200 Jahre Heilbad: Radiumzeit in Bad Kreuznach - die Geburtsstunde der Radiobalneologie

Mit einer Weltneuheit wartete das Heilbad Bad Kreuznach in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf: Der Apotheker Dr. Karl Aschoff entdeckte und propagierte die Radontherapie, die erste medizinische Anwendung der Radioaktivität. In seinem Vortrag zum Abschluss der Reihe „200 Jahre Heilbad“ erzählt der Pharmaziehistoriker Dr. Stefan Drosse diese spannende Geschichte am Sonntag, 19. November, 15 Uhr, im Jagdzimmer des Schloßparkmuseums.

 

Die Entdeckung radioaktiver Elemente gab am Ende des 19. Jhs. die Erklä­rung für lange Zeit rätsel­hafte Beobachtungen an Heilquellen. Ihre Wirksamkeit, vor al­lem bei rheumatischen Erkran­kungen, war nun gezielt nutzbar. Bereits 1904 wies Karl Aschoff Ra­dium, Thorium und „Radiumemanation“ (Radon) in den Salinenproduk­ten nach, reicherte sie an und stellte frühe radiopharmazeutische Prä­parate her. In Zusam­menarbeit mit Kreuznacher Ärzten und Kliniken wurden hier die Grundlagen eines neuen Zweiges der Bäderwissen­schaft gelegt, der „Radiobalneologie“. Das Heilbad Kreuznach boomte dank der internationalen Radioaktivitätseuphorie. Bis zum Ersten Weltkrieg galt die Kurstadt als ein „Kompetenzzentrum“ dieser Therapie. Im Vortrag wird gezeigt, welche Tech­niken der Applika­tion hier erforscht wurden; Emanationsbäder, Trink­kuren, Neumannsche Aktiva­toren oder die erste Anwendung von Ra­don in einem Heilstollen.

In einer eige­nen „Radiumfabrik“ wurden die radioaktiven Elemente für diese Zwecke konzentriert. Das Radiolo­gische Institut und die Krebsklinik in Heidelberg wurden von hier mit Präparaten versorgt.  Der enorme Auf­schwung der Kurstadt manifestierte sich im Bau eines neuen Bäderhauses und reprä­sen­tativen Kur­hauses. Der Krieg sollte diese Entwicklung jäh unterbrechen, während ihm im „Radium-Taumel“ der 1920er-Jahre neue Bäder in anderen Teilen Deutschlands – mit vielfach höherer natürli­cher Akti­vität – den Rang streitig machten. Darge­stellt werden unter anderem die Bemühungen Aschoffs, den Kurort im Gespräch zu halten. Anhand seines Briefwech­sels, seiner Vorträge und eines Hörbildes können wir auch seine späten Forschungen nachvollziehen, die er mit Hans Cauer, dem „Vater der Luftchemie“, oder seinem Freiburger Vetter Ludwig Aschoff durchführte. Bis heute wird die Therapie im Stollen zur Behandlung rheumatischer Schmerzen erfolgreich praktiziert.

Eine Kooperationsveranstaltung des Schloßparkmuseums, der GuT und des Vereins für Heimatkunde für Stadt und Kreis Bad Kreuznach. Der Eintritt ist frei.

Dr. Michael Vesper


Historisches Foto Radonstollen: Stadtarchiv Bad Kreuznach