Parallelitäten aus diesen Zeiten verwiesen. Sie fanden sich auch in privaten Äußerungen, Gedichten oder Liedern wider, obschon einige veröffentliche Feldpostbriefe auf die  Grauen des Krieges verweisen. So schreibt Friedrich Schlenger: „Unser schönes Schiff ist gestern untergegangen. Ich bin gerettet worden von S.M.S. Danzig. 60 Tote und 60-80 Verwundete. Ich bin vollständig intakt mir fehlt nichts … Es war ganz grauenhaft. Ich habe alles verloren, ich bin ganz nackt an Bord gekommen“.


Bild 1: © Stadrarchiv: Todesanzeige Oeffentlicher Aneiger 02.09.1914 Niemeier

Bild 2: © Stadrarchiv: Todesanzeige Kr.Ztg 05.09.1914, Mack

Bild 3: © Stadrarchiv: Liebesgaben MS GHQ2-3

Bild 4: © Stadrarchiv: Hans Schwab, gefallen 24.09.1914 - MS Soldatenportr.

Bild 5: © Stadrarchiv: Otto Hersing, Ehrung Eisernes Kreuz - MS Otto Hersing (Titelbild)

 
 
Öffnungszeiten

Donnerstag:
09:00 Uhr - 12:00 Uhr
Freitag:
14:00 Uhr - 17:00 Uhr

Telefonisch erreichbar:
Mi: 08:00 - 17:30 Uhr
Do:
08:00 - 17:30 Uhr
Fr:
08:00 - 17:00 Uhr

Außenstelle Bad Münster am Stein-Ebernburg
Mittwoch:

08:00 - 13:00 Uhr

Kontakt

Stadtarchiv
Dessauer Straße 49
55545 Bad Kreuznach

Leitung:
Franziska Blum-Gabelmann
Telefon:
0671 9201162

Verwaltung:
Regina Fuchs
Nadine Müller
Anne Wohlleben
Telefon:
0671 9201197
Fax:
0671 9201366
E-Mail: stadtarchiv@
bad-kreuznach.de


Außenstelle Bad Münster am Stein-Ebernburg

Salinenhof 2-4
55583 Bad Kreuznach

Ansprechpartner:
Karl-Ernst Laubenstein
Telefon: 0671 9201162

Mahnmal Koblenz

Der Förderverein Mahnmal Koblenz hat eine virtuelle Ausstellung zu Hugo Salzmann erstellt.

⇒ hier geht es zur virtuellen Ausstellung

Projekt Stadtfotograf